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Bestäubt, mit wunden Füßen, krank,
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Steht er, durchbebt von Fieberschauern,
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Vor eines schmucken Hauses Mauern
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Und sinkt auf eine Gartenbank.
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Da wird ein Fenster aufgerissen,
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Und eine Stimme fragt: »Woher
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Des Weges, Freund?« – »Ihr glaubt es schwer;
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Doch meinetwegen mögt Ihr's wissen,
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Ich komme von Sanct-Paul,« entgegnet
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Garcia. – »Was? Und etwa gar
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Ein Paulistaner?« – »Ja, fürwahr!« –
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»o, diese Antwort sei gesegnet!
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Ermattet scheint Ihr, altersschwach,
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Herein! Ich will Euch schon verpflegen.«
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Garcia läßt sich leicht bewegen.
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Schon ist er unter Dach und Fach
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Und denkt: Hier ist es gut zu wohnen;
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Wie gastlich hier die Leute sind! –
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Bald kommt ein blondgelocktes Kind
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Und bringt ihm seine schwarzen Bohnen,
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Ein Fleischgericht, ein volles Glas,
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Und spricht: »Die Mutter schickt Euch das,
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Die vor der Hausthür Euch gefunden,
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Und sagen soll ich: Laßt's Euch munden!
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Und ferner: Wenn Ihr dann gespeist,
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Kommt sie hieher und hört Geschichten,
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Die müßt Ihr selber uns berichten,
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Weil Ihr so weit herumgereist.«
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Der Kleine fühlt sich sehr geschmeichelt,
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Daß ihn Garcia plaudern läßt,
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Ihm seine feinen Haare streichelt
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Und sie mit heißen Thränen näßt.
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Dann fährt er fort: »Ich mag Euch gerne,
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Weil Ihr so weit gewandert seid;
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Das thut auch meiner Mutter leid.
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Doch wißt, wir kamen auch von ferne,
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Von Sorocaba kamen wir;
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Großmutter seh' ich manchmal weinen,
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Auch meine Mutter weint mit ihr;
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Großvater aber hab' ich keinen,
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Er ist es grade, den sie meinen,
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Wenn heimlich sie zusammen sprechen.« –
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Garcia überläuft es kalt;
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Doch, sich bemeisternd, ruft er: »Halt!
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Ich muß die Rede unterbrechen;
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Wie hieß – wie hieß Großvater? Sprich!
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In deinen Augen kann ich's lesen,
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O, wenn er seinem Enkel glich,
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Ist er ein ganzer Mann gewesen!«
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Das stimmt den Knaben doppelt heiter,
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»januario hieß er, so wie ich!«
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Antwortet er. – »Und weiter – weiter?« –
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»garcia.« – – Auf das Zauberwort
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Ist zwar der Frager vorbereitet,
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Doch die Gewißheit reißt ihn fort;
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Er hat die Arme ausgebreitet,
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Er will in stürmischem Entzücken
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Das Kind an seinen Busen drücken.
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Ja, jeder Zweifel ist gehoben,
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Ja, diese Fügung kam von oben,
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Die unerhörte, wundersame –
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Der Herr verläßt die Seinen nie!
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»jetzt aber,« ruft Garcia, »wie,
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Mein Sohn, ist denn des Vaters Name?«
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»bento da Silva.« – – Gott der Gnade!
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So schleuderst du auf dunkle Pfade
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Den Wetterstrahl, den Donnerkeil?
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So lenkst du den verlornen Pfeil,
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Der kraftlos durch die Lüfte zittert
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Und bald des Adlers Schwingen streift
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Und bald sein stolzes Herz zersplittert?
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Bento da Silva! – – Kaum begreift
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Garcia diese Schreckenskunde –
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Weib, Tochter gegen ihn im Bunde,
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Verkauft, verraten von den Seinen? –
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Sprachlos, bis in den Tod erschrocken,
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Entsetzt, betrachtet er den Kleinen,
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Und plötzlich hört er ihn frohlocken:
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»nach meinem Vater fragt Ihr? Seht,
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Hier ist er!« – Auf der Schwelle steht
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Ein junger Mann von feinen Zügen,
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Der freundlich auf Garcia blickt.
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»daß hier ein Landsmann sich erquickt,«
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Ruft er herein, »macht mir Vergnügen.«
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Da spricht mit neubelebter Kraft
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Garcia diese Worte: »Prahle
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Du nicht mit unsrer Landsmannschaft,
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Bento da Silva, sondern zahle
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Dem Gaste seinen Finderlohn:
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Sei mir willkommen, Schwiegersohn,
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Zum ersten und zum letzten Male! –«
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Von namenlosem Schmerz erfaßt,
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Erwidert sein Besucher: »Müssen
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Wir hier uns wiederfinden, laßt,
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O Vater, Eure Hand mich küssen!
