4.

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Heinrich Heine: 4. (1826)

1
Meine Frau ist nicht zufrieden
2
Mit dem vorigen Kapitel,
3
Ganz besonders in bezug
4
Auf das Kästchen des Darius.

5
Fast mit Bitterkeit bemerkt sie:
6
Daß ein Ehemann, der wahrhaft
7
Religiöse sei, das Kästchen
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Gleich zu Gelde machen würde,

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Um damit für seine arme
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Legitime Ehegattin
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Einen Kaschemir zu kaufen,
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Dessen sie so sehr bedürfe.

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Der Jehuda ben Halevy,
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Meinte sie, der sei hinlänglich
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Ehrenvoll bewahrt in einem
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Schönen Futteral von Pappe

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Mit chinesisch eleganten
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Arabesken, wie die hübschen
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Bonbonnieren von Marquis
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Im Passage-Panorama.

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»sonderbar!« – setzt sie hinzu –
22
»daß ich niemals nennen hörte
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Diesen großen Dichternamen,
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Den Jehuda ben Halevy.«

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Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,
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Solche holde Ignoranz,
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Sie bekundet die Lakunen
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Der französischen Erziehung,

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Der Pariser Pensionate,
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Wo die Mädchen, diese künft'gen
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Mütter eines freien Volkes,
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Ihren Unterricht genießen –

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Alte Mumien, ausgestopfte
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Pharaonen von Ägypten,
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Merowinger Schattenkön'ge,
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Ungepuderte Perücken,

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Auch die Zopfmonarchen Chinas,
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Porzellanpagodenkaiser –
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Alle lernen sie auswendig,
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Kluge Mädchen, aber Himmel –

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Fragt man sie nach großen Namen
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Aus dem großen Goldzeitalter
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Der arabisch-althispanisch
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Jüdischen Poetenschule,

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Fragt man nach dem Dreigestirn,
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Nach Jehuda ben Halevy,
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Nach dem Salomon Gabirol
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Und dem Moses Iben Esra –

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Fragt man nach dergleichen Namen,
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Dann mit großen Augen schaun
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Uns die Kleinen an – alsdann
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Stehn am Berge die Ochsinnen.

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Raten möcht ich dir, Geliebte,
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Nachzuholen das Versäumte
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Und Hebräisch zu erlernen –
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Laß Theater und Konzerte,

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Widme ein'ge Jahre solchem
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Studium, du kannst alsdann
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Im Originale lesen
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Iben Esra und Gabirol

61
Und versteht sich den Halevy,
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Das Triumvirat der Dichtkunst,
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Das dem Saitenspiel Davidis
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Einst entlockt die schönsten Laute.

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Alcharisi – der, ich wette,
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Dir nicht minder unbekannt ist,
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Ob er gleich, französ'scher Witzbold,
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Den Hariri überwitzelt

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Im Gebiete der Makame,
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Und ein Voltairianer war
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Schon sechshundert Jahr' vor Voltair' –
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Jener Alcharisi sagte:

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»durch Gedanken glänzt Gabirol
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Und gefällt zumeist dem Denker,
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Iben Esra glänzt durch Kunst
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Und behagt weit mehr dem Künstler –

77
Aber beider Eigenschaften
78
Hat Jehuda ben Halevy,
79
Und er ist ein großer Dichter
80
Und ein Liebling aller Menschen.«

81
Iben Esra war ein Freund
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Und, ich glaube, auch ein Vetter
83
Des Jehuda ben Halevy,
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Der in seinem Wanderbuche

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Schmerzlich klagt, wie er vergebens
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In Granada aufgesucht hat
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Seinen Freund, und nur den Bruder
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Dorten fand, den Medikus,

89
Rabbi Meyer, auch ein Dichter
90
Und der Vater jener Schönen,
91
Die mit hoffnungsloser Flamme
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Iben Esras Herz entzunden –

93
Um das Mühmchen zu vergessen,
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Griff er nach dem Wanderstabe,
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Wie so mancher der Kollegen;
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Lebte unstet, heimatlos.

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Pilgernd nach Jerusalem,
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Überfielen ihn Tartaren,
99
Die an einen Gaul gebunden
100
Ihn nach ihren Steppen schleppten.

