Auf einem breiten Wege schritt ich hin

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Otto Erich Hartleben: Auf einem breiten Wege schritt ich hin Titel entspricht 1. Vers(1887)

1
Auf einem breiten Wege schritt ich hin,
2
der grad und lang vor mir hinaus sich dehnte,
3
zur Stadt hinaus, durch niedre, letzte Hütten.

4
Ich sah der Sonne, wie sie sank, ins Auge:
5
dort hinten, wo der Weg den Hügel anstieg,
6
da stand sie vor mir, drohend, roth und stumm.

7
Sie bannte mich mit ihren letzten Strahlen,
8
und wie ich wollte, konnt ich meine Blicke
9
dem Blick des Gluthenauges nicht entwinden.

10
Da sank sie hinter jenen langen Hügeln,
11
die weit und breit den Horizont umgrenzten,
12
und es verwaisten meine beiden Augen.

13
Ein unerklärtes Bangen fasste mich,
14
es flitterten die farbigen Sonnenbilder
15
um mich herum: sie mehrten meine Angst.

16
Der Schatten einer Toten! Und so bunt!
17
Ein Tanz! Und überall muss ich sehn,
18
wohin ich blicke – dieses leere Bild!

19
Da war es mir, als hätt ich ganz verloren
20
aus meiner Hand die Zügel meines Willens
21
und würde nun von fremdem Zwang geleitet.

22
In eine niedre Hütte trat ich ein,
23
und hinter mir zog ich die Thüre zu,
24
ich war allein im fremden, dunklen Raum.

25
Gedankenlos stand ich geraume Zeit,
26
ganz still, mit angehaltnem Athem. Vor mir
27
das kleine Fenster .. draussen Abendhelle ..?

28
War ich nicht jemals schon, vor langer Zeit,
29
einmal in solchem Halblicht dagestanden?
30
Ich wars .. ich wars .. ich wusst es wohl .. doch wann? –

31
Die müden Hügel dehnten sich dahinten
32
und drüber lagen Sonnen-abschieds-lichter
33
wie Lippen, die beim Sterbekuss erblassen.

34
Vorn, draussen unterm Fenster spielten Kinder
35
am Brunnen. Still, geheimnissstill die Luft,
36
die abendkühl durchs offne Fenster wehte. –

37
Verlass mich nicht! Verlass mich nicht, o Gott
38
Ich schrak zusammen, als ich diese Worte
39
ganz nah – so jäh – so angstvoll stöhnen hörte.

40
Beim Eintritt hatte mein geblendet Auge
41
ein Bett dort vor dem Fenster nicht erkannt:
42
daher die Stimme. Und ein junges Weib
43
fuhr von den Kissen auf. Es strich die Haare,
44
die langen, blassen, dünnen aus der Stirne.

45
Da sah sie mich–und nickte stumm mir zu
46
und streckte grüssend ihre Hand nach mir.
47
Aus ihrem schmalen Kopfe, der sich dunkel
48
vom Himmel abhob in des Fensters Rahmen,
49
herleuchteten zwei grosse, heisse Augen.
50
Aufathmend, wie getröstet, sprach sie leise:

51
Ich wusste, dass du zu mir kommen würdest.
52
Komm näher, ja? Ich kann so laut nicht sprechen.
53
Setz dich zu mir aufs Bett. Hier ist noch Platz.
54
Ich bin so mager – sieh nur meinen Arm!

55
Und sie entblösste ihn und hob ihn auf.
56
Ich trat heran und setzte mich aufs Bett
57
und fasste diesen bleichen, schmalen Arm
58
und schaute in ihr junges, krankes Antlitz,
59
vom Dämmer draussen ungewiss beleuchtet.

60
Der Sturm und jedes Ungemach der Welt,
61
stillfressend Feuer zehrender Leidenschaft ...
62
Das Kind des Armen, kaum zum Weib erblüht,
63
dem Noth und tiefes Leid die Brust zerstört.

