Kühl athmet der Berge rauschende Nacht

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Otto Erich Hartleben: Kühl athmet der Berge rauschende Nacht Titel entspricht 1. Vers(1888)

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Kühl athmet der Berge rauschende Nacht.
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Schwarzspitzige Tannen nicken im Schlaf.
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Stumm ruht der See, vom Dunkel umlauscht;
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und droben flüchten die Wolken.

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Wie Silber durchwirkt ein schwarzes Gewand,
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weiss glitzernd und fahl – so zittert der Mond
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auf der bebenden Fluth; und die Fledermaus
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huscht eckig hervor aus dem Dickicht. –

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Und zwischen den Stämmen am Uferrand
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tritt hurtig hervor auf das feuchte Gestein
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ein nacktes Kind mit rundlichem Leib:
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das patscht voller Lust mit den Händchen.

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Und weiter getrost beschreitets die Fluth.
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Schon steht es im Mond. Und jauchzend und schnell
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läufts über die Tiefe, die willig es trägt,
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und strampelt und stampft mit den Beinen. –

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Fort zogen die Wolken. Es leuchtet die Nacht.
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Ein silberner Spiegel lagert der See.
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Drauf springt und spielt das lustige Kind
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und hascht nach den Fledermäusen.

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Bald hat es die Müh als vergeblich erkannt.
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Da gewahrts einen dicken, schlafenden Frosch
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am Ufer. Den weckt es, der springt in die Fluth
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und müht sich voll Angst unterm Wasser.

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Ihm folgt das Kind, wohin er auch flieht,
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lacht über den zappelnden, dicken Geselln ...
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Da – blickt es empor. Ein Schatten fiel
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auf den nächtig leuchtenden Spiegel.

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Durchsichtige Schwingen tragen ein Kind
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wie ein Wölkchen herab durch die schweigende Luft.
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Ein zartes Geschöpf, ein schwächlicher Leib
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und schmerzensdunkle Augen.

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Das neigt sich zum Knaben. Der steht und starrt
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mit offenen Augen und offenem Mund.
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Da spricht es mit leise flehendem Ton:
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– O spiele mit mir, mein Bruder!

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Der Knabe schüttelt den Lockenkopf.
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– Du kannst ja fliegen. Ich kann das nicht.
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Und wenn ich dich hasche, fang ich dich nie:
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ich bin ja gar nicht dein Bruder.

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– Ja, wir sind Brüder. O spiele mit mir!
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Ein einziger hat uns beide gezeugt.
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Zu Gespielen sind wir einander bestimmt,
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und ich habe dich lieb, mein Bruder.

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Vom Vater die Mutter empfing dich so gern
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und lächelte, da sie mit Schmerzen gebar.
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Die meine, verzweifelt, spürte mich kaum –
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bin ungeboren gestorben.

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Du athmest den Tag – ich athme die Nacht.
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Nie fühl ich der Sonne brausendes Licht.
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Dich trägt die Fluth – bist wegebegabt –
52
o spiele mit mir, mein Bruder!

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Da schaut voller Jammer der andre empor:
54
– Ach, möcht es so gern! Ach, könnt ich mit dir
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durchfliegen die Nacht im strahlenden Mond!
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Ich hasse die Wege der Erde!

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Wie muss ich dich lieben. Mein Bruder bist du.
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Und kann nicht zu dir ... Mitleidig schluchzt
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er auf. – Eine Thräne tritt ihm ins Aug
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und rollt von der blühenden Wange.

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Doch kaum, dass die Thräne die Wellen erreicht –
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als öffne die Perle ein finsteres Thor –
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fortweicht das Wasser: es trägt ihn nicht mehr:
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der Knabe versinkt in der Tiefe.

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Wie das Vöglein über dem heimischen Nest,
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das die Katze beraubt, so flattert und schwirrt
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der Bruder über der Stelle voll Angst,
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wo die Kreise sich dunkel erweitern.

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Bleich taucht das Kind aus der schweigenden Fluth.
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Die schweigenden Augen starren zum Mond.
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Da: hastig hebt es der Bruder empor
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und trägt es hinauf in die Freiheit.

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Des Geretteten Glieder regen sich neu,
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als über die Tannen sie beide hinaus,
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und da er den Bruder brünstig geküsst,
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wachsen ihm schimmernde Flügel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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