[ein schwüler Sommerabend]

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Ludwig Ferdinand) (Schmid Dranmor: [ein schwüler Sommerabend] (1855)

1
Ein schwüler Sommerabend –
2
Rasch zusammengeballt
3
Flog ein Gewitter, feuersprühend,
4
Ueber die alte, sündige Stadt.
5
Die Erde lechzte
6
Nach himmlischen Thränen,
7
Und ich ruhebedürftiger,
8
Einsamer Fremdling
9
Trat mit schwülen Gedanken,
10
Mit sorgenschwerer Brust,
11
Nach langer Zeit zum erstenmale
12
In eine graue, kühle Kathedrale.

13
Im weiten Raum
14
Nur eine lichte Stelle:
15
Dort, wo der Gekreuzigte,
16
Der Heiland mit der Dornenkrone,
17
Sterbend sein Haupt zur Erde neigt;
18
Dort, wo des großen Dulders
19
Weltumfassendes Herz
20
Durch Priester in weibischen Röcken
21
Und durch Weihrauch schwingende Knaben
22
Gefeiert wird mit Götzendienst,
23
Und mit kindischen Opfergaben.

24
Musik durchströmte den Dom:
25
Drohendem Posaunenrufe
26
Folgten Versöhnung erflehende,
27
Weinenden Saiten entschwebte
28
Hymnen der Liebe;
29
Süße Frauenstimmen
30
Priesen den unsichtbaren,
31
Unbekannten Allerbarmer;
32
Und ihrer Klänge
33
Kristall'nen Rosenkranz
34
Warf eine trauernde Harfe
35
Empor zu den von der Kuppel
36
Heruntergrüßenden Engelsbildern
37
Und ließ die Töne
38
Milde wieder zur Erde gleiten,
39
In Thränen verwandelt,
40
Die als köstlichster Balsam
41
Auf wunde Seelen tropften –
42
Da ward es Licht in mir;
43
Groll und Haß, Zweifel und Abscheu
44
Erschienen dem reuigen Herzen
45
Als nichtige Last,
46
Unwürdig seines Strebens,
47
Unwürdig seines tiefen Empfindens.
48
Und statt gesenkten Hauptes
49
Mit den andern zu beten,
50
War ich des Wunsches eingedenk,
51
Des frommen, reinen Wunsches
52
Eines frivolen Poeten:

53
»an die dunkle Himmelsdecke,
54
Wo die goldnen Sterne scheinen,
55
Möcht' ich meine Lippen pressen,
56
Pressen wild und stürmisch weinen.«

57
Nicht knieen kann ich
58
Vor jenem hohen Schmerzenbilde,
59
Das mir noch keinen Trost
60
Und keine Hoffnung gespendet.
61
Was kümmert mich
62
Vergängliche Menschensatzung,
63
Wenn inn're Stimmen mir sagen:
64
»nie wurde Gott
65
Ans Kreuz geschlagen« –?
66
Nicht glauben kann ich
67
An deine göttliche Sendung;
68
Aber ich glaube, Christus,
69
An deine göttliche Liebe,
70
Und ich beugte mich tief vor dir
71
In jener ernsten,
72
Feierlichen Stunde,
73
Vor dir, der heldengroß
74
Sein irdisches Sein bezwungen;
75
Und ich pries deine hehre,
76
Pries deine herrliche Kraft,
77
Ich, der ich mich verzehre
78
In kleinlicher Leidenschaft.

79
Daß der unerforschliche,
80
Das Weltall bewegende,
81
Unnahbare Urgeist
82
Zu mir, dem Atome,
83
Gnädig herniederschaute,
84
Ach, kann es sein?
85
Er, dem allein
86
Ich mein innerstes Leid vertraute?

