1
Ein schwüler Sommerabend –
3
Flog ein Gewitter, feuersprühend,
4
Ueber die alte, sündige Stadt.
6
Nach himmlischen Thränen,
7
Und ich ruhebedürftiger,
9
Trat mit schwülen Gedanken,
10
Mit sorgenschwerer Brust,
11
Nach langer Zeit zum erstenmale
12
In eine graue, kühle Kathedrale.
14
Nur eine lichte Stelle:
15
Dort, wo der Gekreuzigte,
16
Der Heiland mit der Dornenkrone,
17
Sterbend sein Haupt zur Erde neigt;
18
Dort, wo des großen Dulders
20
Durch Priester in weibischen Röcken
21
Und durch Weihrauch schwingende Knaben
22
Gefeiert wird mit Götzendienst,
23
Und mit kindischen Opfergaben.
24
Musik durchströmte den Dom:
26
Folgten Versöhnung erflehende,
27
Weinenden Saiten entschwebte
30
Priesen den unsichtbaren,
31
Unbekannten Allerbarmer;
33
Kristall'nen Rosenkranz
34
Warf eine trauernde Harfe
35
Empor zu den von der Kuppel
36
Heruntergrüßenden Engelsbildern
38
Milde wieder zur Erde gleiten,
40
Die als köstlichster Balsam
41
Auf wunde Seelen tropften –
42
Da ward es Licht in mir;
43
Groll und Haß, Zweifel und Abscheu
44
Erschienen dem reuigen Herzen
46
Unwürdig seines Strebens,
47
Unwürdig seines tiefen Empfindens.
48
Und statt gesenkten Hauptes
49
Mit den andern zu beten,
50
War ich des Wunsches eingedenk,
51
Des frommen, reinen Wunsches
53
»an die dunkle Himmelsdecke,
54
Wo die goldnen Sterne scheinen,
55
Möcht' ich meine Lippen pressen,
56
Pressen wild und stürmisch weinen.«
58
Vor jenem hohen Schmerzenbilde,
59
Das mir noch keinen Trost
60
Und keine Hoffnung gespendet.
62
Vergängliche Menschensatzung,
63
Wenn inn're Stimmen mir sagen:
65
Ans Kreuz geschlagen« –?
67
An deine göttliche Sendung;
68
Aber ich glaube, Christus,
69
An deine göttliche Liebe,
70
Und ich beugte mich tief vor dir
73
Vor dir, der heldengroß
74
Sein irdisches Sein bezwungen;
75
Und ich pries deine hehre,
76
Pries deine herrliche Kraft,
77
Ich, der ich mich verzehre
78
In kleinlicher Leidenschaft.
87
Ihn rief ich an: »Laß mich
88
Nicht länger ringen mit Dämonen;
91
Wenn männliches Entsagen
92
Mich an Prometheus Felsen schmiedet;
93
Der Leidenschaften Sturmflut mag
94
Zu meinen Füßen brausen,
95
Mag ihren prickelnden Schaum
96
An meine Lenden spritzen,
97
Ich bin stark gegen Gelüste,
98
Schwach nur gegen mein Herz,
99
Das heilige Schwüre bricht,
100
Um nicht jedem Entgegenwallen
101
Mit schnödem Undank zu lohnen.
102
Schütze mich vor mir selber,
104
Vor Traumgebilden, zärtlichen Launen,
105
Und vor der Großmut, die mein Herz bestürmt;
107
Sich nicht erheben kann zu freier,
108
Olympischer Weltverachtung,
109
Oder zu schöner, allgemeiner,
110
Sich selbst vergessender Menschenliebe,
112
Von mir zur Schau getrag'ne,
113
Nur meinem Gram entstammte
115
Nicht mehr erkünstelt sein;
116
Dann komme des Friedhofs Ruhe,
117
Des Grabes Kälte über mich
118
Und lasse mein Blut erstarren –
119
Ich leide, weil ich zu heiß,
120
Weil ich zu menschlich fühle;
121
Erlöse mich aus solcher Not!
124
Als thörichte Sehnsucht
125
In öde Nacht hinauszuweinen?«
126
Doch nicht der Friedensengel,
127
Der Bote mit der umgestürzten,
128
Auf immer verrauchenden Fackel,
129
Erbarmte sich meiner Kümmernis.
131
In der altersgrauen Kirche
133
In rhythmischem Wellenschlag
134
Hinsäuselnde, Liebesglück
135
Und Liebesleid verkündende Weisen:
136
Bald von silbernen Flötenstimmen
137
Neckisch hingehauchte,
138
Bald in Glut getauchte,
139
Sinnverwirrende Lieder –
141
Erblaßten die Himmelslichter;
142
Ich weiß nicht, wie mir geschah,
143
Doch ein heimgegang'ner Dichter
145
Und ich dachte verronnener Tage
146
Und seiner Liebesklage:
155
Und man frage mich nicht,
157
Den fiebernden Sinnen entstieg'ne,
158
Von melodischem Wellengebraus
160
Jetzt die wunderbarste Verwandlung
161
Vor meine Augen zauberten.
