Abschied von Hyldathen

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Abschied von Hyldathen (1798)

1
Goldne Tag', ihr entfloht, ehe mein lauschend
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Ohr
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Eures reissenden Flugs sausenden Schwung vernahm,
4
Eh' die lechzende Zunge
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Eures Kelches zur Gnüge trank.

6
Goldne Tage, darin jegliches Morgenroth
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Mir es wehte, darin jegliches Abendkühl
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Mir es säuselt: „Noch bist du
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Schuldlos, Jüngling, und fessellos.

10
Klaget, Brüder! Sie flohn. Klaget die Flüchtlinge!
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Jammernd klagt sie mein Lied. Jeglicher Laut wird
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Ach,
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Und verweht in den Herbstwind,
14
Der die Stoppel herüberbläs't.

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Kalt bläs't, Brüder, der Wind; Nebel entdampft
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der Flur;
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Wolken klimmen herauf; Schauer und Stürme drohn.
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Auf im Schauern und Stürmen,
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Und geleitet den Scheidenden!

20
Mich entbeut mein Geschick hin, wo des Oceans
21
Wogendonner ein Land furchtbar und schön umbrüllt,
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Wo die moosige Scheitel
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Weit umschauend der Rugard hebt.

24
Schickung, warum so rasch? Warum so flüchtig, Zeit?
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Sehnend ruft dir mein Lied. — Nicht, wie der
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Thor dir ruft,
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Der verzweifelnd zum Gestern,
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Dem verlornen: Sey heute! spricht.

29
Euren strudelnden Sturz staunt' ich nicht müssig an,
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Schöne Tage! Ich hielt — zeugt es, die ihr mich
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kennt —
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Mit der Rechten die Weisheit,
33
Mit der Linken die Freud' umarmt.

34
Nimmer lechzte mein Schwert Hader noch Bruderblut;
35
Nimmer höhnte mein Lied Tugend und Sittlichkeit;
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Nie umrankte mich, Wollust,
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Dein entmannender Circenarm.

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Wonne, Wonne, noch färbt heilige Jünglingsscham
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Meine Wange! Noch glänzt Unschuld und Reinigkeit
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Mir im Auge; noch schau' ich
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Fest dem Edler'n ins Angesicht.

42
Wonne, Wonne, noch straft mich der verjubelten
43
Stunden keine! Mich reut keine der stilleren,
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Wo dein Schleier mich hüllte,
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Dichterfreundin, Melancholie!

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Dämmrung, werde nicht Nacht! Werde nicht starrer
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Gram,
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Süsse Wehmuth, wenn nun richtend die Stunde
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schlägt,
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Die den Bruder vom Bruder,
51
Die den Liebling vom Liebling trennt.

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Euch, ihr Trauten, vielleicht nimmer zu sehn,
53
vielleicht
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Euch vergessen zu seyn, wenn mein Gesang nicht
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mehr
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Um euch lispelt — diess fürchtet
57
Meine Seele, diess ängstet mich.

58
Euch vergessen zu seyn — Foltergedanke, dir
59
Bebt der trotzige Geist. Ärger, denn Gräbernacht,
60
Und das Grauen des Nichtseyns
61
Hasst mein Geist die Vergessenheit.

62
Nein, ihr Trauten, ihr müsst mein nicht vergessen,
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müsst,
64
Wenn ihr Fluren durchwallt, wenn ihr in Zirkeln
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jauchzt,
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Wo ich wandelt' und jauchzte,
67
Denken eures Verlassenen.

68
Wenn der kämpfende Geist einstens die Fesseln
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sprengt,
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Ins Unendliche fleugt, Leben und Freiheit jauchzt —
71
Müsst ihr „Bruder“ mich klagen,
72
„fahr wohl, Bruder, du warst uns werth.“

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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