Prometheus brach jahrtausendalte Fesseln

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Otto Erich Hartleben: Prometheus brach jahrtausendalte Fesseln Titel entspricht 1. Vers(1886)

1
Prometheus brach jahrtausendalte Fesseln.
2
Er reckt die Glieder, er erhebt das Haupt,
3
und wie ein Morgenroth erhellt die Welt
4
der ungebrochne Strahl der grossen Augen.
5
– Prometheus! Prometheus!

6
– Ihr Menschen, die mein Schöpfersehnen rief
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hervor ans Licht der götterfrohen Sonne,
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habt ihr vollendet, was ich ahnend sann?
9
Lebt ihr und dankt ihr mir das Leben?

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Der Funke, der aus meinen Händen troff,
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erhellt er eure Stirn?
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Die Liebe, die mein Athem Euch gehaucht
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in kalte Brust, hat sie die Brust durchseelt?

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Ich lag, geschmiedet in die Eisenbande,
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am harten Fels. Zu meinen Füssen rauschte
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das Meer, und seiner Brandung wilder, steter
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Laut übertönte alles Menschliche.
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Der Gischt der Fluthen hüllte jede Ferne
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vor meinem Blick in weisse Schleier.

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Menschen!
21
Ich brach die Ketten neiderfüllter Götter –
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ich rufe euch! Hört mich!
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– Prometheus! Prometheus!

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Da kroch heran das sclavische Gezücht
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der Menschen. – Herr, wie sollen wir
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dir dienen? – Unterwürfigkeit im Blick,
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gekrümmt den Rücken und gebeugt das Knie.

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Ein Mann mit einem goldnen Reif im Haar
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sprach: Dein Geschenk verehren wir gebührend.
30
Ich beuge mich vor deiner Schöpfergrösse,
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und meine Unterthanen sind die deinen.

32
Ein Mann im groben Kittel voller Schmutz
33
sprach: Herr, ich friste mir mit meiner Arbeit
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das Leben, und mein Weib ernährt die Kinder.
35
Wir sind zufrieden und wir danken dir.

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Und nach ihm kamen andere, ungezählt,
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und alle sprachen scheu und lallten:
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– Herr! Herr!

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Ein Häuflein stand beiseit und blickte stumm
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auf jene, die vor ihnen lagen
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zu Füssen des entfesselten Gebieters.

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Verachtung zuckte herb um ihre Lippen,
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auf ihren Brauen lag der Trotz.

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– Und ihr?

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– Der Funke, der aus deinen Händen troff,
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der Strom der Zeiten hat ihn ausgelöscht.
47
Die Liebe, die dein Athem einst gehaucht
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in Menschenbrust, sie ist erstickt und tot.

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Enterbt, im Staube wälzen sich Millionen
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und fühlen keine Schmach.
51
Und andre treten auf die Menschenstirnen
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und fühlen keine Scham.
53
Sieh dieses Volk zu deinen Füssen winseln,
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das nur nach neuen Götzen noch verlangt,
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und frage nicht!

56
Prometheus schweigt und sinnt.
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Dann heftet er des Auges Glanz
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auf diese, die da aufrecht vor ihm stehn,
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und langsam rollen seine Worte:

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– Geschaffen hab ich Menschen.
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Gross war das Werk, und Stolz füllt meine Brust,
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seh ich auf euch, auf meine echten Söhne.
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Doch nicht umsonst war ich gefesselt!
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Weit Grössres wahrlich gilts noch zu vollenden:
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Der Funke muss zur Flamme werden!
66
Da zuckt erhabner Freude lichte Gluth
67
auf jenen düstren Stirnen auf.
68
Sie jauchzen:
69

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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