1
Unweit von Sorocaba hatte
2
Garcia sein behäbig Haus;
3
Er wohnte dort jahrein jahraus,
4
Ein ernster Mann, ein treuer Gatte.
5
Ihm war das Glück nicht zugeflogen,
6
Es kam als wohlverdienter Lohn:
7
Zwei Kinder, beide gut erzogen,
8
Ein Mädchen und ein muntrer Sohn
9
Verjüngten seine Lebensgeister,
10
Und sonder Gram, in stillem Glücke,
11
Vergaß er, daß der Nachbarn Tücke
12
Ihm mit Prozessen, immer dreister,
13
Ein Stück bestritt von einem Felde,
14
Das er mit selbsterworbnem Gelde
15
Gekauft, nicht um es zu verschenken.
16
An kleine Plagen nicht zu denken
17
Ist für den Weisen schon Gewinn;
18
Doch ein Ereignis, grausenhaft,
19
Vermochte dieses Mannes Sinn
20
Und seines Zornes Riesenkraft
21
Auf blut'ge Thaten hinzulenken.
22
In früher Morgenstunde war
23
Sein Sohn zum Pirschen ausgegangen;
24
Er wollte, als ein junger Aar,
25
Nicht an der Mutter Schürze hangen.
26
Der Vater, ohne Furcht zu nähren,
27
Ließ seinen Sprößling gern gewähren,
28
Doch bleibt er heute – schon erschrocken,
29
Als er beim Klang der Vesperglocken
30
Den Jäger, wie es sonst geschah,
31
Nicht an der Abendtafel sah –
32
Nicht länger unter seinem Dache.
33
Gedanken steigen in ihm auf
34
An Hinterlist und Feindesrache,
35
Und Angst beflügelt seinen Lauf.
36
Er hat sie nicht umsonst empfunden.
37
Zwar ist der Knabe bald gefunden,
38
Doch traut er seinen Augen kaum –
39
Wie? – Das sein Kind? – An einen Baum
40
Gelehnt, die Hände festgebunden,
41
Und auf den Lippen roter Schaum?
42
Ach! – und der Busen klafft von Wunden,
43
Von sieben, sieben Messerstichen!
44
Garcia ist zurückgewichen,
45
Entsetzten Blicks, das Haar gesträubt –
46
Von ungeheurem Schmerz betäubt,
47
Entfesselt er die teure Leiche
48
Und hält sie bebend in den Armen
49
Und küßt die Stirn, die marmorbleiche;
50
Dann schluchzt er: »Jungfrau, gnadenreiche,
51
O für den Mörder kein Erbarmen!«
52
Und seiner Seele, die verwirrt
53
Bald den, bald jenen Feind verdächtigt
54
Und wieder sucht und wieder irrt,
55
Hat bald die Wahrheit sich bemächtigt.
56
Garcia schlägt sich vor die Stirn,
57
Und ruft: »Hier fängt es an zu dämmern.
58
Es soll mein thörichtes Gehirn
59
Nicht Wölfe suchen unter Lämmern;
60
Nicht heulen will ich um mein Kind!
61
Ha, diese sieben Wunden sind
62
Von Buben mir geschlagen worden,
63
Die gestern logen, heute morden,
64
Von Nachbarn – nein! Von sieben Dieben,
65
Gebrüder Silva heißt ihr sieben
66
Dämonen, schon seit langer Zeit
67
In meinem Schuldbuch eingeschrieben.
68
Verflucht in alle Ewigkeit
69
Sei euer Handwerk, das infame,
70
Sei euer Stamm und euer Name,
71
Verflucht das ganze Schlangennest,
72
Verflucht der Bauch, der euch geboren!
73
Mein Arm ist stark, mein Wille fest –
74
Zu Gott im Himmel sei's geschworen:
75
Ich, der noch kein Gelübde brach,
76
Nicht ruhen will ich, bis vernichtet
77
Die Teufel, die mit sieben Bissen
78
Ein schuldlos, kindlich Herz zerrissen,
79
Die meinen Knaben – o der Schmach! –
80
Gepackt – gefoltert – hingerichtet. – –«
81
Und als er nun, in wilder Hast,
82
Den Mantel um sein Kind geschlagen,
83
Hat keuchend unter solcher Last
84
Den Leichnam heimwärts er getragen.
85
Nacht ist's – er sieht sein Haus erhellt.
86
Nicht lange war er fortgeblieben,
87
Und doch, sobald der Hund gebellt,
88
Begleitet jetzt, von Angst getrieben,
89
Garcias Weib das treue Tier
90
Und fragt: »Bist du's, bringst du ihn wieder?«
91
Er naht, er legt die Bürde nieder
92
Und spricht: »Hier ist dein Junge – hier!
93
Sieh her und zähle diese Löcher!
94
Es griffen sieben Ungeheuer
96
Doch solche Späße sind zu teuer,
97
Wenn sie Garcia nicht gefallen,
98
Gebrüder Silva! Maß für Maß
99
Ist meine Losung und mein Spaß,
100
An eure Fersen mich zu krallen
101
Und eure Herzen zu durchbohren.
102
Den Tigern werf' ich hin den Fraß –
103
Für sie sind eure Eingeweide;
104
Ich fordre nichts als ein Geschmeide:
105
Um einen Schmuck von sieben Ohren,
106
O Weib, zu deinem Trauerkleide
107
Will, wo ich sie ereilen kann,
108
Ich eines jeden Leiche schänden.
109
Sie heißen Silva, und dein Mann
110
Kehrt nicht zurück mit leeren Händen.
111
Wenn ich die ganze, weite Erde
112
Barfuß durchwandern muß – es sei!
113
Die Tochter rufe mir herbei:
114
Ein Lebewohl, und dann zu Pferde!«
115
Was hilft des Kindes zärtlich Flehn,
116
Was hilft der Gattin lautes Weinen?
117
Er segnet, er umarmt die Seinen,
118
Vielleicht auf Nimmerwiedersehn.
119
Doch ob sie um den Toten jammern,
120
Sich zitternd an den Vater schmiegen,
121
Ob sie verzweifelnd ihn umklammern
122
Und trostlos ihm zu Füßen liegen,
123
Umsonst! – Schon wird sein Roß gebracht.
124
Gesattelt hat er's und bestiegen;
125
Es treibt ihn fort mit Höllenmacht.
126
Sternlos und frostig ist die Nacht;
127
Weib, Tochter hängen an den Bügeln.
128
Umsonst! – Wer will den Reiter zügeln,
129
Wenn Blutdurst ihm das Herz versengt?
130
Garcia reißt sich los und sprengt
131
Von dannen wie auf Windesflügeln.