162
Der Kirche gothische Pfeiler
164
Von goldumrankten Spiegelwänden
165
Zurückgestrahlten Feuersäulen;
166
Auf blumengeschmückter Kanzel
167
Standen scherzende Masken,
168
Und von Pause zu Pause
169
Erschallte bacchantischer Jubelruf;
171
In bunten Scharen, kosenden Paaren,
172
Ein glänzender Menschenstrom;
173
Durch den entweihten Dom
174
Schwirrten bethörende Klänge,
175
Erst langsam, dann immer geschwinder,
177
Nächtliche Wiegengesänge –
178
Und tanzend an mir vorüber,
179
Mit reichen Trachten angethan,
180
Streiften bekannte Frauengestalten,
182
Die bald freundlich, bald höhnisch grüßten
183
Oder zornig die Augen rollten,
184
Und andre, voller Hochmut,
185
Die mich nicht mehr kennen wollten.
187
Warf die Schönste von allen
188
Auf mich, den ernsten,
189
Unscheinbaren Fremdling,
190
Schmiegte sich, rasch erbleichend,
191
Fester an ihren Tänzer,
192
Den jungen, zierlichen Fant,
193
Und verschwand im Gedränge.
194
Da schmetterten wilde Fanfaren,
195
Flammten die Lichter empor
196
An die glitzernde Decke,
197
Und noch einmal erschien
199
Wohlbekannte Lockenkopf,
201
Zündeten dunkle, nie vergess'ne Augen,
202
Jetzt voller Wehmut, voller Verzeihung.
203
Du warst es, du, Marietta,
204
Du, der sündigen Kinder
207
In dem von Guten und Schlechten
208
Gierig geküßten, überall
210
Verfluchten Erdenschlamme –
212
So heiß begehrte, so heiß umarmte,
213
Vergessend, daß dein junges,
214
Dein lenzerfülltes, lachendes Herz
215
Mir, dem grämlichen Träumer,
217
Keine Treue schenken konnte.
218
O, seit jenen Stunden,
219
Wo mich dein Zauber gefangen,
220
Waren nicht viele, doch dürre,
221
Schleppende Jahre vergangen;
222
Und nun, in blendender Schönheit,
224
Und wecktest ersterbende Flammen.
225
Ich dachte: wir paßten zusammen;
226
Denn dem grämlichen Träumer
228
Du verleugnest ihn nicht!
230
Dem Herzen seinen Wahn.
231
Dürre, schleppende Jahre
232
Waren vorübergegangen;
234
Die weite Welt durchwandert
235
Und meiner Gedanken Glut
236
Nur dämpfen, nicht löschen können;
238
War noch nicht ganz vergessen!
239
Dein Anblick, Marietta,
240
Brachte helles Erinnern
241
An eine nordische Stadt
242
Und an dein schönes Zimmerchen,
243
So warm, wenn nächtlicher Schnee
244
An deine Fenster pickte,
245
So traulich, wenn im Kamine
246
Die letzten Scheiter verglommen,
247
Und der Lampe zitternder Schein
248
Dein bleiches Antlitz verklärte;
249
So süß, wenn im weißen Bettchen
250
An den trostbedürftigen Freund
251
Sich deine wonnigen Glieder schmiegten
252
Und dein kindliches, liebes Geplauder
253
»mich durch tiefes Verderben
254
Ein menschliches Herz erkennen ließ.«
255
Du hieltest mich fest umschlungen,
256
Und daß ich dich verstieß
257
Trotz solcher Erinnerungen,
258
Das war nicht wohlgethan!
259
Denn jetzt, mein armes Reh,
260
Schautest du mich mit Weh,
261
Mit stillem Vorwurf an.
263
Mit meines Denkens Schärfe,
264
Mit angeborner Selbstqual ergründend,
265
Sah ich den wilden Spuk
266
In matte Formen verschwimmen,
267
Sah ihn langsam umflossen
268
Von den Schatten der Nacht.
269
Wieder umhauchte mich Kirchenluft;
270
Langgedehnte Orgelaccorde
271
Gaben der nun vorüberwallenden
273
Ihr mahnendes Heimgeleite;
274
Und da – an meiner Seite
275
Erschien eine dunkle Gestalt;
276
Ich sah durch verschleiernde Spitzen
277
Freudiger Augen Blitzen
278
Und eine zarte, schmale Hand
279
Legte sich in die meine.
