1.

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Ludwig Ferdinand) (Schmid Dranmor: 1. (1855)

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Milliarden kommen und verschwinden wieder
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Im großen All nach kurzer Lebensreise;
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Giganten, Zwerge, Kinder oder Greise,
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Wir sind nur einer Kette morsche Glieder.

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Die Erde mäßigt nie den immergleichen,
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Den steten Lauf. Wir gehen rasch zu Grunde;
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Gleichgültig sieht mit jeglicher Sekunde
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Die Sonne neue Wesen, neue Leichen.

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Nur was bewußtlos der Natur entsprossen,
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Hält an der Scholle fest mit starken Ranken;
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Der Menschheit wurden tötliche Gedanken
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Als frühe Mahnung ins Gehirn gegossen.

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Es möchte, wen zu edeln Seelenleiden
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Die große Pflegemutter auserkoren,
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Einst leuchtend, gleich des Himmels Meteoren,
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Doch unvergänglich von der Erde scheiden.

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Hier aber will er herrschen und besitzen,
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Der Kunst, des Wissens letztes Wort ergründen,
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Der starren Mitwelt seine Macht verkünden
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Mit kühnen Thaten oder Geistesblitzen.

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Mag auch sein Blut aus tiefen Wunden fließen,
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Den Sieger grüßen schmetternde Fanfaren,
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Wenn endlich seinem Blick, dem festen, klaren,
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Der Erde letzte Wunder sich erschließen.

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Den Pflegling, der sich stolz emporgerungen,
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Sie läßt ihn an den fernsten Küsten landen;
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Schon ist sein Dampfroß bis zum Fuß der Anden
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Und bis zum Himalaja vorgedrungen,

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Daß dort die Adler in die Lüfte rauschen,
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Versprengte Herden durch die Steppen jagen,
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Und Indianer, weit ins Land verschlagen,
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Entsetzt dem neuen Schrei des Fortschritts lauschen;

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Daß hier die Löwen durch die Schluchten brüllen,
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Die Elefanten durch die Wälder traben,
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Die Tiger sich im Bambusrohr begraben
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Und so der Zeiten Machtgebot erfüllen;

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Daß, wenn das Ungetüm auf sicherm Damme
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Schnaubend dahinfährt, tausend Krokodille
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Auf einmal in der heil'gen Ströme Stille
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Sich pfeilschnell retten aus dem Uferschlamme,

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Und wenn es über die granitnen Brücken
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Und durch die Tunnels donnert, und der Boden
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Ringsum erzittert, sich in den Pagoden
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Die Götzenbilder bis zur Erde bücken.

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Bewegung, Fortschritt predigt das Jahrhundert;
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Wir lachen derer, die zurückgeblieben,
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Und fühlen uns gewaltsam fortgetrieben
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Und sind darob zuweilen selbst verwundert.

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Wir wissen kaum, warum wir vorwärts schauen;
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Erschüttert ist der schöne Christenglaube;
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Doch mächtig bleibt der Drang, mit unserm Staube
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Der Nachwelt neue Tempel aufzubauen.

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Sie aber wird zu andern Göttern beten
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Und unsern Werken wenig Achtung zollen
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Und dem Verhängnis selber trotzen wollen
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Mit neuen Helden, Denkern und Propheten.

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Auch
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Und keiner kann des Lichtes Quelle finden;
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Wir alle, die wir denken und empfinden,
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Wir müssen unbefriedigt untergehen.

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O, trotz der Dunkelheit des Todespfades
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Fortdauern? – Wort des Zweifels und des Truges!
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Für dort – ein Schemen des Gedankenfluges,
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Für hier – ein mattrer Schlag des Zeitenrades.

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Was sind der Kampf, die Wissenschaft, die Dichtung,
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Wenn uns die Frist so kärglich zugemessen? –
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Nichts als ein zorniges Sichselbstvergessen,
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Ein Fliehen vor dem einen Wort: Vernichtung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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