4. Die Kürbisranke

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Otto Erich Hartleben: 4. Die Kürbisranke (1884)

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Da ergrimmte Jona tief im Herzen
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und er betete zu Gott und grollte:

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Sieh, das war's, was ich zu mir gesprochen,
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da ich noch in meinem Lande wohnte:
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allzuoft empörte deine Güte
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mein gerechtes Herz, da ich noch Kind war.
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Darum hört ich nicht auf deine Stimme,
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dachte, Herr, vor dir aufs Meer zu flüchten:
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denn ich weiss, du bist barmherzig, gnädig
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und von grosser, allzulanger Güte,
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und des Übels, das du schon verhängtest,
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lässest du dich reun! – So nimm, o Herr, denn
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meine Seele von mir! Meine Augen
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wollen diesem Volke deine Gnade
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nimmer gönnen – lieber will ich sterben,
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als vor seinen Sünden weiter leben!

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Und er wandte sich und ging von dannen.
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Morgenwärts der Stadt, auf einem Hügel
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hielt er Rast und baute eine Hütte –
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setzte sich davor und sah hinunter:
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Was der Stadt wohl widerfahren würde.

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Doch der Herr verschaffte einen Kürbis,
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der wuchs über Jona, dass er Schatten
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gab ob seinem Haupt und vor der Sonne
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glühendem Leid den Scheitel ihm bewahrte.
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Jona freute sich der grossen Blätter
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und entschlief erschöpft in ihrem Schutze.

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Als jedoch die Morgenröthe anbrach,
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hiess Gott einen Wurm, den Kürbis stechen,
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also, dass er hinsank und verdorrte,
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und ein dürrer Ost, vom Herrn gesendet,
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riss die welken Blätter bald von hinnen.
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Da die Sonne vollends nun emporstieg,
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stach sie Jona auf das Haupt, so dass er
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matt an Leib und Seele ward. Er wünschte
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sich den Tod herbei und rief zum Herren:
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Lass mich länger nicht im Unrecht leben!

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Da geschah des Herren Wort zu Jona:
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Meinst du – billig zürnst du um den Kürbis,
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den du nicht gemacht hast, noch gezogen,
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der in einer Nacht erwuchs und welkte?
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Sieh, dich jammert seiner kurzen Blüthe –
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weil sie deinem Haupte Schutz erwiesen –
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und mich sollte Ninives nicht jammern,
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solcher grossen Stadt, darinnen mehr denn
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hunderttausend Menschen, die nicht wissen,
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was sie gut und böse nennen sollen?

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Aber Jona gab dem Herrn zur Antwort:

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Du bist Gott, der Herr der Ewigkeiten,
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der du Leben gibst und nimmst das Leben,
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der du bleibst in Willkür deines Schaffens,
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unberührt im Wandel aller Zeiten.
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Aber ich bin nur ein Mensch der Erde,
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der dahin geht wie das Grün der Fluren,
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der dahin welkt wie die Kürbisranke –
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und ich zürne billig bis zum Tode.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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