282
Sie fragte: »Hat dein Herz
283
Blinder Stolz gepanzert,
285
Von neuem Liebeskummer?
287
Ich auf den Knieen; doch dein Nahen
288
Entriß mich meiner Andacht;
289
Mein flehendes Auge hing
290
An deinen müden Zügen;
291
Mein ganzes Sinnen war bei dir.
292
Und dich, den ich tief betrauert,
293
Dich hat nichts durchschauert?
294
Sprich! was zog dich hieher?
295
Bist du weise geworden und fromm,
296
Bist du gläubig, Freund, und schwach,
297
Wie liebende Weiber? – Ach!
298
Nun ist alles vergessen – komm!« –
299
Und durch das Kirchenportal
300
Schritten wir schweigsam
301
Hinaus in die von grüßenden Sternen
302
Durchfunkelte Finsternis.
303
Vorüber war das Gewitter;
304
Meiner Gedanken Tumult
305
Stillte die nächtliche Kühle –
306
Und schweigende Straßen entlang,
307
Dann durch duftende Gärten
309
Vor hellerleuchtete Fenster,
310
Drückte mir leise die Hand
311
Und sprach: »Hier ist meine Klause;
312
Willkommen! – wir sind zu Hause.«
314
Trat ich über die gastliche Schwelle,
315
Um auf verlockenden Polstern,
316
Bei Blumenduft und Lichterglanz
317
Süßem Plaudern zu lauschen.
318
Kein trübsinniger Trotz,
319
Keine germanische Tugend
320
Wappnet gegen des Erbfeinds,
321
Gegen Galliens reizende Töchter.
323
Der unsagbaren Gefühle,
324
Die bald an Mariettas Brust,
325
An ihre heiße, wogende Brust
326
Und bald zurück mich riefen
327
In meiner Pflichten Begrenzung,
328
In sichrer Erfahrung Revier,
329
In den feurigen Kreis meiner Schwüre!
330
Der mich umklammernden
331
Welschen Versuchung zu wehren,
332
War verdienstliche That;
333
Ich kämpfte treu und tapfer,
335
Sich zu zärtlichster Liebe bekannte,
336
Mich den Herrn ihres Lebens nannte
337
Und mich um ewige Treue bat,
338
Da sprach, wohl am richtigen Orte,
339
Ich die gewichtigen Worte:
340
»liebe? was ist Liebe?
341
Du dachtest nicht mehr an mich,
342
Und flüchtiges, rasches Begegnen
344
An mein verwaistes dein erloschnes Herz;
346
Nicht Weihrauch willst du von mir
347
Für deine katholische Seele,
348
Und ich – ich suche nicht Liebe mehr;
349
Doch wenn, statt keusche Bitten
350
In schüchterne Worte zu hüllen,
351
Ich deinen ambrosischen Leib
352
Mit heidnischen Küssen bedecke,
353
Daß berückendste Wollust
354
Dir jede Fiber durchrieselt –
356
Wird brennende Erinnerung,
358
Durch deine, wie durch meine Adern toben,
359
Wilder lodernd als ewige Liebe.
361
Die kurze Trübsal hinwegzulächeln;
362
Denn deines Lebens Strudel
363
Verschlingt die Qualen der Erinnerung,
364
Wirbelt die tiefsten Schmerzen
365
Empor ans Sonnenlicht,
366
Daß sie wie Bläschen zerfließen.
367
Und wenn abends, im schimmernden Saal,
368
Musik ertönt, wenn süße Weisen,
369
Dämonenwalzer dich gaukelnd bestricken,
370
Tausend Zungen dich preisen,
371
Wird auch in solchen Augenblicken,
372
Marietta! mein Bild dir erscheinen?
373
Ach nein! der schäumende Sekt,
374
Der alsdann deine Lippen befeuchtet,
375
Wird zur erfrischenden Lethe,
376
Und selbst in einsamer Nacht,
378
Wird meiner nicht mehr gedacht.
379
Mich aber, den Dichter und Schwärmer,
380
Erwartet grausame Pein,
383
Um, ein neuer Tantalus,
385
Nach neuen Wonnen zu lechzen;
386
Wenn ich dem Zauber erliege,
391
Alles vernichtende Zeit
392
Selbst dein mit Flammenschrift
393
In mein dankbares Herz gegrab'nes
394
Holdes Bildnis erblassen läßt. –
395
Alles vermag die Zeit;
396
Doch langsam ist mein Vergessen,
399
Und ich weiß, was allein
400
Mich schützt vor grausamer Pein,
401
Nun wir uns wiedergefunden.