64
Ich wusste, dass du zu mir kommen würdest.
65
Lass deine Hand mich küssen – wehr dich nicht!
66
O nein! Warum? Kennst du nicht meine Schuld?
67
Du bist nicht stolz, du stösst mich nicht von dir:
68
du hast mir ja vergeben – hast du

69
Wie fürchterliche Angst kams über sie.
70
Da gab ich willenlos die Hand ihr hin.

71
So. – Lass mir deine Hand. – Lass mich sie küssen. –
72
Jetzt stirbt der Leib – zunichte wird der Leib –
73
zu Staub. Du musst ihn an den Sohlen dulden. –
74
Er stört dich nicht. – Lass ihn – lass ihn da unten ...

75
Sie fiel im Sitzen in sich selbst zusammen.
76
Ein Schauer zuckte durch die matten Glieder,
77
es sank der Kopf nach vorn – da raffte sie
78
sich wieder auf und sah mir bang ins Auge:

79
Du musst mich an den beiden Armen halten.
80
So. – Hoch! – Ich falle sonst zurück ins Kissen.
81
Da ist es dunkel. – Und ich muss noch aufrecht –
82
hier – halte mich – hier oben ists noch hell.

83
Sieh jene dunkle, schwere Wolkenmasse!
84
Sie will sich langsam auf die Hügel legen –
85
sie zieht so still – so sicher – so gewiss.
86
Das ist der Tod. Hör mich: ich muss dir sagen ...

87
Wie du, so ist auch er hereingetreten
88
einmal – einmal, an einem Märzenmorgen.
89
Er kam nicht fremd. Ich hatte ihn erwartet.
90
Ich wusste, dass er zu mir kommen würde.

91
Und immer wieder ist er dann gekommen.
92
Zu seinem Eigen hat er mich erworben:
93
mein Leib ward sein, und meine Seele sein,
94
kein andrer hat ihn je darum betrogen.

95
Da hat er sich .. gefreut, als er gewahrte,
96
dass ich an ihm nur hing und ihn nur sah,
97
und dass ich nur für ihn noch leben konnte.
98
Und .. meine Stirne hat er da geküsst.

99
Und eines Tages ist er auch gekommen
100
und hat mich lang gelobt, dass ich so gut
101
und treu geworden – und noch vieles Andre
102
hat er zu mir gesprochen – bis ich still,
103
ganz still geworden war – und kaum noch hörte –
104
und hat auch Geld auf meinen Tisch gelegt –
105
und hat geweint – glaub ich – und ist gegangen.

106
Da wandte sie die Augen von mir ab.
107
Sie wurden starr und wurden immer grösser.
108
Sie schauten bang, erwartungsbang hinaus,
109
hinaus nach jenen mattgesäumten Hügeln ...

110
Dort! Dort! so keuchte sie und riss den Arm
111
aus meiner Hand: Dort! Sieh: da schreitet er,
112
gross, übergross! Auf seinen Armen – sieh! –
113
Im Glanze, jubelnd, die Glückselige! –
114
Er weidet seinen Blick an ihrem Lachen,
115
an ihrem zarten Wuchs, an ihrer Seide.
116
Er geht! – Er geht! – Er ist so gross – so übergross – –

117
Sie sank zurück. Es zuckten ihre Glieder.
118
Ich beugte mich erschüttert über sie
119
und lauschte bang den schweren Athemzügen.
120
Im Todeskampfe hielt ich ihre Hände.
121
Hingebung, selbstvernichtend, qualdurchströmt
122
verklärte hoheitsvoll ihr brechend Auge.
123
Auf ihre Lippen presst ich meine Lippen,
124
um sie zu wärmen, hauchte meinen Athem
125
ihr in den Mund – so haben wir gerungen
126
hart, Brust an Brust, mit jenem düstren Freunde
127
der Menschen ...
128
Ich drückte ihr die kalten Augen zu.

129
Als ich den thränenleeren Blick dann wieder
130
hinaus zum Fenster lenkte, nach den Hügeln,
131
da war das letzte Abendgelb verloschen –
132
es war die Wolkenlast herabgesunken –
133
ausbreitete die Nacht die schwarzen Schwingen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.