87
Ihn rief ich an: »Laß mich
88
Nicht länger ringen mit Dämonen;
89
Laß keinen Geier mir
90
Das Herz zerfleischen,
91
Wenn männliches Entsagen
92
Mich an Prometheus Felsen schmiedet;
93
Der Leidenschaften Sturmflut mag
94
Zu meinen Füßen brausen,
95
Mag ihren prickelnden Schaum
96
An meine Lenden spritzen,
97
Ich bin stark gegen Gelüste,
98
Schwach nur gegen mein Herz,
99
Das heilige Schwüre bricht,
100
Um nicht jedem Entgegenwallen
101
Mit schnödem Undank zu lohnen.
102
Schütze mich vor mir selber,
103
Bewahre mich
104
Vor Traumgebilden, zärtlichen Launen,
105
Und vor der Großmut, die mein Herz bestürmt;
106
Doch wenn es
107
Sich nicht erheben kann zu freier,
108
Olympischer Weltverachtung,
109
Oder zu schöner, allgemeiner,
110
Sich selbst vergessender Menschenliebe,
111
Dann möge der
112
Von mir zur Schau getrag'ne,
113
Nur meinem Gram entstammte
114
Frostige Gleichmut
115
Nicht mehr erkünstelt sein;
116
Dann komme des Friedhofs Ruhe,
117
Des Grabes Kälte über mich
118
Und lasse mein Blut erstarren –
119
Ich leide, weil ich zu heiß,
120
Weil ich zu menschlich fühle;
121
Erlöse mich aus solcher Not!
122
Innerlich tot
123
Ist das nicht besser,
124
Als thörichte Sehnsucht
125
In öde Nacht hinauszuweinen?«

126
Doch nicht der Friedensengel,
127
Der Bote mit der umgestürzten,
128
Auf immer verrauchenden Fackel,
129
Erbarmte sich meiner Kümmernis.
130
Ueber meinem Haupte,
131
In der altersgrauen Kirche
132
Erklangen weltliche,
133
In rhythmischem Wellenschlag
134
Hinsäuselnde, Liebesglück
135
Und Liebesleid verkündende Weisen:
136
Bald von silbernen Flötenstimmen
137
Neckisch hingehauchte,
138
Bald in Glut getauchte,
139
Sinnverwirrende Lieder –
140
Und wieder
141
Erblaßten die Himmelslichter;
142
Ich weiß nicht, wie mir geschah,
143
Doch ein heimgegang'ner Dichter
144
War meiner Seele nah,
145
Und ich dachte verronnener Tage
146
Und seiner Liebesklage:

147
»frage mich nicht:
148
Wie wird's noch mit uns beiden?
149
Laß, bis es bricht,
150
Dem Herzen seinen Wahn;
151
O, ich versteh'
152
Dein schönes, frommes Leiden;
153
Schaust mich mit Weh,
154
Mit stillem Vorwurf an.«

155
Und man frage mich nicht,
156
Wie schrankenlose,
157
Den fiebernden Sinnen entstieg'ne,
158
Von melodischem Wellengebraus
159
Durchflutete Träume
160
Jetzt die wunderbarste Verwandlung
161
Vor meine Augen zauberten.
162
Der Kirche gothische Pfeiler
163
Wurden zu tausendfach
164
Von goldumrankten Spiegelwänden
165
Zurückgestrahlten Feuersäulen;
166
Auf blumengeschmückter Kanzel
167
Standen scherzende Masken,
168
Und von Pause zu Pause
169
Erschallte bacchantischer Jubelruf;
170
Auf und nieder wogte
171
In bunten Scharen, kosenden Paaren,
172
Ein glänzender Menschenstrom;
173
Durch den entweihten Dom
174
Schwirrten bethörende Klänge,
175
Erst langsam, dann immer geschwinder,
176
Gefallener Kinder
177
Nächtliche Wiegengesänge –
178
Und tanzend an mir vorüber,
179
Mit reichen Trachten angethan,
180
Streiften bekannte Frauengestalten,
181
Alle wohl erhalten,
182
Die bald freundlich, bald höhnisch grüßten
183
Oder zornig die Augen rollten,
184
Und andre, voller Hochmut,
185
Die mich nicht mehr kennen wollten.

