Spanische Atriden

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Heinrich Heine: Spanische Atriden (1826)

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Am Hubertustag des Jahres
2
Dreizehnhundertdreiundachtzig
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Gab der König uns ein Gastmahl
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Zu Segovia im Schlosse.

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Hofgastmähler sind dieselben
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Überall, es gähnt dieselbe
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Souveräne Langeweile
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An der Tafel aller Fürsten.

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Prunkgeschirr von Gold und Silber,
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Leckerbissen aller Zonen,
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Und derselbe Bleigeschmack,
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Mahnend an Lokustes Küche.

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Auch derselbe seidne Pöbel,
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Buntgeputzt und vornehm nickend,
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Wie ein Beet von Tulipanen;
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Nur die Saucen sind verschieden.

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Und das ist ein Wispern, Sumsen,
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Das wie Mohn den Sinn einschläfert,
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Bis Trompetenstöße wecken
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Aus der kauenden Betäubnis.

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Neben mir, zum Glücke, saß
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Don Diego Albuquerque,
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Dem die Rede unterhaltsam
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Von den klugen Lippen floß.

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Ganz vorzüglich gut erzählte
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Er die blut'gen Hofgeschichten
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Aus den Tagen des Don Pedro,
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Den man »König Grausam« nannte.

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Als ich frug, warum Don Pedro
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Seinen Bruder Don Fredrego
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Insgeheim enthaupten ließ,
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Sprach mein Tischgenosse seufzend:

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»señor! glaubt nicht, was sie klimpern
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Auf den schlottrigen Gitarren,
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Bänkelsänger, Maultiertreiber,
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In Posaden, Kneipen, Schenken.

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Glaubet nimmer, was sie faseln
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Von der Liebe Don Fredregos
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Und Don Pedros schöner Gattin,
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Doña Blanka von Bourbon.

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Nicht der Eifersucht des Gatten,
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Nur der Mißgunst eines Neidharts
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Fiel als Opfer Don Fredrego,
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Calatravas Ordensmeister.

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Das Verbrechen, das Don Pedro
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Nicht verzieh, das war sein Ruhm,
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Jener Ruhm, den Doña Fama
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Mit Entzücken ausposaunte.

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Auch verzieh ihm nicht Don Pedro
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Seiner Seele Hochgefühle
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Und die Wohlgestalt des Leibes,
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Die ein Abbild solcher Seele.

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Blühend blieb mir im Gedächtnis
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Diese schlanke Heldenblume;
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Nie vergeß ich dieses schöne
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Träumerische Jünglingsantlitz.

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Das war eben jene Sorte,
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Die geliebt wird von den Feen,
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Und ein märchenhaft Geheimnis
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Sprach aus allen diesen Zügen.

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Blaue Augen, deren Schmelz
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Blendend wie ein Edelstein –
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Aber auch der stieren Härte
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Eines Edelsteins teilhaftig.

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Seine Haare waren schwarz,
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Bläulichschwarz, von seltnem Glanze,
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Und in üppig schönen Locken
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Auf die Schulter niederfallend.

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In der schönen Stadt Coimbra,
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Die er abgewann den Mohren,
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Sah ich ihn zum letzten Male
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Lebend – unglücksel'ger Prinz!

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Eben kam er vom Alkanzor,
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Durch die engen Straßen reitend;
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Manche junge Mohrin lauschte
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Hinterm Gitter ihres Fensters.

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Seines Hauptes Helmbusch wehte
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Frei galant, jedoch des Mantels
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Strenges Calatrava-Kreuz
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Scheuchte jeden Buhlgedanken.

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Ihm zur Seite, freudewedelnd,
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Sprang sein Liebling, Allan hieß er,
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Eine Bestie solzer Rasse,
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Deren Heimat die Sierra.

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Trotz der ungeheuern Größe
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War er wie ein Reh gelenkig,
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Nobel war des Kopfes Bildung,
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Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.

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Schneeweiß und so weich wie Seide
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Flockten lang herab die Haare;
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Mit Rubinen inkrustieret
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War das breite goldne Halshand.

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Dieses Halshand, sagt man, barg
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Einen Talisman der Treue;
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Niemals wich er von der Seite
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Seines Herrn, der treue Hund.

