Wo?

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Karl May: Wo? (1877)

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Wo liegt dein Heil? Liegt es in deinem Leibe,
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Für den du dich und tausend Andre plagst?
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Denkst du, daß er dein Mittelpunkt verbleibe,
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Um den du dich im Kreise treibst und jagst?
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Du widmest ihm fast jeden der Gedanken,
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Und deine Pläne, deine Wünsche ranken
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Sich nur um dieses theure Götzenbild,
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Das dir als Krone aller Schöpfung gilt.

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Schau dir ihn an! Sieh krank und siech ihn liegen
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Zu seiner eignen und des Nächsten Pein!
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Der winzigste Bacill kann ihn besiegen,
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Der kleinste Fehltritt ihm verderblich sein.
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Betrachtest du sein Kommen und sein Gehen,
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So wirst du's nicht begreifen, nicht verstehen,
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Daß dieser Schwächling dir als fester Halt
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Für deinen Geist, für deine Seele galt.

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Nun denke nach! Er selbst wird ja gehalten
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Anstatt daß er zu stützen je verstand:
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Die Liebe will das Kind zum Mann gestalten;
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Sie thut es freundlich durch die Elternhand.
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Die Gattenliebe führt ihn dann durchs Leben,
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Um Festigung und Reife ihm zu geben,
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Und wenn er scheiden geht, sagt ihm das Weh
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Der Liebe seiner Kinder noch Ade.

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Weißt du es nun? Es geht und strahlt die Liebe
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Für alle Welt von Gottes Himmel aus,
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Und ob sie lange, ob sie kurz nur bliebe,
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Sie kommt und weilt und wirkt in jedem Haus.
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Sie ist die einzge Stütze jedes Lebens;
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Ein Leben ohne Liebe ist vergebens,
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Denn wo sie fehlt, da flieht das innre Glück,
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Und dann bleibt freilich nur der Leib zurück.

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Wo liegt dein Heil? O, laß dich doch belehren;
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Die Leibessorge bietet dir es nicht,
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Du hast fortan nach innen dich zu kehren,
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Wo Gott durch deine Seele zu dir spricht.
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Und diese Stimme wird auf deine Fragen
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Dir jederzeit die rechte Antwort sagen.
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Nur sie, nur sie verkündet dir dein Heil,
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Und folgst du ihr, so wird es dir zu theil.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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