2.

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Heinrich Heine: 2. (1826)

1
Zu Rom, zu Rom, in der heiligen Stadt,
2
Da singt es und klingelt und läutet:
3
Da zieht einher die Prozession,
4
Der Papst in der Mitte schreitet.

5
Das ist der fromme Papst Urban,
6
Er trägt die dreifache Krone,
7
Er trägt ein rotes Purpurgewand,
8
Die Schleppe tragen Barone.

9
»o heiliger Vater, Papst Urban,
10
Ich laß dich nicht von der Stelle,
11
Du hörest zuvor meine Beichte an,
12
Du rettest mich von der Hölle!«

13
Das Volk, es weicht im Kreis zurück,
14
Es schweigen die geistlichen Lieder: –
15
Wer ist der Pilger bleich und wüst,
16
Vor dem Papste kniet er nieder?

17
»o heiliger Vater, Papst Urban,
18
Du kannst ja binden und lösen,
19
Errette mich von der Höllenqual
20
Und von der Macht des Bösen.

21
Ich bin der edle Tannhäuser genannt,
22
Wollt Lieb' und Lust gewinnen,
23
Da zog ich in den Venusberg,
24
Blieb sieben Jahre drinnen.

25
Frau Venus ist eine schöne Frau,
26
Liebreizend und anmutsreiche;
27
Wie Sonnenschein und Blumenduft
28
Ist ihre Stimme, die weiche.

29
Wie der Schmetterling flattert um eine Blum',
30
Am zarten Kelch zu nippen,
31
So flattert meine Seele stets
32
Um ihre Rosenlippen.

33
Ihr edles Gesicht umringeln wild
34
Die blühend schwarzen Locken;
35
Schaun dich die großen Augen an,
36
Wird dir der Atem stocken.

37
Schaun dich die großen Augen an,
38
So bist du wie angekettet;
39
Ich habe nur mit großer Not
40
Mich aus dem Berg gerettet.

41
Ich hab mich gerettet aus dem Berg,
42
Doch stets verfolgen die Blicke
43
Der schönen Frau mich überall,
44
Sie winken: komm zurücke!

45
Ein armes Gespenst bin ich am Tag,
46
Des Nachts mein Leben erwachet,
47
Dann träum ich von meiner schönen Frau,
48
Sie sitzt bei mir und lachet.

49
Sie lacht so gesund, so glücklich, so toll,
50
Und mit so weißen Zähnen!
51
Wenn ich an dieses Lachen denk,
52
So weine ich plötzliche Tränen.

53
Ich liebe sie mit Allgewalt,
54
Nichts kann die Liebe hemmen!
55
Das ist wie ein wilder Wasserfall,
56
Du kannst seine Fluten nicht dämmen!

57
Er springt von Klippe zu Klippe herab,
58
Mit lautem Tosen und Schäumen,
59
Und bräch er tausendmal den Hals,
60
Er wird im Laufe nicht säumen.

61
Wenn ich den ganzen Himmel besäß,
62
Frau Venus schenkt' ich ihn gerne;
63
Ich gäb ihr die Sonne, ich gäb ihr den Mond,
64
Ich gäbe ihr sämtliche Sterne.

65
Ich liebe sie mit Allgewalt,
66
Mit Flammen, die mich verzehren –
67
Ist das der Hölle Feuer schon,
68
Die Gluten, die ewig währen?

69
O heiliger Vater, Papst Urban,
70
Du kannst ja binden und lösen!
71
Errette mich von der Höllenqual
72
Und von der Macht des Bösen.«

73
Der Papst hub jammernd die Händ' empor,
74
Hub jammernd an zu sprechen:
75
»tannhäuser, unglücksel'ger Mann,
76
Der Zauber ist nicht zu brechen.

77
Der Teufel, den man Venus nennt,
78
Er ist der schlimmste von allen;
79
Erretten kann ich dich nimmermehr
80
Aus seinen schönen Krallen.

81
Mit deiner Seele mußt du jetzt
82
Des Fleisches Lust bezahlen,
83
Du bist verworfen, du bist verdammt
84
Zu ewigen Höllenqualen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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