Disputation

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Heinrich Heine: Disputation (1826)

1
In der Aula zu Toledo
2
Klingen schmetternd die Fanfaren;
3
Zu dem geistlichen Turnei
4
Wallt das Volk in bunten Scharen.

5
Das ist nicht ein weltlich Stechen,
6
Keine Eisenwaffe blitzet –
7
Eine Lanze ist das Wort,
8
Das scholastisch scharf gespitzet.

9
Nicht galante Paladins
10
Fechten hier, nicht Damendiener –
11
Dieses Kampfes Ritter sind
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Kapuziner und Rabbiner.

13
Statt des Helmes tragen sie
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Schabbesdeckel und Kapuzen;
15
Skapulier und Arbekanfeß
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Sind der Harnisch, drob sie trutzen.

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Welches ist der wahre Gott?
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Ist es der Hebräer starrer
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Großer Eingott, dessen Kämpe
20
Rabbi Juda, der Navarrer?

21
Oder ist es der dreifalt'ge
22
Liebegott der Christianer,
23
Dessen Kämpe Frater Jose,
24
Gardian der Franziskaner?

25
Durch die Macht der Argumente,
26
Durch der Logik Kettenschlüsse
27
Und Zitate von Autoren,
28
Die man anerkennen müsse,

29
Will ein jeder Kämpe seinen
30
Gegner ad absurdum führen
31
Und die wahre Göttlichkeit
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Seines Gottes demonstrieren.

33
Festgestellt ist: daß derjen'ge,
34
Der im Streit ward überwunden,
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Seines Gegners Religion
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Anzunehmen sei verbunden,

37
Daß der Jude sich der Taufe
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Heil'gem Sakramente füge,
39
Und im Gegenteil der Christ
40
Der Beschneidung unterliege.

41
Jedem von den beiden Kämpen
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Beigesellt sind elf Genossen,
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Die zu teilen sein Geschick
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Sind in Freud und Leid entschlossen.

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Glaubenssicher sind die Mönche
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Von des Gardians Geleitschaft,
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Halten schon Weihwasserkübel
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Für die Taufe in Bereitschaft,

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Schwingen schon die Sprengelbesen
50
Und die blanken Räucherfässer –
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Ihre Gegner unterdessen
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Wetzen die Beschneidungsmesser.

53
Beide Rotten stehn schlagfertig
54
Vor den Schranken in dem Saale,
55
Und das Volk mit Ungeduld
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Harret drängend der Signale.

57
Unterm güldnen Baldachin
58
Und umrauscht vom Hofgesinde
59
Sitzt der König und die Kön'gin;
60
Diese gleichet einem Kinde.

61
Ein französisch stumpfes Näschen,
62
Schalkheit kichert in den Mienen,
63
Doch bezaubernd sind des Mundes
64
Immer lächelnde Rubinen.

65
Schöne, flatterhafte Blume –
66
Daß sich ihrer Gott erbarme –
67
Von dem heitern Seineufer
68
Wurde sie verpflanzt, die arme,

69
Hierher in den steifen Boden
70
Der hispanischen Grandezza;
71
Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon,
72
Doña Blanka heißt sie jetzo.

73
Pedro wird genannt der König
74
Mit dem Zusatz der Grausame;
75
Aber heute, milden Sinnes,
76
Ist er besser als sein Name.

77
Unterhält sich gut gelaunt
78
Mit des Hofes Edelleuten;
79
Auch den Juden und den Mohren
80
Sagt er viele Artigkeiten.

81
Diese Ritter ohne Vorhaut
82
Sind des Königs Lieblingsschranzen,
83
Sie befehl'gen seine Heere,
84
Sie verwalten die Finanzen.

85
Aber plötzlich Paukenschläge,
86
Und es melden die Trompeten,
87
Daß begonnen hat der Maulkampf,
88
Der Disput der zwei Athleten.

89
Der Gardian der Franziskaner
90
Bricht hervor mit frommem Grimme;
91
Polternd roh und widrig greinend
92
Ist abwechselnd seine Stimme.

