Sohn der Torheit! träume immer

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Heinrich Heine: Sohn der Torheit! träume immer Titel entspricht 1. Vers(1819)

1
Sohn der Torheit! träume immer,
2
Wenn dir 's Herz im Busen schwillt;
3
Doch im Leben suche nimmer
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Deines Traumes Ebenbild!

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Einst stand ich in schönern Tagen
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Auf dem höchsten Berg am Rhein;
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Deutschlands Gauen vor mir lagen,
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Blühend hell im Sonnenschein.

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Unten murmelten die Wogen
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Wilde Zaubermelodei'n;
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Süße Ahndungschauer zogen
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Schmeichelnd in mein Herz hinein.

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Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,
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Klingt viel andre Melodei:
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Schöner Traum ist längst verflogen,
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Schöner Wahn brach längst entzwei.

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Schau ich jetzt von meinem Berge
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In das deutsche Land hinab:
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Seh ich nur ein Völklein Zwerge,
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Kriechend auf der Riesen Grab.

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Such ich jetzt den goldnen Frieden,
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Den das deutsche Blut ersiegt,
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Seh ich nur die Kette schmieden,
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Die den deutschen Nacken biegt.

25
Narren hör ich jene schelten,
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Die dem Feind in wilder Schlacht
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Kühn die Brust entgegenstellten,
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Opfernd selbst sich dargebracht.

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O der Schande! jene darben,
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Die das Vaterland befreit;
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Ihrer Wunden heil'ge Narben
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Deckt ein grobes Bettlerkleid!

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Muttersöhnchen gehn in Seide,
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Nennen sich des Volkes Kern,
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Schurken tragen Ehrgeschmeide,
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Söldner brüsten sich als Herrn.

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Nur ein Spottbild auf die Ahnen
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Ist das Volk im deutschen Kleid;
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Und die alten Röcke mahnen
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Schmerzlich an die alte Zeit:

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Wo die Sitte und die Tugend
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Prunklos gingen Hand in Hand;
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Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend
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Vor dem Greisenalter stand;

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Wo kein Jüngling seinem Mädchen
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Modeseufzer vorgelügt;
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Wo kein witziges Despötchen
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Meineid in System gefügt;

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Wo ein Handschlag mehr als Eide
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Und Notarienakte war;
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Wo ein Mann im Eisenkleide,
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Und ein Herz im Manne war. –

53
Unsre Gartenbeete hegen
54
Tausend Blumen wunderfein,
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Schwelgend in des Bodens Segen,
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Lind umspielt von Sonnenschein.

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Doch die allerschönste Blume
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Blüht in unsern Gärten nie,
59
Sie, die einst im Altertume
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Selbst auf fels'ger Höh' gedieh;

61
Die auf kalter Bergesfeste
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Männer mit der Eisenhand
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Pflegten als der Blumen beste –
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Gastlichkeit wird sie genannt.

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Müder Wandrer, steige nimmer
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Nach der hohen Burg hinan:
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Statt der gastlich warmen Zimmer
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Kalte Wände dich empfahn.

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Von dem Wartturm bläst kein Wächter,
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Keine Fallbrück' rollt herab;
71
Denn der Burgherr und der Wächter
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Schlummern längst im kühlen Grab.

73
In den dunkeln Särgen ruhen
74
Auch die Frauen minnehold;
75
Wahrlich hegen solche Truhen
76
Reichern Schatz denn Perl' und Gold.

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Heimlich schauern da die Lüfte
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Wie von Minnesängerhauch;
79
Denn in diese heil'gen Grüfte
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Stieg die fromme Minne auch.

81
Zwar auch unsre Damen preis ich,
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Denn sie blühen wie der Mai;
83
Lieben auch und üben fleißig
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Tanzen, Sticken, Malerei;

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Singen auch in süßen Reimen
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Von der alten Lieb' und Treu';
87
Freilich zweiflend im geheimen:
88
Ob das Märchen möglich sei?

89
Unsre Mütter einst erkannten,
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Sinnig, wie die Einfalt pflegt,
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Daß den schönsten der Demanten
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Nur der Mensch im Busen trägt.

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Ganz nicht aus der Art geschlagen
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Sind die klugen Töchterlein,
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Denn die Fraun in unsern Tagen
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Lieben auch die Edelstein'.

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Traum der Freundschaft – – – – –
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– – – – – – – – – – – – – – – – – –
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– – – – – – – – – – – – – – – – – –
100
– – – – – – – – – – – – – – – – – –

101
Mocht auch Aberglauben herrschen
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– – – – – – – – – – – – – – – – – –
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– – – – – – – – – – – – – – – – – –
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– – – – – – – – – – – – – – – – –

105
Denn die schöne Jordansperle
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Hat des Römers Geiz verfälscht,
107
– – – – – – – – – – – – – – – – –
108
– – – – – – – – – – – – – – – – –

109
Fort, ihr Bilder schönrer Tage!
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Weicht zurück in eure Nacht!
111
Weckt nicht mehr die eitle Klage
112
Um die Zeit, die uns versagt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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