1.

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Heinrich Heine: 1. (1826)

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»lechzend klebe mir die Zunge
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An dem Gaumen, und es welke
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Meine rechte Hand, vergäß ich
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Jemals dein, Jerusalem –«

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Wort und Weise, unaufhörlich
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Schwirren sie mir heut im Kopfe,
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Und mir ist, als hört ich Stimmen,
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Psalmodierend, Männerstimmen –

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Manchmal kommen auch zum Vorschein
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Bärte, schattig lange Bärte –
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Traumgestalten, wer von euch
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Ist Jehuda ben Halevy?

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Doch sie huschen rasch vorüber;
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Die Gespenster scheuen furchtsam
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Der Lebend'gen plumpen Zuspruch –
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Aber ihn hab ich erkannt –

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Ich erkannt ihn an der bleichen
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Und gedankenstolzen Stirne,
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An der Augen süßer Starrheit –
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Sahn mich an so schmerzlich forschend –

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Doch zumeist erkannt ich ihn
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An dem rätselhaften Lächeln
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Jener schön gereimten Lippen,
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Die man nur bei Dichtern findet.

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Jahre kommen und verfließen.
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Seit Jehuda ben Halevy
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Ward geboren, sind verflossen
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Siebenhundertfunfzig Jahre –

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Hat zuerst das Licht erblickt
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Zu Toledo in Kastilien,
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Und es hat der goldne Tajo
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Ihm sein Wiegenlied gelullet.

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Für Entwicklung seines Geistes
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Sorgte früh der strenge Vater,
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Der den Unterricht begann
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Mit dem Gottesbuch, der Thora.

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Diese las er mit dem Sohne
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In dem Urtext, dessen schöne,
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Hieroglyphisch pittoreske,
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Altchaldäische Quadratschrift

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Herstammt aus dem Kindesalter
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Unsrer Welt, und auch deswegen
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Jedem kindlichen Gemüte
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So vertraut entgegenlacht.

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Diesen echten alten Text
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Rezitierte auch der Knabe
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In der uralt hergebrachten
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Singsangweise, Tropp geheißen –

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Und er gurgelte gar lieblich
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Jene fetten Gutturalen,
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Und er schlug dabei den Triller,
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Den Schalscheleth, wie ein Vogel.

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Auch den Targum Onkelos,
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Der geschrieben ist in jenem
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Plattjudäischen Idiom,
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Das wir Aramäisch nennen

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Und zur Sprache der Propheten
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Sich verhalten mag etwa
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Wie das Schwäbische zum Deutschen –
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Dieses Gelbveiglein-Hebräisch

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Lernte gleichfalls früh der Knabe,
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Und es kam ihm solche Kenntnis
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Bald darauf sehr gut zustatten
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Bei dem Studium des Talmuds.

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Ja, frühzeitig hat der Vater
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ihn geleitet zu dem Talmud,
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Und da hat er ihm erschlossen
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Die Halacha, diese große

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Fechterschule, wo die besten
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Dialektischen Athleten
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Babylons und Pumpedithas
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Ihre Kämpferspiele trieben.

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Lernen konnte hier der Knabe
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Alle Künste der Polemik;
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Seine Meisterschaft bezeugte
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Späterhin das Buch Cosari.

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Doch der Himmel gießt herunter
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Zwei verschiedne Sorten Lichtes:
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Grelles Tageslicht der Sonne
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Und das mildre Mondlicht – Also,

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Also leuchtet auch der Talmud
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Zwiefach, und man teilt ihn ein
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In Halacha und Hagada.
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Erstre nannt ich eine Fechtschul' –

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Letztre aber, die Hagada,
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Will ich einen Garten nennen,
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Einen Garten, hochphantastisch
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Und vergleichbar jenem andern,

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Welcher ebenfalls dem Boden
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Babylons entsprossen weiland –
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Garten der Semiramis,
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Achtes Wunderwerk der Welt.

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Königin Semiramis,
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Die als Kind erzogen worden
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Von den Vögeln, und gar manche
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Vögeltümlichkeit bewahrte,

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Wollte nicht auf platter Erde
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Promenieren wie wir andern
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Säugetiere, und sie pflanzte
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Einen Garten in der Luft –

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Hoch auf kolossalen Säulen
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Prangten Palmen und Zypressen,
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Goldorangen, Blumenbeete,
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Marmorbilder, auch Springbrunnen,

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Alles klug und fest verbunden
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Durch unzähl'ge Hängebrücken,
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Die wie Schlingepflanzen aussahn
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Und worauf sich Vögel wiegten –

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Große, bunte, ernste Vögel,
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Tiefe Denker, die nicht singen,
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Während sie umflattert kleines
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Zeisigvolk, das lustig trillert –

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Alle atmen ein, beseligt,
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Einen reinen Balsamduft,
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Welcher unvermischt mit schnödem
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Erdendunst und Mißgeruche.

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Die Hagada ist ein Garten
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Solcher Luftkindgrillenart,
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Und der junge Talmudschüler,
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Wenn sein Herze war bestäubet

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Und betäubet vom Gezänke
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Der Halacha, vom Dispute
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Über das fatale Ei,
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Das ein Huhn gelegt am Festtag,

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Oder über eine Frage
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Gleicher Importanz – der Knabe
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Floh alsdann, sich zu erfrischen,
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In die blühende Hagada,

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Wo die schönen alten Sagen,
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Engelmärchen und Legenden,
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Stille Märtyrerhistorien,
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Festgesänge, Weisheitsprüche,

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Auch Hyperbeln, gar possierlich,
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Alles aber glaubenskräftig,
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Glaubensglühend – Oh, das glänzte,
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Quoll und sproß so überschwenglich –

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Und des Knaben edles Herze
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Ward ergriffen von der wilden,
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Abenteuerlichen Süße,
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Von der wundersamen Schmerzlust

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Und den fabelhaften Schauern
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Jener seligen Geheimwelt,
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Jener großen Offenbarung,
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Die wir nennen Poesie.

145
Auch die Kunst der Poesie,
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Heitres Wissen, holdes Können,
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Welches wir die Dichtkunst heißen,
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Tat sich auf dem Sinn des Knaben.

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Und Jehuda ben Halevy
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Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter,
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Sondern auch der Dichtkunst Meister,
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Sondern auch ein großer Dichter.

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Ja, er ward ein großer Dichter,
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Stern und Fackel seiner Zeit,
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Seines Volkes Licht und Leuchte,
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Eine wunderbare, große

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Feuersäule des Gesanges,
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Die der Schmerzenskarawane
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Israels vorangezogen
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In der Wüste des Exils.

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Rein und wahrhaft, sonder Makel
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War sein Lied, wie seine Seele –
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Als der Schöpfer sie erschaffen,
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Diese Seele, selbstzufrieden

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Küßte er die schöne Seele,
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Und des Kusses holder Nachklang
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Bebt in jedem Lied des Dichters,
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Das geweiht durch diese Gnade.

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Wie im Leben, so im Dichten
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Ist das höchste Gut die Gnade –
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Wer sie hat, der kann nicht sünd'gen,
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Nicht in Versen, noch in Prosa.

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Solchen Dichter von der Gnade
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Gottes nennen wir Genie:
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Unverantwortlicher König
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Des Gedankenreiches ist er.

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Nur dem Gotte steht er Rede,
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Nicht dem Volke – In der Kunst,
179
Wie im Leben, kann das Volk
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Töten uns, doch niemals richten. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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