101
Mußte Dienste dort verrichten,
102
Die nicht würdig eines Rabbi
103
Und noch wen'ger eines Dichters,
104
Mußte nämlich Kühe melken.

105
Einstens, als er unterm Bauche
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Einer Kuh gekauert saß,
107
Ihre Euter hastig fingernd,
108
Daß die Milch floß in den Zuber –

109
Eine Position, unwürdig
110
Eines Rabbis, eines Dichters –
111
Da befiel ihn tiefe Wehmut,
112
Und er fing zu singen an,

113
Und er sang so schön und lieblich,
114
Daß der Khan, der Fürst der Horde,
115
Der vorbeiging, ward gerühret
116
Und die Freiheit gab dem Sklaven.

117
Auch Geschenke gab er ihm,
118
Einen Fuchspelz, eine lange
119
Sarazenenmandoline
120
Und das Zehrgeld für die Heimkehr.

121
Dichterschicksal! böser Unstern,
122
Der die Söhne des Apollo
123
Tödlich nergelt, und sogar
124
Ihren Vater nicht verschont hat,

125
Als er, hinter Daphnen laufend,
126
Statt des weißen Nymphenleibes
127
Nur den Lorbeerbaum erfaßte,
128
Er, der göttliche Schlemihl!

129
Ja, der hohe Delphier ist
130
Ein Schlemihl, und gar der Lorbeer,
131
Der so stolz die Stirne krönet,
132
Ist ein Zeichen des Schlemihltums.

133
Was das Wort Schlemihl bedeutet,
134
Wissen wir. Hat doch Chamisso
135
Ihm das Bürgerrecht in Deutschland
136
Längst verschafft, dem Worte nämlich.

137
Aber unbekannt geblieben,
138
Wie des heil'gen Niles Quellen,
139
Ist sein Ursprung; hab darüber
140
Nachgegrübelt manche Nacht.

141
Zu Berlin vor vielen Jahren
142
Wandt ich mich deshalb an unsern
143
Freund Chamisso, suchte Auskunft
144
Beim Dekane der Schlemihle.

145
Doch er konnt mich nicht befried'gen
146
Und verwies mich drob an Hitzig,
147
Der ihm den Familiennamen
148
Seines schattenlosen Peters

149
Einst verraten. Alsbald nahm ich
150
Eine Droschke, und ich rollte
151
Zu dem Kriminalrat Hitzig,
152
Welcher eh'mals Itzig hieß –

153
Als er noch ein Itzig war,
154
Träumte ihm, er säh geschrieben
155
An dem Himmel seinen Namen
156
Und davor den Buchstab' H.

157
»was bedeutet dieses H?«
158
Frug er sich – »etwa Herr Itzig
159
Oder Heil'ger Itzig? Heil'ger
160
Ist ein schöner Titel – aber

161
In Berlin nicht passend« – Endlich
162
Grübelnsmüd', nannt er sich Hitzig,
163
Und nur die Getreuen wußten:
164
In dem Hitzig steckt ein Heil'ger.

165
»heil'ger Hitzig!« sprach ich also,
166
Als ich zu ihm kam, »Sie sollen
167
Mir die Etymologie
168
Von dem Wort Schlemihl erklären.«

169
Viel Umschweife nahm der Heil'ge,
170
Konnte sich nicht recht erinnern,
171
Eine Ausflucht nach der andern,
172
Immer christlich – bis mir endlich,

173
Endlich alle Knöpfe rissen
174
An der Hose der Geduld,
175
Und ich anfing so zu fluchen,
176
So gottlästerlich zu fluchen,

177
Daß der fromme Pietist,
178
Leichenblaß und beineschlotternd,
179
Unverzüglich mir willfahrte
180
Und mir folgendes erzählte:

181
»in der Bibel ist zu lesen,
182
Als zur Zeit der Wüstenwandrung
183
Israel sich oft erlustigt
184
Mit den Töchtern Kanaans,

185
Da geschah es, daß der Pinhas
186
Sahe, wie der edle Simri
187
Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild
188
Aus dem Stamm der Kananiter,

189
Und alsbald ergriff er zornig
190
Seinen Speer und hat den Simri
191
Auf der Stelle totgestochen –
192
Also heißt es in der Bibel.