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O der schauerlichen Treue!
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Mir erbebet das Gemüte,
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Denk ich dran, wie sie sich hier
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Offenbart vor unsern Augen.

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O des schreckenvollen Tages!
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Hier in diesem Saale war es,
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Und wie heute saß ich hier
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An der königlichen Tafel.

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An dem obern Tafelende,
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Dort, wo heute Don Henrico
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Fröhlich bechert mit der Blume
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Kastilian'scher Ritterschaft –

109
Jenes Tags saß dort Don Pedro
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Finster stumm, und neben ihm,
111
Strahlend stolz wie eine Göttin,
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Saß Maria de Padilla.

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Hier am untern End' der Tafel,
114
Wo wir heut die Dame sehen,
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Deren große Linnenkrause
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Wie ein weißer Teller aussieht –

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Während ihr vergilbt Gesichtchen
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Mit dem säuerlichen Lächeln
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Der Zitrone gleichet, welche
120
Auf besagtem Teller ruht:

121
Hier am untern End' der Tafel
122
War ein leerer Platz geblieben;
123
Eines Gasts von hohem Range
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Schien der goldne Stuhl zu harren.

125
Don Fredrego war der Gast,
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Dem der goldne Stuhl bestimmt war –
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Doch er kam nicht – ach, wir wissen
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Jetzt den Grund der Zögerung.

129
Ach, zur selben Stunde wurde
130
Sie vollbracht, die dunkle Untat,
131
Und der arglos junge Held
132
Wurde von Don Pedros Schergen

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Hinterlistig überfallen
134
Und gebunden fortgeschleppt
135
In ein ödes Schloßgewölbe,
136
Nur von Fackelschein beleuchtet.

137
Dorten standen Henkersknechte,
138
Dorten stand der rote Meister,
139
Der, gestützt auf seinem Richtbeil,
140
Mit schwermüt'ger Miene sprach:

141
›jetzt, Großmeister von San Jago,
142
Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,
143
Eine Viertelstunde sei
144
Euch bewilligt zum Gebete.‹

145
Don Fredrego kniete nieder,
146
Betete mit frommer Ruhe,
147
Sprach sodann: ›Ich hab vollendet‹,
148
Und empfing den Todesstreich.

149
In demselben Augenblicke,
150
Als der Kopf zu Boden rollte,
151
Sprang drauf zu der treue Allan,
152
Welcher unbemerkt gefolgt war.

153
Er erfaßte, mit den Zähnen,
154
Bei dem Lockenhaar das Haupt,
155
Und mit dieser teuern Beute
156
Schoß er zauberschnell von dannen.

157
Jammer und Geschrei erscholl
158
Überall auf seinem Wege,
159
Durch die Gänge und Gemächer,
160
Treppen auf und Treppen ab.

161
Seit dem Gastmahl des Belsazar
162
Gab es keine Tischgesellschaft,
163
Welche so verstöret aussah
164
Wie die unsre in dem Saale,

165
Als das Ungetüm hereinsprang
166
Mit dem Haupte Don Fredregos,
167
Das er mit den Zähnen schleppte
168
An den träufend blut'gen Haaren.

169
Auf den leer gebliebnen Stuhl,
170
Welcher seinem Herrn bestimmt war;
171
Sprang der Hund und, wie ein Kläger,
172
Hielt er uns das Haupt entgegen.

173
Ach, es war das wohlbekannte
174
Heldenantlitz, aber blässer,
175
Aber ernster, durch den Tod,
176
Und umringelt gar entsetzlich

177
Von der Fülle schwarzer Locken,
178
Die sich bäumten wie der wilde
179
Schlangenkopfputz der Meduse,
180
Auch wie dieser schreckversteinernd.

181
Ja, wir waren wie versteinert,
182
Sahn uns an mit starrer Miene,
183
Und gelähmt war jede Zunge
184
Von der Angst und Etikette.

185
Nur Maria de Padilla
186
Brach das allgemeine Schweigen;
187
Händeringend, laut aufschluchzend,
188
Jammerte sie ahndungsvoll:

189
›heißen wird es jetzt, ich hätte
190
Angestiftet solche Mordtat,
191
Und der Groll trifft meine Kinder,
192
Meine schuldlos armen Kinder!‹«

193
Don Diego unterbrach hier
194
Seine Rede, denn wir sahen,
195
Daß die Tafel aufgehoben
196
Und der Hof den Saal verlassen.

