Simplicissimus I

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Heinrich Heine: Simplicissimus I (1852)

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Der eine kann das Unglück nicht,
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Der andre nicht das Glück verdauen.
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Durch Männerhaß verdirbt der eine,
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Der andre durch die Gunst der Frauen.

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Als ich dich sah zum erstenmal,
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War fremd dir alles galante Gehöfel;
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Es deckten die plebejischen Hände
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Noch nicht Glacéhandschuhe von Rehfell.

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Das Röcklein, das du trugest, war grün
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Und zählte schon sehr viele Lenze;
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Die Ärmel zu kurz, zu lang die Schöße,
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Erinnernd an Bachstelzenschwänze.

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Du trugest ein Halstuch, das der Mama
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Als Serviette gedienet hatte;
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Noch wiegte sich nicht dein Kinn so vornehm
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In einer gestickten Atlaskrawatte.

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Die Stiefel sahen so ehrlich aus,
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Als habe Hans Sachs sie fabrizieret;
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Noch nicht mit gleißend französischem Firnis,
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Sie waren mit deutschem Tran geschmieret.

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Nach Bisam und Moschus rochest du nicht,
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Am Halse hing noch keine Lorgnette,
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Du hattest noch keine Weste von Sammet
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Und keine Frau und goldne Kette.

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Du trugest dich zu jener Zeit
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Ganz nach der allerneusten Mode
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Von Schwäbisch Hall – Und dennoch, damals
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War deines Lebens Glanzperiode.

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Du hattest Haare auf dem Kopf,
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Und unter den Haaren, groß und edel,
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Wuchsen Gedanken – aber jetzo
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Ist kahl und leer dein armer Schädel.

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Verschwunden ist auch der Lorbeerkranz,
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Der dir bedecken könnte die Glatze –
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Wer hat dich so gerauft? Wahrhaftig,
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Siehst aus wie eine geschorene Katze!

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Die goldnen Dukaten des Schwiegerpapas,
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Des Seidenhändlers, sind auch zerronnen –
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Der Alte klagt: bei der deutschen Dichtkunst
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Habe er keine Seide gesponnen.

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Ist das der Lebendige, der die Welt
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Mit all ihren Knödeln, Dampfnudeln und Würsten
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Verschlingen wollte, und in den Hades
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Verwies den Pückler-Muskau, den Fürsten?

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Ist das der irrende Ritter, der einst,
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Wie jener andre, der Manchaner,
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Absagebriefe schrieb an Tyrannen,
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Im Stile der kecksten Tertianer?

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Ist das der Generalissimus
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Der deutschen Freiheit, der Gonfaloniere
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Der Emanzipation, der hoch zu Rosse
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Einherritt vor seinem Freischarenheere?

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Der Schimmel, den er ritt, war weiß,
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Wie alle Schimmel, worauf die Götter
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Und Helden geritten, die längst verschimmelt;
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Begeistrung jauchzte dem Vaterlandsretter.

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Er war ein reitender Virtuos,
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Ein Liszt zu Pferde, ein somnambüler
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Marktschreier, Hansnarr, Philistergünstling,
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Ein miserabler Heldenspieler!

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Als Amazone ritt neben ihm
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Die Gattin mit der langen Nase;
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Sie trug auf dem Hut eine kecke Feder,
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Im schönen Auge blitzte Ekstase.

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Die Sage geht, es habe die Frau
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Vergebens bekämpft den Kleinmut des Gatten,
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Als Flintenschüsse seine zarten
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Unterleibsnerven erschüttert hatten.

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Sie sprach zu ihm: »Sei jetzt kein Has',
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Entmemme dich deiner verzagten Gefühle.
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Jetzt gilt es zu siegen oder zu sterben –
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Die Kaiserkrone steht auf dem Spiele.

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Denk an die Not des Vaterlands
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Und an die eignen Schulden und Nöten.
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In Frankfurt laß ich dich krönen, und Rothschild
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Borgt dir wie andren Majestäten.

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Wie schön der Mantel von Hermelin
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Dich kleiden wird! Das Vivatschreien,
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Ich hör es schon; ich seh auch die Mädchen,
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Die weißgekleidet dir Blumen streuen« –

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Vergebliches Mahnen! Antipathien
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Gibt es, woran die Besten siechen,
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Wie Goethe nicht den Rauch des Tabaks,
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Kann unser Held kein Pulver riechen.

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Die Schüsse knallen – der Held erblaßt,
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Er stottert manche unsinnige Phrase,
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Er phantasieret gelb – die Gattin
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Hält sich das Tuch vor der langen Nase.

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So geht die Sage – Ist sie wahr?
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Wer weiß es? Wir Menschen sind nicht vollkommen.
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Sogar der große Horatius Flaccus
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Hat in der Schlacht Reißaus genommen.

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Das ist auf Erden des Schönen Los!
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Die Feinen gehn unter, ganz wie die Plumpen;
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Ihr Lied wird Makulatur, sie selber,
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Die Dichter, werden am Ende Lumpen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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