Ich bin kein obdachloser Hirtenknabe

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Ludwig Ferdinand) (Schmid Dranmor: Ich bin kein obdachloser Hirtenknabe Titel entspricht 1. Vers(1855)

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Ich bin kein obdachloser Hirtenknabe
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Von rauhen Worten und von groben Sitten,
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Marilia, ohne Herd und andre Habe,
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Der heute Hitze, gestern Frost erlitten;
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Nein, ich besitze selber Haus und Weide
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Und ziehe mir Gemüse, Oel und Wein;
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Ich hüte Schafe, doch die Milch ist mein,
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Die Wolle auch, mit der ich mich bekleide.

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Mein Antlitz sah ich jüngst in einer Quelle
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Und brauchte nicht vor Runzeln zu erschrecken;
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Kommt einer mir zu nahe – auf der Stelle
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Bedien' ich ihn mit meinem langen Stecken.
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Gut bin ich auf der Flöte unterrichtet,
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Zu meines eignen Meisters Neid und Grimm;
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Auch sing' ich – meine Stimme ist nicht schlimm –
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Nur solche Lieder, die ich selbst gedichtet.

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Doch bin ich deshalb glücklich? – Gott behüte!
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Jetzt mußt du das Geständnis mir verzeihen:
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O süße Schäferin, nur deine Güte
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Kann meinen Schätzen wahren Wert verleihen;
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Nimm alles, alles hin, Marilia, throne
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Als Herrin über Herden, Haus und Land;
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Schön ist der Reichtum, – doch für deine Hand
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Gäb' ich mit Freuden eines Königs Krone.

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Aus deinen Augen strahlt des Himmels Wonne,
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Wie frischgefallner Schnee sind deine Wangen,
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Die in der vollen Glut der Mittagssonne
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Wie junger Mohn, wie zarte Rosen prangen;
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Die Locken wie gedreht aus feinstem Golde,
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Balsamisch duftet deine Nähe – nie,
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Marilia, rief des Dichters Phantasie
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Ein Bild hervor wie deins, du Einzigholde.

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Wenn auch der Fluß aus seinem Bette träte,
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Daß meine wohlbestellte Saat verdürbe;
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Wenn sich die Pest bei mir zu Gaste bäte,
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Daß mir ein Schäfchen nach dem andern stürbe –
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Das würde jetzt mir wenig Sorgen machen;
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Und blendet mich der Glanz der Städte? – Nein!
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Marilia, reich und glücklich werd' ich sein,
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Wenn deine Augen mir entgegenlachen.

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Wie wird fortan, am Arme deines Gatten,
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Der Wälder Einsamkeit dein Herz erquicken!
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Zur Mittagsstunde mußt du mir gestatten,
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In deinem Schoße leise einzunicken.
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An Lustbarkeiten, die ich gern versäume,
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Ergötze sich der Nachbarn wilde Schar –
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Ich flechte Blümchen in dein blondes Haar
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Und schneide deinen Namen in die Bäume.

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Wenn einst erlöschen unseres Lebens Flammen,
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Hier oder wo wir sonst uns niederließen,
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Wir bleiben doch, wir bleiben doch beisammen;
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Ein gleiches, gleiches Grab wird uns umschließen.
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Ein Monument, umgrünt von Trauerweiden,
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Dem Hirtenvolke sichtbar, trage dann
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Den kurzen Text: »Wahrhaft beglücken kann
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Die Liebe nur – das wußten diese beiden.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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