186
Doch erstaunte Blicke
187
Warf die Schönste von allen
188
Auf mich, den ernsten,
189
Unscheinbaren Fremdling,
190
Schmiegte sich, rasch erbleichend,
191
Fester an ihren Tänzer,
192
Den jungen, zierlichen Fant,
193
Und verschwand im Gedränge.
194
Da schmetterten wilde Fanfaren,
195
Flammten die Lichter empor
196
An die glitzernde Decke,
197
Und noch einmal erschien
198
Der rosenbekränzte,
199
Wohlbekannte Lockenkopf,
200
Und wieder zu mir
201
Zündeten dunkle, nie vergess'ne Augen,
202
Jetzt voller Wehmut, voller Verzeihung.

203
Du warst es, du, Marietta,
204
Du, der sündigen Kinder
205
Schönstes und Bestes;
206
Leuchtende Perle
207
In dem von Guten und Schlechten
208
Gierig geküßten, überall
209
Geliebten, überall
210
Verfluchten Erdenschlamme –
211
Du, die ich einst
212
So heiß begehrte, so heiß umarmte,
213
Vergessend, daß dein junges,
214
Dein lenzerfülltes, lachendes Herz
215
Mir, dem grämlichen Träumer,
216
Keine züchtige Liebe,
217
Keine Treue schenken konnte.
218
O, seit jenen Stunden,
219
Wo mich dein Zauber gefangen,
220
Waren nicht viele, doch dürre,
221
Schleppende Jahre vergangen;
222
Und nun, in blendender Schönheit,
223
Warst du wieder da
224
Und wecktest ersterbende Flammen.
225
Ich dachte: wir paßten zusammen;
226
Denn dem grämlichen Träumer
227
Bliebst du zugethan;
228
Du verleugnest ihn nicht!
229
Laß, bis es bricht,
230
Dem Herzen seinen Wahn.

231
Dürre, schleppende Jahre
232
Waren vorübergegangen;
233
Ich hatte wieder
234
Die weite Welt durchwandert
235
Und meiner Gedanken Glut
236
Nur dämpfen, nicht löschen können;
237
Vieles, vieles
238
War noch nicht ganz vergessen!
239
Dein Anblick, Marietta,
240
Brachte helles Erinnern
241
An eine nordische Stadt
242
Und an dein schönes Zimmerchen,
243
So warm, wenn nächtlicher Schnee
244
An deine Fenster pickte,
245
So traulich, wenn im Kamine
246
Die letzten Scheiter verglommen,
247
Und der Lampe zitternder Schein
248
Dein bleiches Antlitz verklärte;
249
So süß, wenn im weißen Bettchen
250
An den trostbedürftigen Freund
251
Sich deine wonnigen Glieder schmiegten
252
Und dein kindliches, liebes Geplauder
253
»mich durch tiefes Verderben
254
Ein menschliches Herz erkennen ließ.«
255
Du hieltest mich fest umschlungen,
256
Und daß ich dich verstieß
257
Trotz solcher Erinnerungen,
258
Das war nicht wohlgethan!
259
Denn jetzt, mein armes Reh,
260
Schautest du mich mit Weh,
261
Mit stillem Vorwurf an.

262
Und diesen Vorwurf
263
Mit meines Denkens Schärfe,
264
Mit angeborner Selbstqual ergründend,
265
Sah ich den wilden Spuk
266
In matte Formen verschwimmen,
267
Sah ihn langsam umflossen
268
Von den Schatten der Nacht.
269
Wieder umhauchte mich Kirchenluft;
270
Langgedehnte Orgelaccorde
271
Gaben der nun vorüberwallenden
272
Schar der Gläubigen
273
Ihr mahnendes Heimgeleite;
274
Und da – an meiner Seite
275
Erschien eine dunkle Gestalt;
276
Ich sah durch verschleiernde Spitzen
277
Freudiger Augen Blitzen
278
Und eine zarte, schmale Hand
279
Legte sich in die meine.

