3.

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Heinrich Heine: 3. (1826)

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Still versteckt der Mond sich draußen
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Hinterm grünen Tannenbaum,
3
Und im Zimmer unsre Lampe
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Flackert matt und leuchtet kaum.

5
Aber meine blauen Sterne
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Strahlen auf in hellerm Licht,
7
Und es glühn die Purpurröslein,
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Und das liebe Mädchen spricht:

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»kleines Völkchen, Wichtelmännchen,
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Stehlen unser Brot und Speck,
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Abends liegt es noch im Kasten,
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Und des Morgens ist es weg.

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Kleines Völkchen, unsre Sahne
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Nascht es von der Milch, und läßt
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Unbedeckt die Schüssel stehen,
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Und die Katze säuft den Rest.

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Und die Katz' ist eine Hexe,
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Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm,
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Drüben nach dem Geisterberge,
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Nach dem altverfallnen Turm.

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Dort hat einst ein Schloß gestanden,
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Voller Lust und Waffenglanz;
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Blanke Ritter, Fraun und Knappen
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Schwangen sich im Fackeltanz.

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Da verwünschte Schloß und Leute
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Eine böse Zauberin,
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Nur die Trümmer blieben stehen,
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Und die Eulen nisten drin.

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Doch die sel'ge Muhme sagte:
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Wenn man spricht das rechte Wort,
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Nächtlich zu der rechten Stunde,
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Drüben an dem rechten Ort:

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So verwandeln sich die Trümmer
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Wieder in ein helles Schloß,
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Und es tanzen wieder lustig
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Ritter, Fraun und Knappentroß;

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Und wer jenes Wort gesprochen,
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Dem gehören Schloß und Leut',
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Pauken und Trompeten huld'gen
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Seiner jungen Herrlichkeit.«

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Also blühen Märchenbilder
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Aus des Mundes Röselein,
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Und die Augen gießen drüber
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Ihren blauen Sternenschein.

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Ihre goldnen Haare wickelt
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Mir die Kleine um die Händ',
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Gibt den Fingern hübsche Namen,
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Lacht und küßt, und schweigt am End'.

49
Und im stillen Zimmer alles
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Blickt mich an so wohlvertraut;
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Tisch und Schrank, mir ist, als hätt ich
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Sie schon früher mal geschaut.

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Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr,
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Und die Zither, hörbar kaum,
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Fängt von selber an zu klingen,
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Und ich sitze wie im Traum.

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Jetzo ist die rechte Stunde,
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Und es ist der rechte Ort;
59
Ja, ich glaube, von den Lippen
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Gleitet mir das rechte Wort.

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»siehst du, Kindchen, wie schon dämmert
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Und erbebt die Mitternacht!
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Bach und Tannen brausen lauter,
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Und der alte Berg erwacht.

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Zitherklang und Zwergenlieder
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Tönen aus des Berges Spalt,
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Und es sprießet, wie 'n toller Frühling,
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Draus hervor ein Blumenwald; –

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Blumen, kühne Wunderblumen,
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Blätter, breit und fabelhaft,
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Duftig bunt und hastig regsam,
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Wie gedrängt von Leidenschaft.

73
Rosen, wild wie rote Flammen,
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Sprühn aus dem Gewühl hervor;
75
Lilien, wie kristallne Pfeiler,
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Schießen himmelhoch empor.

77
Und die Sterne, groß wie Sonnen,
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Schaun herab mit Sehnsuchtglut;
79
In der Lilien Riesenkelche
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Strömet ihre Strahlenflut.

81
Doch wir selber, süßes Kindchen,
82
Sind verwandelt noch viel mehr;
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Fackelglanz und Gold und Seide
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Schimmern lustig um uns her.

85
Du, du wurdest zur Prinzessin,
86
Diese Hütte ward zum Schloß,
87
Und da jubeln und da tanzen
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Ritter, Fraun und Knappentroß,

89
Aber ich, ich hab erworben
90
Dich und alles, Schloß und Leut';
91
Pauken und Trompeten huld'gen
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Meiner jungen Herrlichkeit!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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