2.

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Heinrich Heine: 2. (1826)

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»bei den Wassern Babels saßen
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Wir und weinten, unsre Harfen
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Lehnten an den Trauerweiden« –
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Kennst du noch das alte Lied?

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Kennst du noch die alte Weise,
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Die im Anfang so elegisch
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Greint und sumset, wie ein Kessel,
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Welcher auf dem Herde kocht?

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Lange schon, jahrtausendlange
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Kocht's in mir. Ein dunkles Wehe!
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Und die Zeit leckt meine Wunde,
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Wie der Hund die Schwären Hiobs.

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Dank dir, Hund, für deinen Speichel –
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Doch das kann nur kühlend lindern –
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Heilen kann mich nur der Tod,
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Aber, ach, ich bin unsterblich!

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Jahre kommen und vergehen –
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In dem Webstuhl läuft geschäftig
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Schnurrend hin und her die Spule –
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Was er webt, das weiß kein Weber.

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Jahre kommen und vergehen,
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Menschentränen träufeln, rinnen
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Auf die Erde, und die Erde
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Saugt sie ein mit stiller Gier –

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Tolle Sud! Der Deckel springt –
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Heil dem Manne, dessen Hand
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Deine junge Brut ergreifet
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Und zerschmettert an der Felswand.

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Gott sei Dank! die Sud verdampfet
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In dem Kessel, der allmählich
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Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen,
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Mein westöstlich dunkler Spleen –

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Auch mein Flügelrößlein wiehert
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Wieder heiter, scheint den bösen
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Nachtalp von sich abzuschütteln,
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Und die klugen Augen fragen:

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»reiten wir zurück nach Spanien
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Zu dem kleinen Talmudisten,
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Der ein großer Dichter worden,
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Zu Jehuda ben Halevy?«

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Ja, er ward ein großer Dichter,
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Absoluter Traumweltsherrscher
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Mit der Geisterkönigskrone,
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Ein Poet von Gottes Gnade,

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Der in heiligen Sirventen,
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Madrigalen und Terzinen,
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Kanzonetten und Ghaselen
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Ausgegossen alle Flammen

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Seiner gottgeküßten Seele!
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Wahrlich ebenbürtig war
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Dieser Troubadour den besten
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Lautenschlägern der Provence,

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Poitous und der Guienne,
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Roussillons und aller andern
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Süßen Pomeranzenlande
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Der galanten Christenheit.

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Der galanten Christenheit
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Süße Pomeranzenlande!
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Wie sie duften, glänzen, klingen
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In dem Zwielicht der Erinnrung!

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Schöne Nachtigallenwelt!
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Wo man statt des wahren Gottes
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Nur den falschen Gott der Liebe
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Und der Musen angebeten.

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Clerici mit Rosenkränzen
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Auf der Glatze sangen Psalmen
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In der heitern Sprache d'oc;
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Und die Laien, edle Ritter,

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Stolz auf hohen Rossen trabend,
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Spintisierten Vers und Reime
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Zur Verherrlichung der Dame,
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Der ihr Herze fröhlich diente.

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Ohne Dame keine Minne,
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Und es war dem Minnesänger
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Unentbehrlich eine Dame,
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Wie dem Butterbrot die Butter.

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Auch der Held, den wir besingen,
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Auch Jehuda ben Halevy
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Hatte seine Herzensdame;
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Doch sie war besondrer Art.

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Sie war keine Laura, deren
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Augen, sterbliche Gestirne,
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In dem Dome am Karfreitag
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Den berühmten Brand gestiftet –

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Sie war keine Chatelaine,
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Die im Blütenschmuck der Jugend
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Bei Turnieren präsidierte
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Und den Lorbeerkranz erteilte –

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Keine Kußrechtskasuistin
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War sie, keine Doktrinärrin,
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Die im Spruchkollegium
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Eines Minnehofs dozierte –

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Jene, die der Rabbi liebte,
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War ein traurig armes Liebchen,
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Der Zerstörung Jammerbildnis,
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Und sie hieß Jerusalem.