280
O Wunder! an meiner Seite stand
281
Marietta, die liebe Kleine.

282
Sie fragte: »Hat dein Herz
283
Blinder Stolz gepanzert,
284
Oder ist es bedrängt
285
Von neuem Liebeskummer?
286
Inbrünstig betend lag
287
Ich auf den Knieen; doch dein Nahen
288
Entriß mich meiner Andacht;
289
Mein flehendes Auge hing
290
An deinen müden Zügen;
291
Mein ganzes Sinnen war bei dir.
292
Und dich, den ich tief betrauert,
293
Dich hat nichts durchschauert?
294
Sprich! was zog dich hieher?
295
Bist du weise geworden und fromm,
296
Bist du gläubig, Freund, und schwach,
297
Wie liebende Weiber? – Ach!
298
Nun ist alles vergessen – komm!« –

299
Und durch das Kirchenportal
300
Schritten wir schweigsam
301
Hinaus in die von grüßenden Sternen
302
Durchfunkelte Finsternis.
303
Vorüber war das Gewitter;
304
Meiner Gedanken Tumult
305
Stillte die nächtliche Kühle –
306
Und schweigende Straßen entlang,
307
Dann durch duftende Gärten
308
Führte mich Marietta
309
Vor hellerleuchtete Fenster,
310
Drückte mir leise die Hand
311
Und sprach: »Hier ist meine Klause;
312
Willkommen! – wir sind zu Hause.«

313
Nicht ohne Furcht
314
Trat ich über die gastliche Schwelle,
315
Um auf verlockenden Polstern,
316
Bei Blumenduft und Lichterglanz
317
Süßem Plaudern zu lauschen.
318
Kein trübsinniger Trotz,
319
Keine germanische Tugend
320
Wappnet gegen des Erbfeinds,
321
Gegen Galliens reizende Töchter.
322
O der entfesselten,
323
Der unsagbaren Gefühle,
324
Die bald an Mariettas Brust,
325
An ihre heiße, wogende Brust
326
Und bald zurück mich riefen
327
In meiner Pflichten Begrenzung,
328
In sichrer Erfahrung Revier,
329
In den feurigen Kreis meiner Schwüre!
330
Der mich umklammernden
331
Welschen Versuchung zu wehren,
332
War verdienstliche That;
333
Ich kämpfte treu und tapfer,
334
Und als Marietta
335
Sich zu zärtlichster Liebe bekannte,
336
Mich den Herrn ihres Lebens nannte
337
Und mich um ewige Treue bat,
338
Da sprach, wohl am richtigen Orte,
339
Ich die gewichtigen Worte:

340
»liebe? was ist Liebe?
341
Du dachtest nicht mehr an mich,
342
Und flüchtiges, rasches Begegnen
343
Wirft heute wieder
344
An mein verwaistes dein erloschnes Herz;
345
O Marietta!
346
Nicht Weihrauch willst du von mir
347
Für deine katholische Seele,
348
Und ich – ich suche nicht Liebe mehr;
349
Doch wenn, statt keusche Bitten
350
In schüchterne Worte zu hüllen,
351
Ich deinen ambrosischen Leib
352
Mit heidnischen Küssen bedecke,
353
Daß berückendste Wollust
354
Dir jede Fiber durchrieselt –
355
Dann, ja dann
356
Wird brennende Erinnerung,
357
Verzehrende Sehnsucht
358
Durch deine, wie durch meine Adern toben,
359
Wilder lodernd als ewige Liebe.

