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Otto Erich Hartleben: 1 (1885)

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In Nordberlin, im Hinterhaus, vier Treppen,
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wohnt ein Student. Er war nicht reich; doch arm,
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blutarm war seine Wirthin, eine Wittwe.
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Die sass in ihrem düsteren Hinterstübchen,
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und vor ihr stand bekümmert ihre Tochter,
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das bleiche, hübsche, vierzehnjährge Gretchen.
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Sie stand vor ihr, als wär sie schuldbewusst,
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und liess das Köpfchen hängen; ihre Mutter
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schalt auf sie ein mit ihrer harten Stimme:

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Ein neues Kleid? Zur Confirmation!
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Fürn lieben Gott! Was? Frag doch mal den Pastor,
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wieso denn die, die nicht mal so viel Geld
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bekamen, um in einem ganzen Kleide
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des Sonntags in die Kirche gehn zu können,
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wieso denn die an Gott noch glauben müssten!

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Geh, frag ihn, aber bitt mich nicht um Geld
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und Kleider .. freu dich, wenn du nicht verhungerst ...
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Und weinend wendet Gretchen sich zur Thür.
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Da kommt ihr ein Gedanke. Mutter! ruft sie,
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ich will den Herren Doctor bitten – Mutter!
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Was lachst du? – Das ist recht! Nur zu! Nur zu!
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Es muss ja doch mal kommen. Geh nur hin! –
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Ich glaube, Mutter, dass ers thut. – Gewiss!
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Er wäre ja ein Narr, wenn er sich zierte!
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Und wieder lacht sie bitter höhnisch auf.

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Ein Bangen vor der Mutter fasst das Kind.
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Es geht hinaus und leise, schüchtern klopft es
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an des Studenten Thür. Herein! Und zagend,
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erröthend überschreitet sie die Schwelle.
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Sie hat noch nicht gebettelt. –

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Gretchen! Du? –
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So komm doch näher, Kind .. was giebt es denn?
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Was hast du denn? O sieh, du hast geweint!
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Gieb mir die Hand: wer hat dir was gethan? –
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Und freundlich fasst er ihre Hand und schaut
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in ihre grossen braunen Augen. Flehend,
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doch ohne Scheu sind sie auf ihn gerichtet.
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Und langsam sagt sie: Nächsten Sonntag schon,
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am Ostersonntag .. werd ich eingesegnet ..
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und alle kommen sie in schwarzen Kleidern ..
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in neuen schwarzen Kleidern .. aber ich ..
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ich bat die Mutter ... Ach, wir sind so arm!
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Von jähem Mitleid mit sich selbst bewältigt,
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bricht sie aufs neu in heisse Thränen aus,
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und, wie nach Tröstung suchend, fasst sie fester
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die Hand des jungen Mannes.

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Gretchen! Komm:
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sei still! Und ihre linke Hand, mit der
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sie ihre Thränen trocknet, zieht er sanft
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herab. – Ich schenk es dir, das schwarze Kleid!

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Dann aber stösst er sie fast rauh von sich:
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Ich habe noch zu thun. Komm! Sei gescheit!
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Lass meine Hand! Ich habe noch zu thun.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Erich Hartleben
(18641905)

* 03.06.1864 in Clausthal, † 11.02.1905 in Salò

männlich, geb. Hartleben

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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