Zu der Zeit, da Israel verwaist war

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Otto Erich Hartleben: Zu der Zeit, da Israel verwaist war Titel entspricht 1. Vers(1889)

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Zu der Zeit, da Israel verwaist war
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und kein Richter richtete in Juda,
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wohnte, an der Seite des Gebirges
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Ephraim, ein Mann vom Stamme Levi,
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der gewann aus Bethlehem eine Jungfrau,
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die er heim zu seiner Hütte führte.

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Aber diese brach dem Mann die Treue.
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Und sie flüchtete vor seinem Zorne
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wieder zu dem Hause ihres Vaters
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und verbarg sich dort vor ihm vier Monde.

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Und vier Monde rang mit seinem Zorne
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der Levit. Dann stand er auf und zog ihr
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nach, auf dass er freundlich mit ihr rede,
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wieder sie zu seinem Eigen hole.

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Und er sah sie, und sie führte schweigend
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ihn in ihres Vaters Haus. Mit Freuden
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ward er aufgenommen und bewirthet,
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reuig fügte sich das Weib, und gastlich
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hielt der Vater ihn von Tag zu Tage:
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erst nach einer Woche brach er wieder
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auf, mit seinem Weibe heimzuwandern.

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Bleibe noch! so sprach des Weibes Vater:
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Sieh, der Tag lässt ab – es naht der Abend.
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Bleibe noch die Nacht, dass auf dem Wege
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sie euch nicht erreiche. Schweres bringt oft
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dunkle Nacht dem Menschen. Morgen frühe
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ziehet eures Weges in die Heimath!
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Aber jener folgte nicht der Warnung,
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sondern zog mit seinem Weib von dannen.

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Da sie nun des Weges schritten, ging die
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Sonne ihnen unter vor Gibea,
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die da liegt in Benjamin. Sie kehrten
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ein daselbst, dass sie zur Nacht dort blieben.

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Auf der Gasse zu Gibea setzte
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der Levit sich nieder mit dem Weibe:
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niemand war, der Obdach bot den Müden,
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Schutz im Hause vor der Nacht Gefährden.

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Sieh, da kam ein alter Mann des Weges,
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von der Arbeit, da es auf den Feldern
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dunkelte: der war wie sie ein Fremdling
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zu Gibea, stammend vom Gebirge
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Ephraim. Und da er seine Augen
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aufhob und den Mann sah auf der Gasse,
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fragte er: Wo willst du hin und woher
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kommst du? Und da jener es gemeldet,
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sprach er: Friede sei mit dir; du findest,
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was du suchst, bei mir, in meiner Hütte.
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Bleibet nur nicht hier: es ist des Volkes
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kein Verlass und sinnen arge Dinge.

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Freundlich führt er sie zu seinem Hause,
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lud sie ein und liess sie ihre Füsse
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waschen und an Speis und Trank sich laben.

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Da ihr Herz nun guter Dinge wurde
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und vergassen der bestandnen Mühsal,
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kamen Leute aus der Stadt Gibea,
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böse Buben, und umgaben lärmend
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rings das Haus und pochten an die Thüre.

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Bring den Mann heraus, den du beherbergst,
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riefen sie, auf dass wir ihn erkennen!
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Denn es trieb sie frevelnde Begierde
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nach dem fremden Manne.

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Und der Hauswirth
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trat hinaus und sprach zu ihnen: Leute,
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lieben Brüder, thut nicht also Übles!
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Als ein Gast betrat er meine Schwelle,
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fordert nicht von mir solch grosse Sünde!

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Aber jene hörten nicht, sie tobten
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um so lauter nur. Da sprach der Hauswirth:
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Höret! Eine Tochter hab ich, Jungfrau
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ist sie noch, von keinem Mann berühret,
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jener aber hat ein Weib – die beiden
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bring ich Euch heraus: mögt Ihr sie greifen
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und nach Eurer Lust mit ihnen fahren –
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aber thut nicht solche grosse Sünde!

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Jene hörten nicht auf ihn. Doch drinnen
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hatte der Levit das Wort vernommen.
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Und er griff sein Weib und trug es selber
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ihnen vor die Thür. Da fielen gierig
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sie es an und schleppten es von dannen.
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– – – – – – – – – – – – – – – –

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Hart vor morgen kam das Weib gegangen.
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Nieder fiel sie vor der Thür des Hauses,
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drin ihr Herr war. Ohne Regung lag sie
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vor der Thür am Boden, bis es Licht ward.

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Da ihr Herr am Morgen nun herausging,
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dass er seines Weges weiter zöge,
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lag sein Weib da, vor der Thür des Hauses,
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und die Hände lagen auf der Schwelle.

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Und er sprach: Steh auf und lass uns wandern.
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Aber jene gab ihm keine Antwort,
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sondern schwieg und lag da vor der Thüre,
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und die Hände lagen auf der Schwelle.

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Und er hob sie auf und lud die Todte
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auf ein Maulthier, und so ging es weiter,
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und sie kamen wieder in die Heimath.

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Und er nahm ein Messer und zerstückte
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seines Weibes Leib mit Rumpf und Gliedern
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in zwölf Stücke. Und an alle Stämme
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Israels entsandte er die Stücke.

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Und der Zorn Jehovahs traf die Frevler.
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Benjamin zerschlug des Schwertes Schärfe,
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und verbrannt mit Feuer ward Gibea.

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Doch verloren im Gewölk der Zeiten
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ist der blutige Name des Leviten
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und verloren seines Weibes Namen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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