Der Wagen des Himmels

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Der Wagen des Himmels (1798)

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Wie fährst du blitzend, fey'rlich, mit Majestät,
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O goldner Himmelswagen, in blauer Luft!
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Ich höre deiner Räder Rasseln,
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Höre das Wiehern der Flügelrosse.

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Sieh, wie sie Flammen schnauben, die Wieherer!
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Sieh, wie sie Funken schlagen, die Schnaubenden!
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Horch, wie die ehrne Himmelsstrasse
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Dröhnt von dem Stampfen der Demanthufe.

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Ich liebe dich, ich habe dich längst geliebt,
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Du königlicher Wagen. Des Knaben Blick
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Hat oft in tiefen Mitternächten
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Ahnend und staunend an dir gehangen.

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Nun lieb' ich dich noch stärker, du Herrlicher!
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Ich seh dich oft mit inniger Wehmuth an,
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Und eine leise Thräne bebet
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In des entbrannteren Jünglings Wimper.

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Ein sanftes Thränchen weint' ich an Idens Brust.
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Ein sanftes Thränchen weinte die Himmlische,
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Als wir uns in vertrauter Laube,
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Busen an Busen, umschlungen hielten.

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Tief Mitternacht war um uns. Der blühende
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Jasmin der Laube duftete rings um uns.
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Der Schwan, der Adler und die Leyer
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Blinkten uns an durch das Grün der Laube.

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Da zuckte durch die Seele des Staunenden
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Ein Wehgedanke, dumpf, wie ein Unkenlaut,
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Und schaurig, wie der Duft des Wermuths,
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Ach, der Gedanke des nahen Scheidens.

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Und inniger umschlang ich die Liebliche.
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Erhaben schwärmend wand ich aus ihrem Arm
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Mich los, und sah des Himmelswagens
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Goldne Deichsel das Laub durchfunkeln.

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Emporgetragen über das Irdische,
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Ergriff ich Idens Lilienhand, und sprach:
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„siehst du des hohen Himmelswagens
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„goldene Deichsel? sie sey uns heilig!

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„einst werd' ich um dich trauren in öder Fern'.
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„einst wirst du nach mir schmachten in öder Fern'.
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„dann seyd, ihr Glänzenden, uns Bürgen
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„unsrer Vereinung auf schönern Fluren!“

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Ich sprachs, und eine Thräne der Wehmuth rann
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Von Idens blasser Wange. Sie rinnt seitdem
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Ihr oft die Wang' hinab, wenn Dämmrung
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Rings um sie wallt und die Sterne funkeln —

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Der du des
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Zum Sphärentanz die
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Den
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Schliffst den kristallenen Freuden

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Vernimm der Liebe Flehen, Allliebender!
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Nicht reisse mich aus meiner Erwählten Arm!
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Nur Sie, nur Sie lass mir! Lass Iden,
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Iden am Arm mich durchs Leben wandeln!

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Von ihrem Engellächeln zur That entflammt,
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Von ihrem keuschen Kusse mit Kraft beseelt,
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Werd' ich mit Adlerflug der Tugend
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Sonnigste, schwindelndste Höh' erfliegen. —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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