Der Mohrenkönig

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Heinrich Heine: Der Mohrenkönig (1826)

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Ins Exil der Alpuxarren
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Zog der junge Mohrenkönig;
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Schweigsam und das Herz voll Kummer
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Ritt er an des Zuges Spitze.

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Hinter ihm auf hohen Zeltern
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Oder auch in güldnen Sänften
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Saßen seines Hauses Frauen;
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Schwarze Mägde trägt das Maultier.

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Hundert treue Diener folgen
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Auf arabisch edlen Rappen;
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Stolze Gäule, doch die Reiter
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Hängen schlottrig in den Sätteln.

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Keine Zimbel, keine Pauke,
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Kein Gesangeslaut ertönte;
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Nur des Maultiers Silberglöckchen
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Wimmern schmerzlich in der Stille.

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Auf der Höhe, wo der Blick
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Ins Duero-Tal hinabschweift,
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Und die Zinnen von Granada
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Sichtbar sind zum letzten Male:

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Dorten stieg vom Pferd der König
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Und betrachtete die Stadt,
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Die im Abendlichte glänzte,
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Wie geschmückt mit Gold und Purpur.

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Aber, Allah! Welch ein Anblick!
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Statt des vielgeliebten Halbmonds,
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Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen
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Auf den Türmen der Alhambra.

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Ach, bei diesem Anblick brachen
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Aus des Königs Brust die Seufzer,
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Tränen überströmten plötzlich
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Wie ein Sturzbach seine Wangen.

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Düster von dem hohen Zelter
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Schaut' herab des Königs Mutter,
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Schaut' auf ihres Sohnes Jammer,
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Und sie schalt ihn stolz und bitter.

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»boabdil el Chico«, sprach sie,
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»wie ein Weib beweinst du jetzo
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Jene Stadt, die du nicht wußtest
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Zu verteid'gen wie ein Mann.«

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Als des Königs liebste Kebsin
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Solche harte Rede hörte,
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Stürzte sie aus ihrer Sänfte
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Und umhalste den Gebieter.

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»boabdil el Chico«, sprach sie,
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»tröste dich, mein Heißgeliebter,
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Aus dem Abgrund deines Elends
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Blüht hervor ein schöner Lorbeer.

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Nicht allein der Triumphator,
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Nicht allein der sieggekrönte
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Günstling jener blinden Göttin,
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Auch der blut'ge Sohn des Unglücks,

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Auch der heldenmüt'ge Kämpfer,
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Der dem ungeheuren Schicksal
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Unterlag, wird ewig leben
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In der Menschen Angedenken.«

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»berg des letzten Mohrenseufzers«
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Heißt bis auf den heut'gen Tag
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Jene Höhe, wo der König
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Sah zum letzten Mal Granada.

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Lieblich hat die Zeit erfüllet,
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Seiner Liebsten Prophezeiung,
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Und des Mohrenkönigs Name
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Ward verherrlicht und gefeiert.

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Nimmer wird sein Ruhm verhallen,
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Ehe nicht die letzte Saite
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Schnarrend losspringt von der letzten
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Andalusischen Gitarre.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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