Sommerlied

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Clemens Brentano: Sommerlied (1808)

1
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
2
In dieser lieben Sommerzeit,
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An deines Gottes Gaben;
4
Schau an der schönen Gärten Zier,
5
Und siehe, wie sie mir und dir
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Sich ausgeschmücket haben.

7
Die Bäume stehen voller Laub,
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Das Erdreich decket seinen Staub
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Mit einem grünen Kleide.
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Narcissen und die Tulipan,
11
Die ziehen sich viel schöner an,
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Als Salamonis Seide.

13
Die Lerche schwingt sich in die Luft,
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Das Täubchen fleucht aus seiner Kluft,
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Und macht sich in die Wälder.
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Die hochgelobte Nachtigall
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Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
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Berg, Hügel, Thal und Felder.

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Die Glucke führt ihr Küchlein aus,
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Der Storch baut und bewohnt sein Haus,
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Das Schwälblein speißt die Jungen;
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Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
23
Ist froh, und kommt aus seiner Höh,
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Ins tiefe Gras gesprungen.

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Die Bächlein rauschen in dem Sand,
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Und mahlen sich in ihrem Rand
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Mit schattenreichen Myrthen;
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Die Wiesen liegen hart dabei,
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Und klingen ganz von Lustgeschrey
30
Der Schaaf und ihrer Hirten.

31
Die unverdroßne Bienenschaar
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Fleucht hin und her, sucht hier und dar
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Ihr edle Honigspeise;
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Des süßen Weinstocks starker Saft
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Bringt täglich neue Stärk und Kraft
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In seinem schwachen Reise.

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Ich selber kann und mag nicht ruhn,
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Des grossen Gottes grosses Thun
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Erweckt mir alle Sinnen;
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Ich singe mit, wenn alles singt,
41
Und lasse, was dem Höchsten klingt,
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Aus meinem Herzen rinnen.

43
Ach, denk ich, bist du hier so schön,
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Und lässest uns so lieblich gehn,
45
Auf dieser armen Erden;
46
Was will doch wohl nach dieser Welt
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Dort in dem festen Himmelszelt
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Und güldnem Schlosse werden.

49
O wär ich da! o stünd ich schon,
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Ach süßer Gott vor deinem Thron,
51
Und trüge mein Palmen;
52
So wollt ich nach der Engel Weis
53
Erhöhen deines Namens Preis
54
Mit tausend schönen Psalmen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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