93
In des Vaters und des Sohnes
94
Und des Heil'gen Geistes Namen
95
Exorzieret er den Rabbi,
96
Jakobs maledeiten Samen.

97
Denn bei solchen Kontroversen
98
Sind oft Teufelchen verborgen
99
In dem Juden, die mit Scharfsinn,
100
Witz und Gründen ihn versorgen.

101
Nun die Teufel ausgetrieben
102
Durch die Macht des Exorzismus,
103
Kommt der Mönch auch zur Dogmatik,
104
Kugelt ab den Katechismus.

105
Er erzählt, daß in der Gottheit
106
Drei Personen sind enthalten,
107
Die jedoch zu einer einz'gen,
108
Wenn es passend, sich gestalten –

109
Ein Mysterium, das nur
110
Von demjen'gen wird verstanden,
111
Der entsprungen ist dem Kerker
112
Der Vernunft und ihren Banden.

113
Er erzählt: wie Gott der Herr
114
Ward zu Bethlehem geboren
115
Von der Jungfrau, welche niemals
116
Ihre Jungferschaft verloren;

117
Wie der Herr der Welt gelegen
118
In der Krippe, und ein Kühlein
119
Und ein Öchslein bei ihm stunden,
120
Schier andächtig, zwei Rindviehlein.

121
Er erzählte: wie der Herr
122
Vor den Schergen des Herodes
123
Nach Ägypten floh, und später
124
Litt die herbe Pein des Todes

125
Unter Pontio Pilato,
126
Der das Urteil unterschrieben,
127
Von den harten Pharisäern,
128
Von den Juden angetrieben.

129
Er erzählte: wie der Herr,
130
Der entstiegen seinem Grabe
131
Schon am dritten Tag, gen Himmel
132
Seinen Flug genommen habe;

133
Wie er aber, wenn es Zeit ist,
134
Wiederkehren auf die Erde
135
Und zu Josaphat die Toten
136
Und Lebend'gen richten werde.

137
»zittert, Juden!« rief der Mönch,
138
»vor dem Gott, den ihr mit Hieben
139
Und mit Dornen habt gemartert,
140
Den ihr in den Tod getrieben.

141
Seine Mörder, Volk der Rachsucht,
142
Juden, das seid ihr gewesen –
143
Immer meuchelt ihr den Heiland,
144
Welcher kommt, euch zu erlösen.

145
Judenvolk, du bist ein Aas,
146
Worin hausen die Dämonen;
147
Eure Leiber sind Kasernen
148
Für des Teufels Legionen.

149
Thomas von Aquino sagt es,
150
Den man nennt den großen Ochsen
151
Der Gelehrsamkeit, er ist
152
Licht und Lust der Orthodoxen.

153
Judenvolk, ihr seid Hyänen,
154
Wölfe, Schakals, die in Gräbern
155
Wühlen, um der Toten Leichnam'
156
Blutfraßgierig aufzustöbern.

157
Juden, Juden, ihr seid Säue,
158
Paviane, Nashorntiere,
159
Die man nennt Rhinozerosse,
160
Krokodile und Vampire.

161
Ihr seid Raben, Eulen, Uhus,
162
Fledermäuse, Wiedehöpfe,
163
Leichenhühner, Basilisken,
164
Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.

165
Ihr seid Vipern und Blindschleichen,
166
Klapperschlangen, gift'ge Kröten,
167
Ottern, Nattern – Christus wird
168
Eu'r verfluchtes Haupt zertreten.

169
Oder wollt ihr, Maledeiten,
170
Eure armen Seelen retten?
171
Aus der Bosheit Synagoge
172
Flüchtet nach den frommen Stätten,

173
Nach der Liebe lichtem Dome,
174
Wo im benedeiten Becken
175
Euch der Quell der Gnade sprudelt –
176
Drin sollt ihr die Köpfe stecken –

177
Wascht dort ab den alten Adam
178
Und die Laster, die ihn schwärzen;
179
Des verjährten Grolles Schimmel,
180
Wascht ihn ab von euren Herzen!