402
Sieh! für uns beide verscherzt
403
Ist frommes, friedliches Glück,
405
Das Leben sanft beleuchtet;
409
Gleicht einem steten Gewitter
410
Ueber schwankenden Bäumen,
411
Und einsam müssen wir hausen,
412
Du in deinem goldenen Flitter,
413
Und ich in meinen düstern Träumen,
414
Ich weiß, daß alles eitel,
415
Reizlos, farblos alles
417
Sinnverwirrende Küsse;
418
Doch was frommt es, daß dem verarmten,
420
Neue Blumen entsprießen?
421
Daß ich wieder für dich entbrenne?
423
Kein ruhiges, frohes Genießen!
424
Wenn ich dir sagte: Marietta,
425
Milde, sternlose Nacht
427
Zum Himmel jauchzender Treue
429
Die, für erkaltende Pulse
430
Nicht mehr erreichbar,
432
Des Todes Gähnen heraufbeschwören;
433
Es ist genug des Erwachens;
434
Laß uns in stiller Umarmung,
435
Mund auf Mund und mein geplagtes Herz
436
An deinem in letzter Glut
438
Träumen – verzeihen – vergessen.
439
Ist Sterben so schwer?
442
Nicht deines Geschickes würdig?
443
Ja, wenn ich schmeichelnd
444
Deine Gewährung erflehte –
445
Ich kenne dich – weiß, du würdest
446
In überströmender Großmut
447
Den unauflösbaren Bund
448
Mit heiligen Thränen begrüßen,
449
Würdest ihn, ohne Zögern,
450
Mit deinen Küssen besiegeln.
451
Doch es darf nicht sein –
452
Lustig flattre mein Täubchen empor
454
Im lichten Himmelsäther;
455
Deiner schmachtenden Augen Glanz
456
Trübe keine Entsagungsthräne,
457
Und kein Hauch des Todes berühre
458
Deiner Glieder sonnigen Marmor.
463
Noch darfst du mit kecker Hand
464
Den Freudenbecher erfassen:
465
Füll' ihn bis zum Rand!
466
Trinke betäubende Lethe
467
Und zu den Göttern bete,
468
Daß sie dich jung und schmerzlos sterben lassen!
469
Schöne Fackelträgerin,
470
Leuchte Bessern, leuchte Kühnern
471
In dein mit immer frischen Rosen
472
Prangendes Brautgemach!
473
Ich bin nicht, was ich war –
475
Das Leben tiefe Furchen;
476
Auf meine Schläfen ist
477
Schon etwas Schnee gefallen;
478
Leb' wohl auf immerdar!
480
Bin nicht weise genug,
482
An deiner Seite zu vertändeln;
484
Weil ich, an gottgeweihter Stelle,
486
Laß mich, entsagungsstark,
487
In dir geweihten Gedanken
488
Draußen, vor deiner Schwelle
489
An die dunkle Himmelsdecke,
490
Wo die goldnen Sterne scheinen,
491
Stürmisch meine Lippen pressen
492
Und vergehn in stillem Weinen.«
493
Doch stürmisch umschlang mich Marietta,
494
Preßte ihr lockenumwogtes
496
An meine bebende Brust
497
Und hob es langsam empor,
498
Leuchtend in Jugendfeuer,
499
Und die großen, stolzen,
500
Die glückverheißenden,
502
Schauten schmerzlich in die meinen;
503
Und sie sprach die bittenden Worte:
504
»nicht mir dies finst're Gesicht!
505
Geliebter, Einziggeliebter,
506
O bleibe! Verschmähe mich nicht!«
507
Da berauschte mich Götterlust;
508
Durch meine Adern stürzte
510
Gedankenversengender Lavastrom
511
Und ich umfaßte die schlanke Gestalt,
512
Küßte die blühenden Lippen
513
Und rief: »Ich lasse dich nimmermehr!
514
Fort mit der Tugend blöden Bedenken;
515
Dein bin ich, Geliebte, dein!
516
Ja, das Glück, das süßeste Glück
517
Ist nur bei dir, Marietta:
518
Komm! laß uns glücklich sein.« –
523
O wie sprangen die Brunnen
524
In Mariettas Blumenpark;
525
Wie munter pfiffen die Vögel
526
In der Bäume rauschenden Kronen,
527
Als rosige Morgendämmerung
528
Den Scheidenden empfing!
529
Rang ich da mit Dämonen?
530
Gähnte mir aus der Tiefe,
531
Von verschütteten Wegen
532
Der fahle Tod entgegen?
533
Und als der Sonne lebendiger Strahl
534
Von des Domes goldnen Spitzen,
535
Wie göttlicher Augen Blitzen
536
In mein sündiges Herz sich stahl,
537
Sagt an, ihr dunkeln Gewalten,
538
Ließ erwachende Scham,
539
Ließ verzweifelnder Gram
541
Daß ich in Grabesschauern erbebte?
543
Nach langen Seelenleiden,
544
Entzückende Wärme, strahlendes Licht.