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Mein Leben ist verwirkt – Ihr könnt
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Es nehmen, wann Ihr wollt; ich stehe
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Wehrlos Euch gegenüber, flehe
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Nicht um Erbarmen; doch vergönnt
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Mir, den Ihr Schwiegersohn geheißen,
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Der nur mit Trauer Euch betrachtet,
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Ein Herz, das nach Verzeihung schmachtet,
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Vor Euern Blicken aufzureißen.
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Die tiefe, nie vernarbte Wunde,
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Sie brennt, sie blutet immerdar
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Seit jener unglücksel'gen Stunde.
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Garcia, hört mich an: Ich war
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Ein Kind, ein vierzehnjähr'ger Knabe,
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Der jüngste Eurer Feinde, habe,
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Von meiner Brüder Wut bethört,
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Als sie ihr armes Opfer fanden,
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Der grausen That nicht widerstanden ...
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Ihr wendet Euch von mir, empört –
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Antwortet nicht, bis ich vollendet.
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Ich war nicht grausam, nur verblendet;
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Ich weiß nicht, wie es zugegangen
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An jenem Tage voller Schrecken,
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Weiß nur, daß mich die andern zwangen,
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Auch meine Hände zu beflecken.
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Gott hört es, was ich hier beteure:
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Ich war verführt und eingeschüchtert,
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Und doch – wie hat das Ungeheure
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Des Frevels plötzlich mich ernüchtert!
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Die Reue brannte lichterloh
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In meinem Busen, – ich entfloh
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Der Greuelstätte, und geschieden
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Von meinen Brüdern, stets allein
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Und ohne Hoffnung, ohne Frieden,
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Nicht, weil ich Euch gefürchtet, nein!
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Weil vor mir selber ich erbebte,
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Bin ich durchs Land geflohen. – Ach!
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Was ich zu töten mich bestrebte,
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Ward immer, immer wieder wach.
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Was half's, die Welt mir zu beschauen?
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Verloren war mein Lebensglück,
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Und endlich trieb es mich zurück
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In unsre heimatlichen Gauen. –
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Gereift durch jahrelange Leiden,
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Kein Kind und auch kein Jüngling mehr,
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Fand ich mein Haus verödet, leer –
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Dennoch der Reich're von uns beiden:
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Denn Euer Herd lag in Ruinen.
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Verwundrung spricht aus Euern Mienen, –
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Das habt Ihr freilich nicht bedacht
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In Eurer väterlichen Würde: –
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Gattin und Tochter, welche Bürde!
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Wer seinen Herd nicht überwacht,
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Der tritt sein eignes Herz mit Füßen.
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Das Elend stand vor ihrer Thür –
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Sagt an, was konnten sie dafür?
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Was hatten Weib und Kind zu büßen?
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Die Mutter, krank und lebensmatt,
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Die Tochter, eine blasse Rose.
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Ich sah die Holde, Vaterlose,
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Verlass'ne – und an Eurer Statt,
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In tiefempfundner, süßer Reue,
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Was Ihr versäumt, hab' ich gethan.
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Und sie? – – Sie schloß sich an mich an,
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Und – ward mein Weib, das liebe, treue.
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Wohl hatten wir gekämpft, gelitten,
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Bis wir der Mutter Herz bezwungen;
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Doch war auch dieses uns gelungen
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Mit unsern thränenreichen Bitten.
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Der Himmel sei mir dessen Zeuge,
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Daß ich in meinen Knabenjahren
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Dem Morde beigewohnt. – Ich beuge
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Mein Haupt vor dem, der alles weiß;
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Er wird die Lüge mir vergeben.
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Noch einmal wieder aufzuleben. –
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Es hieß bei uns, daß Ihr gestorben,
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Drei meiner Brüder schon gefallen,
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Drei ausgewandert, von uns allen
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Ich, der um Euer Kind geworben,
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Der letzte – fragt mich nicht, warum
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Der Heimat dennoch ich entsagte;
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Ihr wißt, was mir am Herzen nagte.
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Versilbert ward mein Eigentum,
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Und eilig zogen wir von dannen,
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Bis endlich hier in Cuyabá
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Ein neues Dasein wir begannen,
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Der Herr hat uns gesegnet. – Ja,
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Wenn von der blutgetränkten Stelle
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Uns weite Länderstrecken trennen,
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Darf ich auf dieses Hauses Schwelle,
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Vor Eurem strengen Angesicht
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Euch weinend Schwiegervater nennen.
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Denn fragt die Meinen, ob sie nicht
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Dankbar des Schöpfers Hand erkennen,
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Die zwei verwaiste Herzen heilte!
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Er hat ein Söhnchen uns beschert
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Und so sein Füllhorn ausgeleert. –
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Wenn Euer Zorn nur mich ereilte,
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Ich läge nicht auf meinen Knieen;
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Habt Ihr der Unschuld nichts verziehen,
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Müßt neue Thränen Ihr erpressen,
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Garcia, könnt Ihr nichts vergessen –
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Wohlan, der Schuldner ist bereit!
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Er gibt Euch Weib und Tochter wieder;
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An ihnen übt Barmherzigkeit
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Und an dem Enkel. – Meine Zeit
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Ist abgelaufen – stoßt mich nieder!«