181
Hört ihr nicht des Heilands Stimme?
182
Euren neuen Namen rief er –
183
Lauset euch an Christi Brust
184
Von der Sünde Ungeziefer!

185
Unser Gott, der ist die Liebe,
186
Und er gleichet einem Lamme;
187
Um zu sühnen unsre Schuld,
188
Starb er an des Kreuzes Stamme.

189
Unser Gott, der ist die Liebe,
190
Jesus Christus ist sein Name;
191
Seine Duldsamkeit und Demut
192
Suchen wir stets nachzuahmen.

193
Deshalb sind wir auch so sanft,
194
So leutselig, ruhig, milde,
195
Hadern niemals, nach des Lammes,
196
Des Versöhners, Musterbilde.

197
Einst im Himmel werden wir
198
Ganz verklärt zu frommen Englein,
199
Und wir wandeln dort gottselig,
200
In den Händen Lilienstenglein.

201
Statt der groben Kutten tragen
202
Wir die reinlichsten Gewänder
203
Von Muss'lin, Brokat und Seide,
204
Goldne Troddeln, bunte Bänder.

205
Keine Glatze mehr! Goldlocken
206
Flattern dort um unsre Köpfe;
207
Allerliebste Jungfraun flechten
208
Uns das Haar in hübsche Zöpfe.

209
Weinpokale wird es droben
210
Von viel weiterm Umfang geben,
211
Als die Becher sind hier unten,
212
Worin schäumt der Saft der Reben.

213
Doch im Gegenteil viel enger
214
Als ein Weibermund hienieden,
215
Wird das Frauenmündchen sein,
216
Das dort oben uns beschieden.

217
Trinkend, küssend, lachend wollen
218
Wir die Ewigkeit verbringen,
219
Und verzückt Halleluja,
220
Kyrie eleison singen.«

221
Also schloß der Christ. Die Mönchlein
222
Glaubten schon, Erleuchtung träte
223
In die Herzen, und sie schleppten
224
Flink herbei das Taufgeräte.

225
Doch die wasserscheuen Juden
226
Schütteln sich und grinsen schnöde.
227
Rabbi Juda, der Navarrer,
228
Hub jetzt an die Gegenrede:

229
»um für deine Saat zu düngen
230
Meines Geistes dürren Acker,
231
Mit Mistkarren voll Schimpfwörter
232
Hast du mich beschmissen wacker.

233
So folgt jeder der Methode,
234
Dran er nun einmal gewöhnet,
235
Und anstatt dich drob zu schelten,
236
Sag ich Dank dir, wohlversöhnet.

237
Die Dreieinigkeitsdoktrin
238
Kann für unsre Leut' nicht passen,
239
Die mit Regula-de-tri
240
Sich von Jugend auf befassen.

241
Daß in deinem Gotte drei,
242
Drei Personen sind enthalten,
243
Ist bescheiden noch, sechstausend
244
Götter gab es bei den Alten.

245
Unbekannt ist mir der Gott,
246
Den ihr Christum pflegt zu nennen;
247
Seine Jungfer Mutter gleichfalls
248
Hab ich nicht die Ehr' zu kennen.

249
Ich bedaure, daß er einst,
250
Vor etwa zwölfhundert Jahren,
251
Ein'ge Unannehmlichkeiten
252
Zu Jerusalem erfahren.

253
Ob die Juden ihn getötet,
254
Das ist schwer jetzt zu erkunden,
255
Da ja das Corpus delicti
256
Schon am dritten Tag verschwunden.

257
Daß er ein Verwandter sei
258
Unsres Gottes, ist nicht minder
259
Zweifelhaft; soviel wir wissen,
260
Hat der letztre keine Kinder.

261
Unser Gott ist nicht gestorben
262
Als ein armes Lämmerschwänzchen
263
Für die Menschheit, ist kein süßes
264
Philantröpfchen, Faselhänschen.

