10.

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Heinrich Heine: 10. (1826)

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Ich aber lag am Rande des Schiffes,
2
Und schaute, träumenden Auges,
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Hinab in das spiegelklare Wasser,
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Und schaute tiefer und tiefer –
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Bis tief, im Meeresgrunde,
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Anfangs wie dämmernde Nebel,
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Jedoch allmählich farbenbestimmter,
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Kirchenkuppel und Türme sich zeigten,
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Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,
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Altertümlich niederländisch,
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Und menschenbelebt.
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Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,
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Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten
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Und langen Degen und langen Gesichtern,
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Schreiten, über den wimmelnden Marktplatz,
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Nach dem treppenhohen Rathaus,
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Wo steinerne Kaiserbilder
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Wacht halten mit Zepter und Schwert.
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Unferne, vor langen Häuserreihn,
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Wo spiegelblanke Fenster
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Und pyramidisch beschnittene Linden,
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Wandeln seidenrauschende Jungfern,
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Schlanke Leibchen, die Blumengesichter
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Sittsam umschlossen von schwarzen Mützchen
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Und hervorquellendem Goldhaar.
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Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,
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Stolzieren vorüber und nicken.
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Bejahrte Frauen,
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In braunen, verschollnen Gewändern,
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Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,
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Eilen, trippelnden Schritts,
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Nach dem großen Dome,
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Getrieben von Glockengeläute
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Und rauschendem Orgelton.

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Mich selbst ergreift des fernen Klangs
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Geheimnisvoller Schauer!
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Unendliches Sehnen, tiefe Wehmut
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Beschleicht mein Herz,
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Mein kaum geheiltes Herz; –
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Mir ist, als würden seine Wunden
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Von lieben Lippen aufgeküßt,
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Und täten wieder bluten –
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Heiße, rote Tropfen,
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Die lang und langsam niederfall'n
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Auf ein altes Haus, dort unten
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In der tiefen Meerstadt,
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Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,
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Das melancholisch menschenleer ist,
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Nur daß am untern Fenster
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Ein Mädchen sitzt,
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Den Kopf auf den Arm gestützt,
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Wie ein armes, vergessenes Kind –
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Und ich kenne dich, armes, vergessenes Kind!

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So tief, meertief also
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Verstecktest du dich vor mir,
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Aus kindischer Laune,
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Und konntest nicht mehr herauf,
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Und saßest fremd unter fremden Leuten,
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Jahrhundertelang,
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Derweilen ich, die Seele voll Gram,
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Auf der ganzen Erde dich suchte,
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Und immer dich suchte,
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Du Immergeliebte,
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Du Längstverlorene,
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Du Endlichgefundene –
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Ich hab dich gefunden und schaue wieder

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Dein süßes Gesicht,
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Die klugen, treuen Augen,
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Das liebe Lächeln –
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Und nimmer will ich dich wieder verlassen,
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Und ich komme hinab zu dir,
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Und mit ausgebreiteten Armen
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Stürz ich hinab an dein Herz –

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Aber zur rechten Zeit noch
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Ergriff mich beim Fuß der Kapitän,
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Und zog mich vom Schiffsrand,
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Und rief, ärgerlich lachend:
78
»doktor, sind Sie des Teufels?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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