193
Aber mündlich überliefert
194
Hat im Volke sich die Sage,
195
Daß es nicht der Simri war,
196
Den des Pinhas Speer getroffen,

197
Sondern daß der Blinderzürnte,
198
Statt des Sünders, unversehens
199
Einen ganz Unschuld'gen traf,
200
Den Schlemihl ben Zuri Schadday.« –

201
Dieser nun, Schlemihl I.,
202
Ist der Ahnherr des Geschlechtes
203
Derer von Schlemihl. Wir stammen
204
Von Schlemihl ben Zuri Schadday.

205
Freilich keine Heldentaten
206
Meldet man von ihm, wir kennen
207
Nur den Namen und wir wissen,
208
Daß er ein Schlemihl gewesen.

209
Doch geschätzet wird ein Stammbaum
210
Nicht ob seinen guten Früchten,
211
Sondern nur ob seinem Alter –
212
Drei Jahrtausend' zählt der unsre!

213
Jahre kommen und vergehen –
214
Drei Jahrtausende verflossen,
215
Seit gestorben unser Ahnherr,
216
Herr Schlemihl ben Zuri Schadday.

217
Längst ist auch der Pinhas tot –
218
Doch sein Speer hat sich erhalten,
219
Und wir hören ihn beständig
220
Über unsre Häupter schwirren.

221
Und die besten Herzen trifft er –
222
Wie Jehuda ben Halevy,
223
Traf er Moses Iben Esra,
224
Und er traf auch den Gabirol –

225
Den Gabirol, diesen treuen
226
Gottgeweihten Minnesänger,
227
Diese fromme Nachtigall,
228
Deren Rose Gott gewesen –

229
Diese Nachtigall, die zärtlich
230
Ihre Liebeslieder sang
231
In der Dunkelheit der gotisch
232
Mittelalterlichen Nacht!

233
Unerschrocken, unbekümmert
234
Ob den Fratzen und Gespenstern,
235
Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn,
236
Die gespukt in jener Nacht –

237
Sie, die Nachtigall, sie dachte
238
Nur an ihren göttlich Liebsten
239
Dem sie ihre Liebe schluchzte,
240
Den ihr Lobgesang verherrlicht! –

241
Dreißig Lenze sah Gabirol
242
Hier auf Erden, aber Fama
243
Ausposaunte seines Namens
244
Herrlichkeit durch alle Lande.

245
Zu Corduba, wo er wohnte,
246
War ein Mohr sein nächster Nachbar,
247
Welcher gleichfalls Verse machte
248
Und des Dichters Ruhm beneidet'.

249
Hörte er den Dichter singen,
250
Schwoll dem Mohren gleich die Galle,
251
Und der Lieder Süße wurde
252
Bittrer Wermut für den Neidhart.

253
Er verlockte den Verhaßten
254
Nächtlich in sein Haus, erschlug ihn
255
Dorten und vergrub den Leichnam
256
Hinterm Hause in dem Garten.

257
Aber siehe! aus dem Boden,
258
Wo die Leiche eingescharrt war,
259
Wuchs hervor ein Feigenbaum
260
Von der wunderbarsten Schönheit.

261
Seine Frucht war seltsam länglich
262
Und von seltsam würz'ger Süße;
263
Wer davon genoß, versank
264
In ein träumerisch Entzücken.

265
In dem Volke ging darüber
266
Viel Gerede und Gemunkel,
267
Das am End' zu den erlauchten
268
Ohren des Kalifen kam.

269
Dieser prüfte eigenzüngig
270
Jenes Feigenphänomen,
271
Und ernannte eine strenge
272
Untersuchungskommission.

273
Man verfuhr summarisch. Sechzig
274
Bambushiebe auf die Sohlen
275
Gab man gleich dem Herrn des Baumes,
276
Welcher eingestand die Untat.

277
Darauf riß man auch den Baum
278
Mit den Wurzeln aus dem Boden,
279
Und zum Vorschein kam die Leiche
280
Des erschlagenen Gabirol.

281
Diese ward mit Pomp bestattet
282
Und betrauert von den Brüdern;
283
An demselben Tage henkte
284
Man den Mohren zu Corduba.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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