360
Dir ist es vergönnt,
361
Die kurze Trübsal hinwegzulächeln;
362
Denn deines Lebens Strudel
363
Verschlingt die Qualen der Erinnerung,
364
Wirbelt die tiefsten Schmerzen
365
Empor ans Sonnenlicht,
366
Daß sie wie Bläschen zerfließen.
367
Und wenn abends, im schimmernden Saal,
368
Musik ertönt, wenn süße Weisen,
369
Dämonenwalzer dich gaukelnd bestricken,
370
Tausend Zungen dich preisen,
371
Wird auch in solchen Augenblicken,
372
Marietta! mein Bild dir erscheinen?
373
Ach nein! der schäumende Sekt,
374
Der alsdann deine Lippen befeuchtet,
375
Wird zur erfrischenden Lethe,
376
Und selbst in einsamer Nacht,
377
Im gewohnten Gebete,
378
Wird meiner nicht mehr gedacht.

379
Mich aber, den Dichter und Schwärmer,
380
Erwartet grausame Pein,
381
Wenn deiner Umarmung
382
Ich wieder entfliehe,
383
Um, ein neuer Tantalus,
384
In trostloser Wüste
385
Nach neuen Wonnen zu lechzen;
386
Wenn ich dem Zauber erliege,
387
Harren meiner draußen
388
Schmerzen des Todes,
389
Bis die allmächtige,
390
Alles verheerende,
391
Alles vernichtende Zeit
392
Selbst dein mit Flammenschrift
393
In mein dankbares Herz gegrab'nes
394
Holdes Bildnis erblassen läßt. –
395
Alles vermag die Zeit;
396
Doch langsam ist mein Vergessen,
397
Heißer als anderer
398
Brennen meine Wunden,
399
Und ich weiß, was allein
400
Mich schützt vor grausamer Pein,
401
Nun wir uns wiedergefunden.

402
Sieh! für uns beide verscherzt
403
Ist frommes, friedliches Glück,
404
Ist jene Liebe, die
405
Das Leben sanft beleuchtet;
406
Wir können, dürfen
407
Uns nicht gehören –
408
Unser beider Los
409
Gleicht einem steten Gewitter
410
Ueber schwankenden Bäumen,
411
Und einsam müssen wir hausen,
412
Du in deinem goldenen Flitter,
413
Und ich in meinen düstern Träumen,

414
Ich weiß, daß alles eitel,
415
Reizlos, farblos alles
416
Ohne des Weibes
417
Sinnverwirrende Küsse;
418
Doch was frommt es, daß dem verarmten,
419
Dem verkohlten Herzen
420
Neue Blumen entsprießen?
421
Daß ich wieder für dich entbrenne?
422
Ach, ich kenne
423
Kein ruhiges, frohes Genießen!

424
Wenn ich dir sagte: Marietta,
425
Milde, sternlose Nacht
426
Folge minutenlanger
427
Zum Himmel jauchzender Treue
428
Und veredle Wonnen,
429
Die, für erkaltende Pulse
430
Nicht mehr erreichbar,
431
Aus gähnender Tiefe
432
Des Todes Gähnen heraufbeschwören;
433
Es ist genug des Erwachens;
434
Laß uns in stiller Umarmung,
435
Mund auf Mund und mein geplagtes Herz
436
An deinem in letzter Glut
437
Auflodernden Herzen,
438
Träumen – verzeihen – vergessen.
439
Ist Sterben so schwer?
440
Wäre solches Sterben
441
Nicht meiner Trauer,
442
Nicht deines Geschickes würdig?
443
Ja, wenn ich schmeichelnd
444
Deine Gewährung erflehte –
445
Ich kenne dich – weiß, du würdest
446
In überströmender Großmut
447
Den unauflösbaren Bund
448
Mit heiligen Thränen begrüßen,
449
Würdest ihn, ohne Zögern,
450
Mit deinen Küssen besiegeln.
451
Doch es darf nicht sein –
452
Lustig flattre mein Täubchen empor
453
Und bade seine Flügel
454
Im lichten Himmelsäther;
455
Deiner schmachtenden Augen Glanz
456
Trübe keine Entsagungsthräne,
457
Und kein Hauch des Todes berühre
458
Deiner Glieder sonnigen Marmor.
459
Lebe! freue dich
460
Ohne kränkelnde Reue!
461
Fort mit der Treue –
462
Bleibe, wie du bist!
463
Noch darfst du mit kecker Hand
464
Den Freudenbecher erfassen:
465
Füll' ihn bis zum Rand!
466
Trinke betäubende Lethe
467
Und zu den Göttern bete,
468
Daß sie dich jung und schmerzlos sterben lassen!