265
Unser Gott ist nicht die Liebe;
266
Schnäbeln ist nicht seine Sache,
267
Denn er ist ein Donnergott
268
Und er ist ein Gott der Rache.

269
Seines Zornes Blitze treffen
270
Unerbittlich jeden Sünder,
271
Und des Vaters Schulden büßen
272
Oft die späten Enkelkinder.

273
Unser Gott, der ist lebendig,
274
Und in seiner Himmelshalle
275
Existieret er drauflos
276
Durch die Ewigkeiten alle.

277
Unser Gott, und der ist auch
278
Ein gesunder Gott, kein Mythos
279
Bleich und dünne wie Oblaten
280
Oder Schatten am Cocytos.

281
Unser Gott ist stark. In Händen
282
Trägt er Sonne, Mond, Gestirne;
283
Throne brechen, Völker schwinden,
284
Wenn er runzelt seine Stirne.

285
Und er ist ein großer Gott.
286
David singt: Ermessen ließe
287
Sich die Größe nicht, die Erde
288
Sei der Schemel seiner Füße.

289
Unser Gott liebt die Musik,
290
Saitenspiel und Festgesänge;
291
Doch wie Ferkelgrunzen sind
292
Ihm zuwider Glockenklänge.

293
Leviathan heißt der Fisch,
294
Welcher haust im Meeresgrunde;
295
Mit ihm spielet Gott der Herr
296
Alle Tage eine Stunde –

297
Ausgenommen an dem neunten
298
Tag des Monats Ab, wo nämlich
299
Eingeäschert ward sein Tempel;
300
An dem Tag ist er zu grämlich.

301
Des Leviathans Länge ist
302
Hundert Meilen, hat Floßfedern
303
Groß wie König Ok von Basan,
304
Und sein Schwanz ist wie ein Zedern.

305
Doch sein Fleisch ist delikat,
306
Delikater als Schildkröten,
307
Und am Tag der Auferstehung
308
Wird der Herr zu Tische beten

309
Alle frommen Auserwählten,
310
Die Gerechten und die Weisen –
311
Unsres Herrgotts Lieblingsfisch
312
Werden sie alsdann verspeisen,

313
Teils mit weißer Knoblauchbrühe,
314
Teils auch braun in Wein gesotten,
315
Mit Gewürzen und Rosinen,
316
Ungefähr wie Mateloten.

317
In der weißen Knoblauchbrühe
318
Schwimmen kleine Schäbchen Rettich –
319
So bereitet, Frater Jose,
320
Mundet dir das Fischlein, wett ich!

321
Auch die braune ist so lecker,
322
Nämlich die Rosinensauce,
323
Sie wird himmlisch wohl behagen
324
Deinem Bäuchlein, Frater Jose.

325
Was Gott kocht, ist gut gekocht!
326
Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an,
327
Opfre hin die alte Vorhaut
328
Und erquick dich am Leviathan.«

329
Also lockend sprach der Rabbi,
330
Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd,
331
Und die Juden schwangen schon
332
Ihre Messer wonnegrunzelnd,

333
Um als Sieger zu skalpieren
334
Die verfallenen Vorhäute,
335
Wahre spolia opima
336
In dem wunderlichen Streite.

337
Doch die Mönche hielten fest
338
An dem väterlichen Glauben
339
Und an ihrer Vorhaut, ließen
340
Sich derselben nicht berauben.

341
Nach dem Juden sprach aufs neue
342
Der katholische Bekehrer;
343
Wieder schimpft er, jedes Wort
344
Ist ein Nachttopf, und kein leerer.

345
Darauf repliziert der Rabbi
346
Mit zurückgehaltnem Eifer;
347
Wie sein Herz auch überkocht,
348
Doch verschluckt er seinen Geifer.

349
Er beruft sich auf die Mischna,
350
Kommentare und Traktate;
351
Bringt auch aus dem Tausves-Jontof
352
Viel beweisende Zitate.

