O Muse! – Ja: ich liebe meine Muse

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Otto Erich Hartleben: O Muse! – Ja: ich liebe meine Muse Titel entspricht 1. Vers(1885)

1
O Muse! – Ja: ich liebe meine Muse.
2
Es ist ein schönes Weib und jung an Jahren!
3
Nicht allegorisch und abstract confuse,
4
sie schaut mich an mit Augen braun und klaren.
5
Sie redet zu den Männern in der Blouse,
6
wie auch zu denen, die auf Gummi fahren,
7
und trägt nicht blaue Strümpfe, sondern keine,
8
denn sie ist stolz auf ihre weissen Beine.

9
Und doch ist sie von altem, echtem Stamme,
10
echt ihr Costüm wie eine Butzenscheibe!
11
Joniens Sonnenluft war ihre Amme,
12
die sie erzog zum sonnenschönen Weibe:
13
auf dass sie meine Brust zum Lied entflamme,
14
dass immerdar ich ihr ein Sclave bleibe,
15
schönheitsgebannt, erfasst vom dunklen Sehnen
16
nach euch, ihr Götterhaine der Hellenen! –

17
Noch immer dieser Griechenschwarm von neulich
18
vor hundert Jahren? Endet man denn nie,
19
dies höchst frivole Volk zu preisen? Greulich!
20
Und jeder weiss doch, wie Päderastie,
21
Knechtschaft der Frauen, Sclaverei – abscheulich!
22
Sogar die Götter lebten wie das Vieh!
23
War da der Untergang nicht unausbleiblich?
24
Selbst im Olymp war die Bedienung weiblich!

25
Da lob ich mir Berliner Sittlichkeit,
26
fest garantiert von Polizeicolonnen!
27
Revolver tragen sie seit kurzer Zeit,
28
sind höflich gegen Jedermann gesonnen,
29
die besten Christen in der Christenheit –
30
gar einen hab ich herzlich lieb gewonnen,
31
das war der Wächter, der mir morgens schloss,
32
und dessen Gunst ich oft und gern genoss.

33
Die Socialisten und Prostituierten
34
behandeln sie mit stillbewegtem Fleiss,
35
da die den braven Bürger sonst genierten
36
und seinen sandgezognen Lebenskreis
37
durch unbequemes Toben alterierten.
38
Was keiner sieht, das macht auch keinen heiss,
39
und also regle man – das Strassenleben,
40
mags auch im Innern tiefere Wunden geben.

41
Die Socialisten sieht man bei publiquen
42
Begräbnisfeiern nur in – schwarzem Kreppe ...
43
Die Herrschaft hat mit ihren Domestiquen
44
im Haus nicht mal gemein – dieselbe Treppe ...
45
Nicht zu erröthen brauchen die Pudiquen,
46
da auf der Wilhelmstrasse keine – Prostituierte.
47
Kurz wie ein friedlich rieselnd Bächlein fliesst
48
das Leben dem hin, ders mit Mass geniesst.

49
Was wollt ihr mehr? Scheint euch das Brett nicht sicher?
50
Schämt euch! Habt Gottvertraun zum Bayonette!
51
Wer fürchtet sich vorm Käfig wilder Viecher,
52
wer vor der Wuth des Hundes an der Kette!
53
Und thätet ihrs, ermuthgen muss auch Kriecher
54
ultima ratio regis der Lafette –
55
drum seid getrost: euch hält das Brett noch aus,
56
erst

57
Der Sündfluth, die den Schwall gehäufter Sünden
58
vernichtend ballt in ungeheurem Ringen –
59
Der Sündfluth, deren Hauch aus Höllenschlünden,
60
und deren Wogengang wie Todesschlingen –
61
Der Sündfluth, deren Nahn die Donner künden,
62
die fernher an das Ohr des Lauschers dringen –
63
Den Horizont umlagern Wellenkämme,
64
im Schein der Blitze beben dumpf die Dämme!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.