Einer albernen Fabel

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Ludwig Ferdinand) (Schmid Dranmor: Einer albernen Fabel Titel entspricht 1. Vers(1855)

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Einer albernen Fabel
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Opferte dich, den Helden
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Spanischer Minne,
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Deutsche Klatschbaserei.
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»tausendunddrei«,
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Sagen die Frommen achselzuckend,
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Und seit Jahrhunderten
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Spukst du in engen Gemütern
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Als zierlich geputztes Monstrum,
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Das mit blutbefleckten Lippen
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Armen Tauben Liebe heuchelt.

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Schönheit, Weiblichkeit,
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Knospende Frauenanmut
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Oder reiferer Formen
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Blendende Reizesfülle
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Herrschten über dein ganzes Sein.
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Ja, mit gewaltigen Zügen
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Schöpftest du aus dem Borne
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Unaussprechlicher Wonnen;
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Doch nicht Sinnestaumel,
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Lebensdurst, siedende Sehnsucht
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Zeigten dir jene Gefilde,

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Wo sich an hängende Himmelsgärten
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Irdische Liebe klammern möchte;
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Unter säuselnden Palmen
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Wolltest du, Staubgeborner,
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Lächelnde Engel umschlingend,
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In der Wollust veratmenden Ohnmacht
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Mit offnen Augen träumen,
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Um deiner Seele Einsamkeit
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Mit immer neuen Gefühlen
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Und die angestammte Trauer
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Mit Dithyramben zu täuschen.

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Fröhlich, zufrieden sein,
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Ist das Selbsterkenntnis
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Oder tierische Stumpfheit?
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Ist es Selbstvergessen
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Oder Geistesarmut?
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Kanntest du der Beschränkung,
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Der Gewohnheit schüchterne Freuden?
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Ewig wechselnde Bilder,
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Ob teure Erinnrung
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Oder des schaffenden Genius
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Nimmermüde Gestaltungskraft
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Aus dem Nichts sie riefen,
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Ließen nie dein Blut erkalten
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In behaglicher Sonntagsruhe;
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Und berauscht von dem Gifte,
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Das in schmeichelnden Liebespsalmen
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Deinen Lippen entströmte,
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Konnte von Evas Töchtern
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Keine dem Zauber entrinnen.

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Schale, dürftige Welt,
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Wäre sie nicht erleuchtet
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Durch holder Frauenaugen
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Zündende Strahlen!
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Lieben, Geliebtsein –
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Unvollkommnes, kurzes,
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Süßes, schmerzenvolles,
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Unermeßliches Glück!

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Ritterlicher Glanz,
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Stolze Geburt und voller Beutel
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Waren deines Strebens
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Treffliche Stützen;
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Nicht mit Harpagons Blicken
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Hast du Schätze bewacht,
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Die dir eitel schienen,
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Hatten nicht schöne Kinder
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Sich an goldnen Gaben ergötzt
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Und mit deiner Großmut
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Blitzenden Zeichen prangend
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Dich, den Sieger, lachend umarmt
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Oder dir, tief errötend,
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Ihren Dank gestammelt.

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Nicht mit eisernen Fingern
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Hast du Herzen gebrochen,
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Nicht mit kaltem Hohne
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Taubeschwerte Blüten geknickt;
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Auch du, Himmelsstürmer,
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Weintest manche Abschiedsthräne.
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Doch aus verglimmender Asche
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Wuchsen lodernde Flammen;
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Lenze wurden zu Sommern,
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Und in versengender Mittagsglut
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Lockten schwellende Früchte
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Mit entzückendem Dufte
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Und mit neuem Farbenschimmer.

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Nie war Platos fröstelnde Lehre
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Dein freies Glaubensbekenntnis;
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Doch in des Jünglings Busen
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Weckte keusche Zärtlichkeit
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Erhabene, starke Gedanken,
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Und als deine Philosophie
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Raschem Genusse Weihrauch streute,
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Suchte auch dann, im Erdenschlamme,
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Deine dürstende Seele
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Göttliche Schöpfungsfreuden.

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Fandest du, was du suchtest?
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Träufelte himmlischer Balsam
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Auf das heftig klopfende Herz,
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Daß du des Glückes Vollendung
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Einmal kennen durftest?
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Nein, du kanntest keine Vollendung.
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Doch ob Weiber dich liebend umfaßten,
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Oder ob du verzweiflungsvoll
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Edeln Marmor beleben,
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Schlummernde Triebe wecken wolltest:
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Schönheit und Weiblichkeit
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Blieben dein unvollkommner,
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Letzter und einzigster Trost,
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Und kein Triumph des Geistes
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Schien dir größer, gnadenreicher,
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Als der bald aus verschämten,
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Bald aus schmachtenden Blicken
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Dir, dem Schwärmer, entgegenstrahlte.

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Fliegende Pulse – frühes Siechtum!
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Durch der Liebe feurigste Küsse
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Wehen leise Grabesschauer;
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Liebeskrank und todesmutig
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Riefst du selbst, in wilder Laune,
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Dein Verhängnis in die Schranken
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Und verhauchtest dein verwirktes Dasein,
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Don Juan, heißbeweinter,
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Ohne Hoffnung und ohne Reue.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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