Schlachtfeld bei Hastings

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Heinrich Heine: Schlachtfeld bei Hastings (1826)

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Der Abt von Waltham seufzte tief,
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Als er die Kunde vernommen,
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Daß König Harold elendiglich
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Bei Hastings umgekommen.

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Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt,
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Die schickt' er aus als Boten,
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Sie sollten suchen die Leiche Harolds
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Bei Hastings unter den Toten.

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Die Mönche gingen traurig fort
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Und kehrten traurig zurücke:
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»hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram,
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Wir sind verlassen vom Glücke.

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Gefallen ist der beßre Mann,
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Es siegte der Bankert, der schlechte,
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Gewappnete Diebe verteilen das Land
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Und machen den Freiling zum Knechte.

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Der lausigste Lump aus der Normandie
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Wird Lord auf der Insel der Briten;
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Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam
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Mit goldnen Sporen geritten.

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Weh dem, der jetzt ein Sachse ist!
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Ihr Sachsenheilige droben
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Im Himmelreich, nehmt euch in acht,
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Ihr seid der Schmach nicht enthoben.

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Jetzt wissen wir, was bedeutet hat
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Der große Komet, der heuer
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Blutrot am nächtlichen Himmel ritt
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Auf einem Besen von Feuer.

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Bei Hastings in Erfüllung ging
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Des Unsterns böses Zeichen,
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Wir waren auf dem Schlachtfeld dort
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Und suchten unter den Leichen.

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Wir suchten hin, wir suchten her,
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Bis alle Hoffnung verschwunden –
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Den Leichnam des toten Königs Harold,
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Wir haben ihn nicht gefunden.«

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Asgod und Ailrik sprachen also;
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Der Abt rang jammernd die Hände,
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Versank in tiefe Nachdenklichkeit
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Und sprach mit Seufzen am Ende:

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»zu Grendelfield am Bardenstein,
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Just in des Waldes Mitte,
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Da wohnet Edith Schwanenhals
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In einer dürft'gen Hütte.

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Man hieß sie Edith Schwanenhals,
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Weil wie der Hals der Schwäne
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Ihr Nacken war; der König Harold,
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Er liebte die junge Schöne.

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Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt,
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Und endlich verlassen, vergessen.
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Die Zeit verfließt; wohl sechzehn Jahr'
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Verflossen unterdessen.

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Begebt euch, Brüder, zu diesem Weib
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Und laßt sie mit euch gehen
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Zurück nach Hastings, der Blick des Weibs
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Wird dort den König erspähen.

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Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
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Sollt ihr die Leiche bringen,
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Damit wir christlich bestatten den Leib
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Und für die Seele singen.«

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Um Mitternacht gelangten schon
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Die Boten zur Hütte im Walde:
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»erwache, Edith Schwanenhals,
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Und folge uns alsbalde.

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Der Herzog der Normannen hat
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Den Sieg davongetragen,
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Und auf dem Feld bei Hastings liegt
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Der König Harold erschlagen.

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Komm mit nach Hastings, wir suchen dort
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Den Leichnam unter den Toten,
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Und bringen ihn nach Waltham-Abtei,
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Wie uns der Abt geboten.«

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Kein Wort sprach Edith Schwanenhals,
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Sie schürzte sich geschwinde
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Und folgte den Mönchen; ihr greisendes Haar,
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Das flatterte wild im Winde.

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Es folgte barfuß das arme Weib
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Durch Sümpfe und Baumgestrüppe.
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Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon
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Zu Hastings die kreidige Klippe.

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Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt
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Als wie ein weißes Leilich,
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Zerfloß allmählich; es flatterten auf
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Die Dohlen und krächzten abscheulich.

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Viel tausend Leichen lagen dort
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Erbärmlich auf blutiger Erde,
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Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt,
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Daneben die Äser der Pferde.

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Es wadete Edith Schwanenhals
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Im Blute mit nackten Füßen;
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Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug'
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Die forschenden Blicke schießen.

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Sie suchte hin, sie suchte her,
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Oft mußte sie mühsam verscheuchen
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Die fraßbegierige Rabenschar;
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Die Mönche hinter ihr keuchen.

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Sie suchte schon den ganzen Tag,
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Es ward schon Abend – plötzlich
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Bricht aus der Brust des armen Weibs
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Ein geller Schrei, entsetzlich.

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Gefunden hat Edith Schwanenhals
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Des toten Königs Leiche.
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Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht,
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Sie küßte das Antlitz, das bleiche.

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Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund,
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Sie hielt ihn fest umschlossen;
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Sie küßte auf des Königs Brust
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Die Wunde blutumflossen.

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Auf seiner Schulter erblickt sie auch –
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Und sie bedeckt sie mit Küssen –
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Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust,
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Die sie einst hineingebissen.

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Die Mönche konnten mittlerweil'
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Baumstämme zusammenfugen;
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Das war die Bahre, worauf sie alsdann
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Den toten König trugen.

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Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei,
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Daß man ihn dort begrübe;
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Es folgte Edith Schwanenhals
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Der Leiche ihrer Liebe.

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Sie sang die Totenlitanei'n
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In kindisch frommer Weise;
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Das klang so schauerlich in der Nacht –
124
Die Mönche beteten leise. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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