Der Ex-Nachtwächter

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Heinrich Heine: Der Ex-Nachtwächter (1826)

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Mißgelaunt, sagt man, verließ er
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Stuttgart an dem Neckarstrand,
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und zu München an der Isar
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Ward er Schauspielintendant.

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Das ist eine schöne Gegend
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Ebenfalls, es schäumet hier,
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Geist- und phantasieerregend,
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Holder Bock, das beste Bier.

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Doch der arme Intendante,
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Heißt es, gehet dort herum
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Melancholisch wie ein Dante,
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Wie Lord Byron gloomy, stumm.

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Ihn ergötzen nicht Komödien,
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Nicht das schlechteste Gedicht,
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Selbst die traurigsten Tragödien
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Liest er – doch er lächelt nicht.

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Manche Schöne möcht erheitern
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Dieses gramumflorte Herz,
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Doch die Liebesblicke scheitern
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An dem Panzer, der von Erz

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Nannerl mit dem Riegelhäubchen
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Girrt ihn an so muntern Sinns –
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»geh ins Kloster, armes Täubchen«,
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Spricht er wie ein Dänenprinz.

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Seine Freunde sind vergebens
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Zu erlust'gen ihn bemüht,
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Singen: »Freue dich des Lebens,
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Weil dir noch dein Lämpchen glüht!«

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Kann dich nichts zum Frohsinn reizen
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Hier in dieser hübschen Stadt,
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Die an amüsanten Käuzen
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Wahrlich keinen Mangel hat?

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Zwar hat sie in jüngsten Tagen
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Eingebüßt so manchen Mann,
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Manchen trefflichen Choragen,
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Den man schwer entbehren kann.

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Wär der Maßmann nur geblieben!
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Dieser hätte wohl am End'
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Jeden Trübsinn dir vertrieben
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Durch sein Burzelbaumtalent.

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Schelling, der ist unersetzlich!
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Ein Verlust vom höchsten Wert!
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War als Philosoph ergötzlich
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Und als Mime hochgeehrt.

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Daß der Gründer der Walhalla
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Fortging und zurücke ließ
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Seine Manuskripte alle,
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Gleichfalls ein Verlust war dies!

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Mit Cornelius ging verloren
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Auch des Meisters Jüngerschaft;
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Hat das Haar sich abgeschoren,
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Und im Haar war ihre Kraft.

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Denn der kluge Meister legte
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Einen Zauber in das Haar,
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Drin sich sichtbar oft bewegte
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Etwas, das lebendig war.

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Tot ist Görres, die Hyäne.
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Ob des heiligen Offiz
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Umsturz quoll ihm einst die Träne
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Aus des Auges rotem Schlitz.

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Dieses Raubtier hat ein Sühnchen
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Hinterlassen, doch es ist
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Nur ein giftiges Kaninchen,
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Welches Nonnenfürzchen frißt.

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Apropos! Der erzinfame
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Pfaffe Dollingerius –
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Das ist ungefähr sein Name –
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Lebt er noch am Isarfluß?

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Dieser bleibt mir unvergeßlich!
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Bei dem reinen Sonnenlicht!
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Niemals schaut ich solch ein häßlich
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Armesünderangesicht.

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Wie es heißt, ist er gekommen
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Auf die Welt gar wundersam,
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Hat den Afterweg genommen,
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Zu der Mutter Schreck und Scham.

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Sah ihn am Karfreitag wallen
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In dem Zug der Prozession,
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Von den dunkeln Männern allen
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Wohl die dunkelste Person.

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Ja, Monacho Monachorum
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Ist in unsrer Zeit der Sitz
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Der Virorum obscurorum,
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Die verherrlicht Huttens Witz.

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Wie du zuckst beim Namen Hutten!
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Ex-Nachtwächter, wache auf!
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Hier die Pritsche, dort die Kutten,
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Und wie eh'mals schlage drauf!

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Geißle ihre Rücken blutig,
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Wie einst tat der Ullerich;
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Dieser schlug so rittermutig,
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Jene heulten fürchterlich.

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Der Erasmus mußte lachen
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So gewaltig ob dem Spaß,
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Daß ihm platzte in dem Rachen
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Sein Geschwür und er genas.

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Auf der Ebersburg desgleichen
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Lachte Sickingen wie toll,
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Und in allen deutschen Reichen
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Das Gelächter widerscholl.

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Alte lachten wie die Jungen –
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Eine einz'ge Lache nur
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War ganz Wittenberg, sie sungen
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»gaudeamus igitur!«

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Freilich, klopft man faule Kutten,
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Fängt man Flöh' im Überfluß,
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Und es mußte sich der Hutten
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Manchmal kratzen vor Verdruß.

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Aber »Alea est jacta!«
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War des Ritters Schlachtgeschrei,
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Und er knickte und er knackte
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Pulices und Klerisei.

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Ex-Nachtwächter, Stundenrufer,
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Fühlst du nicht dein Herz erglühn?
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Rege dich am Isarufer,
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Schüttle ab den kranken Spleen.

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Deine langen Fortschrittsbeine,
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Heb sie auf zu neuem Lauf –
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Kutten grobe, Kutten feine,
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Sind es Kutten, schlage drauf!

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Jener aber seufzt, und seine
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Hände ringend er versetzt:
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»meine langen Fortschrittsbeine
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Sind europamüde jetzt.

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Meine Hühneraugen jücken,
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Habe deutsche enge Schuh',
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Und wo mich die Schuhe drücken,
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Weiß ich wohl – laß mich in Ruh'!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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