353
Aber welche Blasphemie
354
Mußt er von dem Mönche hören!
355
Dieser sprach: der Tausves-Jontof
356
Möge sich zum Teufel scheren.

357
»da hört alles auf, o Gott!«
358
Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich;
359
Und es reißt ihm die Geduld,
360
Rappelköpfig wird er plötzlich.

361
»gilt nichts mehr der Tausves-Jontof,
362
Was soll gelten? Zeter! Zeter!
363
Räche, Herr, die Missetat,
364
Strafe, Herr, den Übeltäter!

365
Denn der Tausves-Jontof, Gott,
366
Das bist du! Und an dem frechen
367
Tausves-Jontof-Leugner mußt du
368
Deines Namens Ehre rächen.

369
Laß den Abgrund ihn verschlingen,
370
Wie des Korah böse Rotte,
371
Die sich wider dich empört
372
Durch Emeute und Komplotte.

373
Donnre deinen besten Donner!
374
Strafe, o mein Gott, den Frevel –
375
Hattest du doch zu Sodoma
376
Und Gomorrha Pech und Schwefel!

377
Treffe, Herr, die Kapuziner,
378
Wie du Pharaon getroffen,
379
Der uns nachgesetzt, als wir
380
Wohlbepackt davongeloffen.

381
Hunderttausend Ritter folgten
382
Diesem König von Mizrayim,
383
Stahlbepanzert, blanke Schwerter
384
In den schrecklichen Jadayim.

385
Gott! da hast du ausgestreckt
386
Deine Jad, und samt dem Heere
387
Ward ertränkt, wie junge Katzen,
388
Pharao im Roten Meere.

389
Treffe, Herr, die Kapuziner,
390
Zeige den infamen Schuften,
391
Daß die Blitze deines Zorns
392
Nicht verrauchten und verpufften.

393
Deines Sieges Ruhm und Preis
394
Will ich singen dann und sagen,
395
Und dabei, wie Mirjam tat,
396
Tanzen und die Pauke schlagen.«

397
In die Rede grimmig fiel
398
Jetzt der Mönch dem Zornentflammten:
399
»mag dich selbst der Herr verderben,
400
Dich Verfluchten und Verdammten!

401
Trotzen kann ich deinen Teufeln,
402
Deinem schmutz'gen Fliegengotte,
403
Luzifer und Beelzebube,
404
Belial und Astarothe.

405
Trotzen kann ich deinen Geistern,
406
Deinen dunkeln Höllenpossen,
407
Denn in mir ist Jesus Christus,
408
Habe seinen Leib genossen.

409
Christus ist mein Leibgericht,
410
Schmeckt viel besser als Leviathan
411
Mit der weißen Knoblauchsauce,
412
Die vielleicht gekocht der Satan.

413
Ach! anstatt zu disputieren,
414
Lieber möcht ich schmoren, braten
415
Auf dem wärmsten Scheiterhaufen
416
Dich und deine Kameraden.«

417
Also tost in Schimpf und Ernst
418
Das Turnei für Gott und Glauben,
419
Doch die Kämpen ganz vergeblich
420
Kreischen, schelten, wüten, schnauben.

421
Schon zwölf Stunden währt der Kampf,
422
Dem kein End' ist abzuschauen;
423
Müde wird das Publikum,
424
Und es schwitzen stark die Frauen.

425
Auch der Hof wird ungeduldig,
426
Manche Zofe gähnt ein wenig.
427
Zu der schönen Königin
428
Wendet fragend sich der König:

429
»sagt mir, was ist Eure Meinung?
430
Wer hat recht von diesen beiden?
431
Wollt Ihr für den Rabbi Euch
432
Oder für den Mönch entscheiden?«

433
Doña Blanka schaut ihn an,
434
Und wie sinnend ihre Hände
435
Mit verschränkten Fingern drückt sie
436
An die Stirn und spricht am Ende:

437
»welcher recht hat, weiß ich nicht –
438
Doch es will mich schier bedünken,
439
Daß der Rabbi und der Mönch,
440
Daß sie alle beide stinken.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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