Unseliger Kreislauf

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Clemens Brentano: Unseliger Kreislauf (1808)

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Wohl täglich will erscheinen
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Die schöne Morgenröth,
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Den Thau muß nieder weinen,
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Die weis bekleidet geht,
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Luna ist sie genannt;
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Schneeweis thut sie uns leuchten,
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Macht uns den Tag bekannt.

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Und über ihr in Wonne
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Phöbus mit Gold bekleidt,
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Das ist die Liebessonne,
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Die alle Welt erfreut;
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Jedoch ihr klarer Schein
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Soll mich nicht gar abwenden,
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Wohl von dem Trauren mein.

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Hört auf ihr Sturmwind alle,
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Die wehn vom Himmeisschild,
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Mir ist in Sinn gefallen
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Ein adeliches Bild;
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Höflich und tugendreich,
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Selbst Absalon muß weichen,
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An Schönheit ihm nichts gleich.

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Orpheus, der konnte zwingen
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die wilde Thier im Wald,
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Sein Harfen und sein Singen
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Lockt sie zusammen bald;
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Das Wild in Fels und Stein
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Hört wohl das tiefe Klagen
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Und große Trauren mein.

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Süß Orpheus Saiten hallen,
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Und bitter meine Stimm
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In armer Lieb muß schallen;
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O Venus, laß den Grimm,
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Durch Lieb des Buhlen dein,
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Send meinem kranken Herzen
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Doch bald der Hülfe Schein.

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In mir hört man stets schlagen
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Ein unruhige Uhr,
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Und jeder Schlag will klagen
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Um spröde Schönheit nür;
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Hoffnung die Uhr zieht auf,
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So geht sie ewig, ewig
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Den schmerzlich bittern Lauf.

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Es rennen alle Bronnen
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Zusammen in das Meer,
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Und sind sie hingeronnen,
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So kehren sie daher;
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So auch die Seufzer mein
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Ziehn aus betrübtem Herzen,
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Und kehren wieder drein.

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Und sterbend schon in Leiden,
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Bitt ich dich auch allein,
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Du wollst mein Herz ausschneiden,
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Und legen in einen Stein;
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Damit anzeig ich blos,
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Daß dich ein Stein gebohren,
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Und nicht des Weibes Schoos.

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Für's andre lasse bauen
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Ein Gitter ob dem Stein,
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Daß jeder könne schauen
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Das elend Herze mein;
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Dem Amor vor der Zeit
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Durch Lieb und heimlich Leiden
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Genommen all sein Freud.

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Zum dritten ich begehre
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Begleite mich ins Grab,
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Ein Kränzlein mir verehre,
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Von bitterm Kraut Schabab;
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Leb wohl dies Kraut bedeut,
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Drum wird es auch wohl billig
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An meinen Leib gestreut.

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Zulezt ich noch begehre,
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Daß du mir trauren sollt,
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In Veilbraun mir zur Ehre,
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Der Farbe war ich hold;
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Trug sie im Leben mein,
76
Veilbraun will nichts bedeuten,
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Als Lieb und heimlich Pein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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