Die Wahlesel

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Heinrich Heine: Die Wahlesel (1852)

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Die Freiheit hat man satt am End',
2
Und die Republik der Tiere
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Begehrte, daß ein einz'ger Regent
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Sie absolut regiere.

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Jedwede Tiergattung versammelte sich,
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Wahlzettel wurden geschrieben;
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Parteisucht wütete fürchterlich,
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Intrigen wurden getrieben.

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Das Komitee der Esel ward
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Von Alt-Langohren regieret;
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Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard',
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Die schwarz-rot-gold, verzieret.

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Es gab eine kleine Pferdepartei,
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Doch wagte sie nicht zu stimmen;
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Sie hatte Angst vor dem Geschrei
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Der Alt-Langohren, der grimmen.

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Als einer jedoch die Kandidatur
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Des Rosses empfahl, mit Zeter
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Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
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Und schrie: »Du bist ein Verräter!

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Du bist ein Verräter, es fließt in dir
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Kein Tropfen vom Eselsblute;
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Du bist kein Esel, ich glaube schier,
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Dich warf eine welsche Stute.

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Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut,
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Sie ist gestreift zebräisch;
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Auch deiner Stimme näselnder Laut
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Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

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Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
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Verstandesesel, ein kalter;
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Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
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Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

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Ich aber versenkte die Seele ganz
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In jenes süße Gedösel;
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Ich bin ein Esel, in meinem Schwanz
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Ist jedes Haar ein Esel.

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Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw';
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Ein deutscher Esel bin ich,
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Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
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So pflanzenwüchsig, so sinnig.

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Sie spielten nicht mit Galanterei
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Frivole Lasterspiele;
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Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
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Mit ihren Säcken zur Mühle.

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Die Väter sind nicht tot! Im Grab
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Nur ihre Häute liegen,
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Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
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Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

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Verklärte Esel im Glorialicht!
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Wir wollen euch immer gleichen
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Und niemals von dem Pfad der Pflicht
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Nur einen Fingerbreit weichen.

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O welche Wonne, ein Esel zu sein!
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Ein Enkel von solchen Langohren!
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Ich möcht es von allen Dächern schrein:
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Ich bin als ein Esel geboren.

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Der große Esel, der mich erzeugt,
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Er war von deutschem Stamme;
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Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
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Hat mich die Mutter, die Mamme.

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Ich bin ein Esel, und will getreu,
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Wie meine Väter, die Alten,
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An der alten, lieben Eselei,
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Am Eseltume halten.

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Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,
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Den Esel zum König zu wählen;
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Wir stiften das große Eselreich,
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Wo nur die Esel befehlen.

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Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
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Wir sind keine Pferdeknechte.
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Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
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Der König vom Eselsgeschlechte!«

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So sprach der Patriot. Im Saal
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Die Esel Beifall rufen.
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Sie waren alle national,
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Und stampften mit den Hufen.

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Sie haben des Redners Haupt geschmückt
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Mit einem Eichenkranze.
79
Er dankte stumm, und hochbeglückt
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Wedelt' er mit dem Schwanze.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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