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Schon in frühen Kindestagen
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War sie seine ganze Liebe;
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Sein Gemüte machte beben
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Schon das Wort Jerusalem.

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Purpurflamme auf der Wange,
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Stand der Knabe, und er horchte,
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Wenn ein Pilger nach Toledo
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Kam aus fernem Morgenlande

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Und erzählte: wie verödet
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Und verunreint jetzt die Stätte,
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Wo am Boden noch die Lichtspur
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Von dem Fuße der Propheten –

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Wo die Luft noch balsamieret
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Von dem ew'gen Odem Gottes –
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»o des Jammeranblicks!« rief
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Einst ein Pilger, dessen Bart

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Silberweiß hinabfloß, während
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Sich das Barthaar an der Spitze
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Wieder schwärzte und es aussah,
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Als ob sich der Bart verjünge –

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Ein gar wunderlicher Pilger
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Mocht es sein, die Augen lugten
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Wie aus tausendjähr'gem Trübsinn,
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Und er seufzt': »Jerusalem!

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Sie, die volkreich heil'ge Stadt
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Ist zur Wüstenei geworden,
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Wo Waldteufel, Werwolf, Schakal
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Ihr verruchtes Wesen treiben –

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Schlangen, Nachtgevögel nisten
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Im verwitterten Gemäuer;
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Aus des Fensters luft'gem Bogen
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Schaut der Fuchs mit Wohlbehagen.

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Hier und da taucht auf zuweilen
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Ein zerlumpter Knecht der Wüste,
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Der sein höckriges Kamel
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In dem hohen Grase weidet.

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Auf der edlen Höhe Zions,
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Wo die goldne Feste ragte,
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Deren Herrlichkeiten zeugten
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Von der Pracht des großen Königs:

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Dort, von Unkraut überwuchert,
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Liegen nur noch graue Trümmer,
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Die uns ansehn schmerzhaft traurig,
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Daß man glauben muß, sie weinten.

141
Und es heißt, sie weinten wirklich
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Einmal in dem Jahr, an jenem
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Neunten Tag des Monats Ab –
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Und mit tränend eignen Augen

145
Schaute ich die dicken Tropfen
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Aus den großen Steinen sickern,
147
Und ich hörte weheklagen
148
Die gebrochnen Tempelsäulen.« – –

149
Solche fromme Pilgersagen
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Weckten in der jungen Brust
151
Des Jehuda ben Halevy
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Sehnsucht nach Jerusalem.

153
Dichtersehnsucht! ahnend, träumend
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Und fatal war sie, wie jene,
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Die auf seinem Schloß zu Blaye
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Einst empfand der edle Vidam,

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Messer Geoffroy Rudello,
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Als die Ritter, die zurück
159
Aus dem Morgenlande kehrten,
160
Laut beim Becherklang beteuert:

161
Ausbund aller Huld und Züchten,
162
Perl' und Blume aller Frauen,
163
Sei die schöne Melisande,
164
Markgräfin von Tripolis.

165
Jeder weiß, für diese Dame
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Schwärmte jetzt der Troubadour;
167
Er besang sie, und es wurde
168
Ihm zu eng im Schlosse Blaye.

169
Und es trieb ihn fort. Zu Cette
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Schiffte er sich ein, erkrankte
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Aber auf dem Meer, und sterbend
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Kam er an zu Tripolis.

173
Hier erblickt' er Melisanden
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Endlich auch mit Leibesaugen,
175
Die jedoch des Todes Schatten
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In derselben Stunde deckten.

177
Seinen letzten Liebessang
178
Singend, starb er zu den Füßen
179
Seiner Dame Melisande,
180
Markgräfin von Tripolis.

181
Wunderbare Ähnlichkeit
182
In dem Schicksal beider Dichter!
183
Nur daß jener erst im Alter
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Seine große Wallfahrt antrat.

185
Auch Jehuda ben Halevy
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Starb zu Füßen seiner Liebsten,
187
Und sein sterbend Haupt, es ruhte
188
Auf den Knien Jerusalems.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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