Vinval und Vinvela

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Vinval und Vinvela (1798)

1
Unter ging die Sonne Gottes
2
Thaugedüft entstieg der Flur.
3
Auf die Abendlispel Gottes
4
Horchte feyrend die Natur.
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Grillen zirpten, Mücken summten,
6
Frösche gurgelten im Sumpf;
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Und aus stillen Dörfern bummten
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Abendglocken fern und dumpf.

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Aus der Mauern Eng' und Schwüle,
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Aus der Städter lautem Schwarm
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Flüchtet' in die freye Kühle
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Vinval an Vinvelens Arm.
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Warmen Herzens, reiner Seele
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War das liebetrunkne Paar,
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Sonder Tücke, sonder Fehle,
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Aller Schuld und Makel baar.

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Gern vom grünen Hügel schauten
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Sie der Sonne letzten Strahl;
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Horchten gern der wonnelauten
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Wachtel Schlag im Wiesenthal;
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Schwelgten lüstern in den Düften
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Der erfrischten Weizenflur;
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Freuten sich des Rauchs der Triften,
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Und des Friedens der Natur.

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Itzt im blüthenweissen Laube,
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Itzt am blaubeblümten Bach,
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Itzt im Würmchen, itzt im Staube,
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Spürten sie dem Ewgen nach;
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Hörten seiner Stimme Hallen,
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Fühlten seiner Flügel Wehn,
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Sahn in jeder Wolke Wallen
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Seines Wagens Rosse gehn.

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Harmlos wandelten die Beyden
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In das volle Ährenfeld,
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Und mit süssen Seelenfreuden
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Tränkte sie die Dämmerwelt.
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Laulich war die Luft und milde,
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Rein der Aether, klar und blau,
39
Und die athmenden Gefilde
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Hauchten Frisch' und Füll' und Thau

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Vinvals und Vinvelens Seelen
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Schmelzte Rührung und Gefühl.
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Vinval lispelte Vinvelen:
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„köstlich ist das Abendkühl.
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„herrlich goldet deine Wange
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„jener Wolke rother Schein.
47
„lass uns, Traute, mit Gesange
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„diesen schönen Abend weihn.“

49
Und Vinvela, leiseschauernd,
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Sang den holden Klaggesang.
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Bangeahnend, leisetrauernd
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Klang des Liedes süsser Klang.
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Mit den stillen Abendlüften
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Säuselte der sanfte Hall
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Über Feld und über Triften.
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Wandrer lauschten seinem Schall.

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„lieblich ist des Abends Milde,
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„schön des Himmels Angesicht.
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„freundlich dämmern die Gefilde,
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„halb in Schatten, halb in Licht.
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„lieblich sind des Mädchens Reize,
62
„wenn die Unschuld sie bekränzt.
63
„herrlich sind des Jünglings Reize,
64
„wenn sein Aug' in Liebe glänzt.

65
„aber, ach, des Abends Schöne
66
„schwindet, und des Spätroths Pracht
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„blasset, und der Wachtel Töne
68
„schweigen, und es wird so Nacht.
69
„jüngling, deine Gluth verlodert;
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„deiner Kräfte Mark versiegt.
71
„mädchen, deine Schöne modert;
72
„deines Kelches Duft verfliegt.

73
„sterben werd' ich bald. Sie werden
74
„mich begraben. Auf mein Grab,
75
„tief im kühlen Schooss der Erden,
76
„schlosset es und schnei't herab.
77
„mein Geliebter wird mich missen,
78
„wird mich suchen, finden nicht.
79
„jüngling such mein Grab. Da spriessen
80
„rosen und Vergissmeinnicht.“

81
Also sang sie, und betrübter
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Ward ihr Geist. Die Wang' hinab
83
Floss ein Thränchen. Ihr Geliebter
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Küsst sie ihr vom Busen ab.
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Dann mit tiefern Athemzügen
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Sang er ihr den Trostgesang.
87
Wachtel, Grill' und Unke schwiegen,
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Als des Sängers Stimm' erklang.

89
„traure nicht, o Vielgeliebte!
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„deine Trauer trübt auch mich!
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„tröste dich, du Sanftbetrübte;
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„ewig liebt dein Trauter dich.
93
„dämmrung schleyert Wald und Auen,
94
„raubt den Fluren Farb' und Glanz
95
„dämmrung wird auch uns umgrauen,
96
„welken unsrer Jugend Kranz.

97
„aber schau! der Nächte Dunkel
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„ist nicht gänzlich schimmerleer.
99
„tausendfacher Sternenfunkel
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„dämmert durch das Dunkel her.
101
„freundin, unsre letzte Wohnung
102
„wird nicht licht- und trostlos seyn.
103
„hoffnung einer hellern Wohnung
104
„wird die schwarze Nacht zerstreun.

105
„dieser Schatten graue Hülle
106
„deckt nicht ewig Berg und Thal.
107
„nacht und Schatten, Schlaf und Stille
108
„scheucht des nahen Morgens Strahl.
109
„freundin, unser Grabesschlummer
110
„währt nicht ewig. Jung und schön
111
„werden wir, nach kurzem Schlummer,
112
„aus der kühlen Kammer gehn,“

113
Also sangen sie, und schwiegen;
114
Wanderten bey Sternenschein,
115
Von des Schicksals starken Zügen
116
Fortgezogen, feldhinein;
117
Ruhten endlich, wandernsmüde,
118
Wang' an Wang' an einem Baum,
119
Und der Unschuld sichrer Friede
120
Wiegte sie in Schlaf und Traum.

121
Mit des Frühroths Strahlergiessen
122
Ward der gute Jüngling wach.
123
Seine Traute wach zu küssen,
124
Wandt' er sich zu ihr. Doch ach!
125
Ach, erblasst war ihre Wange,
126
Giftgeschwellt die zarte Brust;
127
Eine buntgefleckte Schlange
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Schwelgt' an ihrer reinen Brust.

129
Schreckenschwindelnd, graunumrungen,
130
Krampfhaft von der Lieblingin
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Halbgelähmten Arm umschlungen,
132
Fiel er jammernd auf sie hin,
133
Sah des Lebens letzten Funken
134
Matt verglimmen; und von Schmerz
135
Umgebrochen, umgesunken,
136
Stürzt' er leblos an ihr Herz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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