3.

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Heinrich Heine: 3. (1826)

1
Blasser schimmern schon die Sterne,
2
Und die Morgennebel steigen
3
Aus der Seeflut, wie Gespenster,
4
Mit hinschleppend weißen Laken.

5
Fest und Lichter sind erloschen
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Auf dem Dach des Götzentempels,
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Wo am blutgetränkten Estrich
8
Schnarchend liegen Pfaff' und Laie.

9
Nur die rote Jacke wacht.
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Bei dem Schein der letzten Lampe,
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Süßlich grinsend, grimmig schäkernd,
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Spricht der Priester zu dem Gotte:

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»vitzliputzli, Putzlivitzli,
14
Liebstes Göttchen Vitzliputzli!
15
Hast dich heute amüsieret,
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Hast gerochen Wohlgerüche!

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Heute gab es Spanierblut –
18
Oh, das dampfte so app'titlich,
19
Und dein feines Leckernäschen
20
Sog den Duft ein, wollustglänzend.

21
Morgen opfern wir die Pferde,
22
Wiehernd edle Ungetüme,
23
Die des Windes Geister zeugten,
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Buhlschaft treibend mit der Seekuh.

25
Willst du artig sein, so schlacht ich
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Dir auch meine beiden Enkel,
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Hübsche Bübchen, süßes Blut,
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Meines Alters einz'ge Freude.

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Aber artig mußt du sein,
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Mußt uns neue Siege schenken –
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Laß uns siegen, liebes Göttchen,
32
Putzlivitzli, Vitzliputzli!

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O verderbe unsre Feinde,
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Diese Fremden, die aus fernen
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Und noch unentdeckten Ländern
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Zu uns kamen übers Weltmeer –

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Warum ließen sie die Heimat?
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Trieb sie Hunger oder Blutschuld?
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Bleib im Land und nähr dich redlich,
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Ist ein sinnig altes Sprüchwort.

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Was ist ihr Begehr? Sie stecken
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Unser Gold in ihre Taschen,
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Und sie wollen, daß wir droben
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Einst im Himmel glücklich werden!

45
Anfangs glaubten wir, sie wären
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Wesen von der höchsten Gattung,
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Sonnensöhne, die unsterblich
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Und bewehrt mit Blitz und Donner.

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Aber Menschen sind sie, tötbar
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Wie wir andre, und mein Messer
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Hat erprobet heute nacht
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Ihre Menschensterblichkeit.

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Menschen sind sie und nicht schöner
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Als wir andre, manche drunter
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Sind so häßlich wie die Affen;
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Wie bei diesen sind behaart

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Die Gesichter, und es heißt,
58
Manche trügen in den Hosen
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Auch verborgne Affenschwänze –
60
Wer kein Aff', braucht keine Hosen.

61
Auch moralisch häßlich sind sie,
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Wissen nichts von Pietät,
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Und es heißt, daß sie sogar
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Ihre eignen Götter fräßen!

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O vertilge diese ruchlos
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Böse Brut, die Götterfresser –
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Vitzliputzli, Putzlivitzli,
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Laß uns siegen, Vitzliputzli!« –

69
Also sprach zum Gott der Priester,
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Und des Gottes Antwort tönt
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Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind,
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Welcher koset mit dem Seeschilf:

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»rotjack', Rotjack', blut'ger Schlächter,
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Hast geschlachtet viele Tausend,
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Bohre jetzt das Opfermesser
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In den eignen alten Leib.

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Aus dem aufgeschlitzten Leib
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Schlüpft alsdann hervor die Seele;
79
Über Kiesel, über Wurzel
80
Trippelt sie zum Laubfroschteiche.

81
Dorten hocket meine Muhme
82
Rattenkön'gin – sie wird sagen:
83
›guten Morgen, nackte Seele,
84
Wie ergeht es meinem Neffen?

85
Vitzliputzelt er vergnügt
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In dem honigsüßen Goldlicht?
87
Wedelt ihm das Glück die Fliegen
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Und die Sorgen von der Stirne?

89
Oder kratzt ihn Katzlagara,
90
Die verhaßte Unheilsgöttin
91
Mit den schwarzen Eisenpfoten,
92
Die in Otterngift getränket?‹

93
Nackte Seele, gib zur Antwort:
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›vitzliputzli läßt dich grüßen,
95
Und er wünscht dir Pestilenz
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In den Bauch, Vermaledeite!

97
Denn du rietest ihm zum Kriege,
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Und dein Rat, es war ein Abgrund –
99
In Erfüllung geht die böse,
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Uralt böse Prophezeiung.

101
Von des Reiches Untergang
102
Durch die furchtbar bärt'gen Männer,
103
Die auf hölzernem Gevögel
104
Hergeflogen aus dem Osten.

105
Auch ein altes Sprüchwort gibt es:
106
Weiberwille, Gotteswille –
107
Doppelt ist der Gotteswille,
108
Wenn das Weib die Muttergottes.

109
Diese ist es, die mir zürnet,
110
Sie, die stolze Himmelsfürstin,
111
Eine Jungfrau sonder Makel,
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Zauberkundig, wundertätig.

113
Sie beschützt das Spaniervolk,
114
Und wir müssen untergehen,
115
Ich, der ärmste aller Götter,
116
Und mein armes Mexiko.‹

117
Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack',
118
Krieche deine nackte Seele
119
In ein Sandloch – Schlafe wohl!
120
Daß du nicht mein Unglück schauest!

121
Dieser Tempel stürzt zusammen,
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Und ich selber, ich versinke
123
In dem Qualm – nur Rauch und Trümmer –
124
Keiner wird mich wiedersehen.

125
Doch ich sterbe nicht; wir Götter
126
Werden alt wie Papageien,
127
Und wir mausern nur und wechseln
128
Auch wie diese das Gefieder.

129
Nach der Heimat meiner Feinde,
130
Die Europa ist geheißen,
131
Will ich flüchten, dort beginn ich
132
Eine neue Karriere.

133
Ich verteufle mich, der Gott
134
Wird jetzund ein Gottseibeiuns;
135
Als der Feinde böser Feind,
136
Kann ich dorten wirken, schaffen.

137
Quälen will ich dort die Feinde,
138
Mit Phantomen sie erschrecken –
139
Vorgeschmack der Hölle, Schwefel
140
Sollen sie beständig riechen.

141
Ihre Weisen, ihre Narren
142
Will ich ködern und verlocken;
143
Ihre Tugend will ich kitzeln,
144
Bis sie lacht wie ein Metze.

145
Ja, ein Teufel will ich werden,
146
Und als Kameraden grüß ich
147
Satanas und Belial,
148
Astaroth und Beelzebub.

149
Dich zumal begrüß ich, Lilis,
150
Sündenmutter, glatte Schlange!
151
Lehr mich deine Grausamkeiten
152
Und die schöne Kunst der Lüge!

153
Mein geliebtes Mexiko,
154
Nimmermehr kann ich es retten,
155
Aber rächen will ich furchtbar
156
Mein geliebtes Mexiko.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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