Rhampsenit

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Heinrich Heine: Rhampsenit (1826)

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Als der König Rhampsenit
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Eintrat in die goldne Halle
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Seiner Tochter, lachte diese,
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Lachten ihre Zofen alle.

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Auch die Schwarzen, die Eunuchen,
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Stimmten lachend ein, es lachten
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Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe,
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Daß sie schier zu bersten dachten.

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Die Prinzessin sprach: »Ich glaubte
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Schon, den Schatzdieb zu erfassen,
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Der hat aber einen toten
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Arm in meiner Hand gelassen.

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Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb
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Dringt in deine Schatzhauskammern,
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Und die Schätze dir entwendet,
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Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.

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Einen Zauberschlüssel hat er,
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Der erschließet allerorten
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Jede Türe, widerstehen
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Können nicht die stärksten Pforten.

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Ich bin keine starke Pforte,
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Und ich hab nicht widerstanden,
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Schätzehütend diese Nacht
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Kam ein Schätzlein mir abhanden.«

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So sprach lachend die Prinzessin,
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Und sie tänzelt im Gemache,
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Und die Zofen und Eunuchen
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Hoben wieder ihre Lache.

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An demselben Tag ganz Memphis
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Lachte, selbst die Krokodile
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Reckten lachend ihre Häupter
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Aus dem schlammig gelben Nile,

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Als sie Trommelschlag vernahmen
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Und sie hörten an dem Ufer
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Folgendes Reskript verlesen
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Von dem Kanzeleiausrufer:

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»rhampsenit, von Gottes Gnaden
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König zu und in Ägypten,
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Wir entbieten Gruß und Freundschaft
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Unsern Vielgetreun und Liebden.

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In der Nacht vom dritten zu dem
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Vierten Junius des Jahres
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Dreizehnhundertvierundzwanzig
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Vor Christi Geburt, da war es,

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Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus
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Eine Menge von Juwelen
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Uns entwendet; es gelang ihm,
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Uns auch später zu bestehlen.

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Zur Ermittelung des Täters
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Ließen schlafen wir die Tochter
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Bei den Schätzen – doch auch jene
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Zu bestehlen schlau vermocht er.

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Um zu steuern solchem Diebstahl
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Und zu gleicher Zeit dem Diebe
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Unsre Sympathie zu zeigen,
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Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,

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Wollen wir ihm zur Gemahlin
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Unsre einz'ge Tochter geben
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Und ihn auch als Thronnachfolger
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In den Fürstenstand erheben.

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Sintemal uns die Adresse
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Unsres Eidams noch zur Stunde
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Unbekannt, soll dies Reskript ihm
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Bringen Unsrer Gnade Kunde.

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So geschehn den dritten Jänner
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Dreizehnhundertzwanzigsechs
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Vor Christi Geburt. – Signieret
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Von Uns: Rhampsenitus Rex.«

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Rhampsenit hat Wort gehalten,
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Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,
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Und nach seinem Tode erbte
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Auch der Dieb Ägyptens Krone.

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Er regierte wie die andern,
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Schützte Handel und Talente;
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Wenig, heißt es, ward gestohlen
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Unter seinem Regimente.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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