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Heinrich Heine: 1 (1826)

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Der Superkargo Mynheer van Koek
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Sitzt rechnend in seiner Kajüte;
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Er kalkuliert der Ladung Betrag
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Und die probabeln Profite.

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»der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,
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Dreihundert Säcke und Fässer;
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Ich habe Goldstaub und Elfenbein –
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Die schwarze Ware ist besser.

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Sechshundert Neger tauschte ich ein
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Spottwohlfeil am Senegalflusse.
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Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm,
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Wie Eisen vom besten Gusse.

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Ich hab zum Tausche Branntewein,
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Glasperlen und Stahlzeug gegeben;
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Gewinne daran achthundert Prozent,
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Bleibt mir die Hälfte am Leben.

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Bleiben mir Neger dreihundert nur
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Im Hafen von Rio-Janeiro,
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Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück
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Das Haus Gonzales Perreiro.«

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Da plötzlich wird Mynheer van Koek
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Aus seinen Gedanken gerissen;
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Der Schiffschirurgius tritt herein,
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Der Doktor van der Smissen.

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Das ist eine klapperdürre Figur,
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Die Nase voll roter Warzen –
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»nun, Wasserfeldscherer«, ruft van Koek,
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»wie geht's meinen lieben Schwarzen?«

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Der Doktor dankt der Nachfrage und spricht:
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»ich bin zu melden gekommen,
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Daß heute nacht die Sterblichkeit
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Bedeutend zugenommen.

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Im Durchschnitt starben täglich zwei,
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Doch heute starben sieben,
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Vier Männer, drei Frauen – Ich hab den Verlust
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Sogleich in die Kladde geschrieben.

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Ich inspizierte die Leichen genau;
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Denn diese Schelme stellen
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Sich manchmal tot, damit man sie
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Hinabwirft in die Wellen.

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Ich nahm den Toten die Eisen ab;
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Und wie ich gewöhnlich tue,
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Ich ließ die Leichen werfen ins Meer
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Des Morgens in der Fruhe.

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Es schossen alsbald hervor aus der Flut
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Haifische, ganze Heere,
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Sie lieben so sehr das Negerfleisch;
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Das sind meine Pensionäre.

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Sie folgten unseres Schiffes Spur,
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Seit wir verlassen die Küste;
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Die Bestien wittern den Leichengeruch
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Mit schnupperndem Fraßgelüste.

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Es ist possierlich anzusehn,
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Wie sie nach den Toten schnappen!
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Die faßt den Kopf, die faßt das Bein,
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Die andern schlucken die Lappen.

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Ist alles verschlungen, dann tummeln sie sich
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Vergnügt um des Schiffes Planken
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Und glotzen mich an, als wollten sie
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Sich für das Frühstück bedanken.«

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Doch seufzend fällt ihm in die Red'
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Van Koek: »Wie kann ich lindern
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Das Übel? wie kann ich die Progression
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Der Sterblichkeit verhindern?«

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Der Doktor erwidert: »Durch eigne Schuld
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Sind viele Schwarze gestorben;
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Ihr schlechter Odem hat die Luft
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Im Schiffsraum so sehr verdorben.

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Auch starben viele durch Melancholie,
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Dieweil sie sich tödlich langweilen;
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Durch etwas Luft, Musik und Tanz
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Läßt sich die Krankheit heilen.«

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Da ruft van Koek: »Ein guter Rat!
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Mein teurer Wasserfeldscherer
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Ist klug wie Aristoteles,
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Des Alexanders Lehrer.

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Der Präsident der Sozietät
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Der Tulpenveredlung im Delfte
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Ist sehr gescheit, doch hat er nicht
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Von Eurem Verstande die Hälfte.

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Musik! Musik! Die Schwarzen soll'n
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Hier auf dem Verdecke tanzen.
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Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert,
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Den soll die Peitsche kuranzen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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