197
Höfisch fein von Sitten, gab
198
Mir der Ritter das Geleite,
199
Und wir wandelten selbander
200
Durch das alte Gotenschloß.

201
In dem Kreuzgang, welcher leitet
202
Nach des Königs Hundeställen,
203
Die durch Knurren und Gekläffe
204
Schon von fernher sich verkünd'gen,

205
Dorten sah ich, in der Wand
206
Eingemauert und nach außen
207
Fest mit Eisenwerk vergattert,
208
Eine Zelle wie ein Käfig.

209
Menschliche Gestalten zwo
210
Saßen drin, zwei junge Knaben;
211
Angefesselt bei den Beinen,
212
Hockten sie auf fauler Streu.

213
Kaum zwölfjährig schien der eine,
214
Wenig älter war der andre;
215
Die Gesichter schön und edel,
216
Aber fahl und welk von Siechtum.

217
Waren ganz zerlumpt, fast nackend,
218
Und die magern Leibchen trugen
219
Wunde Spuren der Mißhandlung;
220
Beide schüttelte das Fieber.

221
Aus der Tiefe ihres Elends
222
Schauten sie zu mir empor,
223
Wie mit weißen Geisteraugen,
224
Daß ich schier darob erschrocken.

225
»wer sind diese Jammerbilder?«
226
Rief ich aus, indem ich hastig
227
Don Diegos Hand ergriff,
228
Die gezittert, wie ich fühlte.

229
Don Diego schien verlegen,
230
Sah sich um, ob niemand lausche,
231
Seufzte tief und sprach am Ende,
232
Heitern Weltmannston erkünstelnd:

233
»dieses sind zwei Königskinder,
234
Früh verwaiset, König Pedro
235
Hieß der Vater, und die Mutter
236
War Maria de Padilla.

237
Nach der großen Schlacht bei Narvas,
238
Wo Henrico Transtamare
239
Seinen Bruder, König Pedro,
240
Von der großen Last der Krone

241
Und zugleich von jener größern
242
Last, die Leben heißt, befreite:
243
Da traf auch die Bruderskinder
244
Don Henricos Siegergroßmut.

245
Hat sich ihrer angenommen,
246
Wie es einem Oheim ziemet,
247
Und im eignen Schlosse gab er
248
Ihnen freie Kost und Wohnung.

249
Enge freilich ist das Stübchen,
250
Das er ihnen angewiesen,
251
Doch im Sommer ist es kühlig,
252
Und nicht gar zu kalt im Winter.

253
Ihre Speis' ist Roggenbrot,
254
Das so schmackhaft ist, als hätt es
255
Göttin Ceres selbst gebacken
256
Für ihr liebes Proserpinchen.

257
Manchmal schickt er ihnen auch
258
Eine Kumpe mit Garbanzos,
259
Und die Jungen merken dann,
260
Daß es Sonntag ist in Spanien.

261
Doch nicht immer ist es Sonntag,
262
Und nicht immer gibt's Garbanzos,
263
Und der Oberkoppelmeister
264
Regaliert sie mit der Peitsche.

265
Denn der Oberkoppelmeister,
266
Der die Ställe mit der Meute
267
Sowie auch den Neffenkäfig
268
Unter seiner Aufsicht hat,

269
Ist der unglücksel'ge Gatte
270
Jener sauren Zitronella
271
Mit der weißen Tellerkrause,
272
Die wir heut bei Tisch bewundert,

273
Und sie keift so frech, daß oft
274
Ihr Gemahl zur Peitsche greift –
275
Und hierher eilt und die Hunde
276
Und die armen Knaben züchtigt.

277
Doch der König hat mißbilligt
278
Solch Verfahren und befahl,
279
Daß man künftig seine Neffen
280
Nicht behandle wie die Hunde.

281
Keiner fremden Mietlingsfaust
282
Wird er ferner anvertrauen
283
Ihre Zucht, die er hinfüro
284
Eigenhändig leiten will.«

285
Don Diego stockte plötzlich,
286
Denn der Seneschall des Schlosses
287
Kam zu uns und frug uns
288
Höflich: ob wir wohlgespeist? – –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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