Klage um Dellwar, den Wellenverschlungenen

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Klage um Dellwar, den Wellenverschlungenen (1798)

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Luftgebilde, das nebelumgürtet mit triefenden
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Locken
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Und mit rettungflehenden Händen vorüber mir
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wandelt,
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Rede, wer bist du? — Bist du es, mein wellen-
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verschlungener Dellwar?

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Dellwar, Dellwar, du bist es! Mein trauter
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Dellwar, wie anders!
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O, wie anders, Geliebter, als in den Tagen, die waren!

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Stattlich war an der Warne dein Wandeln,
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erhaben dein Herschritt
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Unter den Edeln! Nun schwebst du ein Schatten
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mit nichtigen Schatten!

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Liebend flogen dir sonst die Jünglinge, liebend
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die Mädchen
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Dir entgegen. Nun schaudert zurück, wer dem
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Blassen begegnet.

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Blasser, du warest mir lieb in deiner rosigen
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Jugend,
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Bist mir lieb in deinem Erblassen, mir lieb auf ewig!

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Bruder, du warest mir werth vor jedem deiner
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Gespielen!
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Werth auch dir, mein Bruder, war ich vor deinen
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Gesellen!

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Unsre Seelen ahneten, naheten, flogen einander
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Feurig entgegen. Nun wallst du ein Schatten mit
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kalten Schatten.

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Bruder, ich denke der seligen Tage, der seligen
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Nächte,
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Wo wir wallten im thauenden Grase des schönen
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Eylands,
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Wo wir grüssten in Dämmerschatten die rauschende
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Eiche,
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Wo wir, sitzend am flisternden See im schaurigen
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Mondschein,
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Mit den Thaten der Väter, und mit den Gesängen
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der Vorwelt
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Unsre Seelen erhöhten. — Wie glänzte dein Antlitz
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im Mondlicht,
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Wie der Mond in der Thräne, die deinen Wimpern
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entbebte!
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Bruder, die Tage sind hin! Verloren die seligen
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Nächte.
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Nimmer kehren sie. Nimmer erschau' ich dich! Ein-
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sam und schweigend
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Wallst du im dumpfen Todtenreich, ein Schatten
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mit Schatten.

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Klagt, ihr Jüngling' am Nebelbach, um eurer
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Gesellen
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Edelsten, klagt! Ihn hat die Welle der Warne ver-
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schlungen

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Weinet, ihr Töchter der Stadt am Nebel, um
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eurer Verehrer
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Holdesten, weint! Er ist erstarrt im Eise der Warne.

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Lange stand an der Thür der heimlichen Pforte
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das Mädchen
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Seines Herzens, und schauert' im nächtlichen Frost',
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und rufte,
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Stand und horcht' und schauert', und rufte: „Wo
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bleibt mein Geliebter,
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„dass ich schütter' im Frost der Nacht, dass meine
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Locken
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„kalte Winde bereifen. Wo bleibt der Zauderer?“ —
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Rufe,
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Rufe dem Zauderer nicht! Sein Ohr ist auf ewig
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geschlossen!

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Über die Pfade zu Land' und über die Pfade zu
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Wasser
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Harrt die Mutter des Wellenverschlungnen und
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schmachtet nach Zeitung
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Von dem Geliebten, dem Erstgebornen. Ach
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schmachte, Verarmte,
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Nicht so sehnlich nach ihr! Sie kommt und schmet-
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tert dich nieder!

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Tief in des Stroms kristallenem Sarge liegt mein
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Geliebter
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Starr und gestaltlos. Es haben die Fröste die strö-
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mende Fülle
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Seiner Locken gefesselt, gehemmt des Starken Ver-
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mögen.

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Tief in des Stroms gefrorenem Schoosse schlum-
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mert mein Liebling. —
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Kehre, Frühling, und löse die Bande des Starren,
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und hilf ihm
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Meinen Liebling betten ins Grab des heiligen Welt-
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meers.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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