Du sitzt auf einem Stein und schweigst und schaust

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Otto Erich Hartleben: Du sitzt auf einem Stein und schweigst und schaust Titel entspricht 1. Vers(1888)

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Du sitzt auf einem Stein und schweigst und schaust ..

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Gewitterleuchtend zog die Nacht herauf.
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Die Ebne, die vom Fusse des Gebirges
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sich hinstreckt in den schwarzen Horizont,
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sie lechzt und dürstet. Mit verhaltnem Athem
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harrt sie des Wetters und der Regenfluthen.

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Dort links, fern im Gefilde, wallumringt,
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ragt eine Stadt mit steilem Thurm und Dächern.
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Und sieh: herniederzüngelnd in den Thurm
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einbiss der Blitz. Da springt die rothe Gluth
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des Feuers jauchzend auf und greift im Tanz
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berauscht umher und fasst die spitzen Giebel,
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und düster leuchtets von den Wolken wieder.

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– Du wendest deine heissen Augen ab.
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Da siehst du rechts, im Berge einen Spalt,
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ein gähnend Loch, schwarz, tief und ohne Ende.
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Aus rohen Blöcken ist ein Tisch gebildet
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ein Grubenlicht mit grünlich mattem Schein
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hängt schwelend von dem feuchten Felsen nieder:
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und vor dem Tisch – auf einem Stein, wie du –
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sitzt ein Skelett mit gelben, nackten Knochen,
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und nur im Schoosse noch ein modernd Fleisch.
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Nach vorn gebeugt, liest es in einem Buche,
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und langsam wendets mit den Fingerknochen
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die Seiten um. Schamlose Lasterbilder
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bedecken, halbverbleicht, die braunen Blätter.
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Und manchmal hält es an – klappt mit den Knien –
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und knirscht und knackt mit lippenlosen Kiefern.

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Ein Mädchenleib, geschändet und gemordet,
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liegt nackt am Boden, neben dem Gerippe.
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Unsicher nur beleuchtet ihn der Schein
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der Grubenlampe, aber deutlich zittert
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des alten Crucifixes schräger Schatten
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auf ihren Brüsten. –
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Eine dicke Kröte
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klimmt aus dem Abgrund auf und kriecht gemach
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nach vorn. Jetzt schlüpft sie auf die Mädchenleiche,
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das Bein hinauf mit schleimig rother Spur.
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Sie setzt auf ihrer Hüfte sich zurecht
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und glotzt mit ihren grossen, runden Augen
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in deine Augen her ...
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Da peitscht der Sturm
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glühend vorbei. Nur eine Fackel noch,
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leuchtet und raucht die Stadt von der Ebne her.
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Vorwärts wüthet der Sturm, und die dorrenden Gräser
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flackern in seinem Hauche. Vorwärts, vorwärts,
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loht es und sprüht es – ein Meer.

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Was du geschaut hast, es ertrinkt im Blut der Flammen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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