Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli

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Heinrich Heine: Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli (1826)

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In dem Schlosse Blay erblickt man
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Die Tapete an den Wänden,
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So die Gräfin Tripolis
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Einst gestickt mit klugen Händen.

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Ihre ganze Seele stickte
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Sie hinein, und Liebesträne
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Hat gefeit das seidne Bildwerk,
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Welches darstellt jene Szene:

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Wie die Gräfin den Rudèl,
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Sterbend sah am Strande liegen,
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Und das Urbild ihrer Sehnsucht
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Gleich erkannt in seinen Zügen.

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Auch Rudèl hat hier zum ersten
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Und zum letzten Mal erblicket
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In der Wirklichkeit die Dame,
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Die ihn oft im Traum entzücket.

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Über ihn beugt sich die Gräfin,
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Hält ihn liebevoll umschlungen,
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Küßt den todesbleichen Mund,
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Der so schön ihr Lob gesungen!

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Ach! der Kuß des Willkomms wurde
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Auch zugleich der Kuß des Scheidens,
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Und so leerten sie den Kelch
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Höchster Lust und tiefsten Leidens.

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In dem Schlosse Blay allnächtlich
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Gibt's ein Rauschen, Knistern, Beben,
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Die Figuren der Tapete
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Fangen plötzlich an zu leben.

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Troubadour und Dame schütteln
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Die verschlafnen Schattenglieder,
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Treten aus der Wand und wandeln
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Durch die Säle auf und nieder.

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Trautes Flüstern, sanftes Tändeln,
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Wehmutsüße Heimlichkeiten,
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Und postume Galantrie
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Aus des Minnesanges Zeiten:

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»geoffroy! Mein totes Herz
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Wird erwärmt von deiner Stimme,
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In den längst erloschnen Kohlen
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Fühl ich wieder ein Geglimme!«

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»melisande! Glück und Blume!
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Wenn ich dir ins Auge sehe,
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Leb ich auf – gestorben ist
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Nur mein Erdenleid und – wehe.«

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»geoffroy! Wir liebten uns
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Einst im Traume, und jetzunder
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Lieben wir uns gar im Tode –
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Gott Amour tat dieses Wunder!«

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»melisande! Was ist Traum?
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Was ist Tod? Nur eitel Töne.
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In der Liebe nur ist Wahrheit,
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Und dich lieb ich, ewig Schöne.«

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»geoffroy! Wie traulich ist es
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Hier im stillen Mondscheinsaale,
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Möchte nicht mehr draußen wandeln
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In des Tages Sonnenstrahle.«

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»melisande! teure Närrin,
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Du bist selber Licht und Sonne,
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Wo du wandelst, blüht der Frühling,
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Sprossen Lieb' und Maienwonne!«

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Also kosen, also wandeln
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Jene zärtlichen Gespenster
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Auf und ab, derweil das Mondlicht
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Lauschet durch die Bogenfenster.

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Doch den holden Spuk vertreibend,
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Kommt am End' die Morgenröte –
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Jene huschen scheu zurück
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In die Wand, in die Tapete.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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