469
Schöne Fackelträgerin,
470
Leuchte Bessern, leuchte Kühnern
471
In dein mit immer frischen Rosen
472
Prangendes Brautgemach!
473
Ich bin nicht, was ich war –
474
In meine Stirne grub
475
Das Leben tiefe Furchen;
476
Auf meine Schläfen ist
477
Schon etwas Schnee gefallen;
478
Leb' wohl auf immerdar!
479
Ich bin nicht heiter,
480
Bin nicht weise genug,
481
Um meiner Tage Rest
482
An deiner Seite zu vertändeln;
483
Marietta, gute Nacht!
484
Weil ich, an gottgeweihter Stelle,
485
Heute deiner gedacht,
486
Laß mich, entsagungsstark,
487
In dir geweihten Gedanken
488
Draußen, vor deiner Schwelle

489
An die dunkle Himmelsdecke,
490
Wo die goldnen Sterne scheinen,
491
Stürmisch meine Lippen pressen
492
Und vergehn in stillem Weinen.«

493
Doch stürmisch umschlang mich Marietta,
494
Preßte ihr lockenumwogtes
495
Kindliches Antlitz
496
An meine bebende Brust
497
Und hob es langsam empor,
498
Leuchtend in Jugendfeuer,
499
Und die großen, stolzen,
500
Die glückverheißenden,
501
Liebeskundigen Augen
502
Schauten schmerzlich in die meinen;
503
Und sie sprach die bittenden Worte:
504
»nicht mir dies finst're Gesicht!
505
Geliebter, Einziggeliebter,
506
O bleibe! Verschmähe mich nicht!«

507
Da berauschte mich Götterlust;
508
Durch meine Adern stürzte
509
Ein gewaltiger
510
Gedankenversengender Lavastrom
511
Und ich umfaßte die schlanke Gestalt,
512
Küßte die blühenden Lippen
513
Und rief: »Ich lasse dich nimmermehr!
514
Fort mit der Tugend blöden Bedenken;
515
Dein bin ich, Geliebte, dein!
516
Ja, das Glück, das süßeste Glück
517
Ist nur bei dir, Marietta:
518
Komm! laß uns glücklich sein.« –

519
– – – – – – – – – – – – – – – –
520
– – – – – – – – – – – – – – – –
521
– – – – – – – – – – – – – – – –
522
– – – – – – – – – – – – – – – –

523
O wie sprangen die Brunnen
524
In Mariettas Blumenpark;
525
Wie munter pfiffen die Vögel
526
In der Bäume rauschenden Kronen,
527
Als rosige Morgendämmerung
528
Den Scheidenden empfing!
529
Rang ich da mit Dämonen?
530
Gähnte mir aus der Tiefe,
531
Von verschütteten Wegen
532
Der fahle Tod entgegen?
533
Und als der Sonne lebendiger Strahl
534
Von des Domes goldnen Spitzen,
535
Wie göttlicher Augen Blitzen
536
In mein sündiges Herz sich stahl,
537
Sagt an, ihr dunkeln Gewalten,
538
Ließ erwachende Scham,
539
Ließ verzweifelnder Gram
540
Meine Pulse erkalten,
541
Daß ich in Grabesschauern erbebte?
542
Nein! mich belebte,
543
Nach langen Seelenleiden,
544
Entzückende Wärme, strahlendes Licht.

545
Marietta! Marietta!
546
Frage mich nicht:
547
Wie wird's noch mit uns Beiden?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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