Das Hünengrab

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Das Hünengrab (1798)

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Die Nacht ist heilig und hehr.
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Dämmernd und schauernd und ahnend ist die
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Nacht.
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Im Mondlicht woget die düstere Waldung,
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Im Mondlicht die Saat den Hügel hinan.

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Wie die Unken läuten im Teich!
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Wie die Nachtigallen den Busch durchflöten!
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Liebliche Kühle durchwehet die Lüfte.
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Die Maynacht ist duftig und thauig
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und hehr!

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Schweigt Nachtigallen! Unken schweigt!
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Schauererinnerung umflistert mich.
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Zwischen vier bemooseten Steinen,
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Unter drey rauschenden Eichen sitz' ich
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hier.

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Über die vier moosbewachsnen Steine,
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Über die drey rauschenden Eichen Fried' und Ruh!
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Die ihr schlummert drunten, Helden, Herr-
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liche,
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Schlummert sanft, die ihr sanket in der
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blutigen Schlacht!

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Die Schlucht brüllte,
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Der Wald brauste,
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Das Meer tosete dumpf auf,
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Als die Herrlichen fielen.

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Sie fielen. Die Feinde frohlockten.
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Verlassen weinten die Bräute.
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Die Barden klagten. Die Übrigbliebnen
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Thürmten das ehrekrönende Mahl.

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Schlaft sanft, ihr Edelgefallnen.
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Schlaft sanft im Ringe der Steine.
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Schlaft sanft — oder steigt herauf
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Mit der benarbeten Stirn, mit dem blut-
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beströmeten Busen.

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Steigt herauf, und reicht mir die Hand
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Voll Schwielen für die Freyheit, die ich liebe,
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wie ihr;
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Ich, eurer Enkel einer,
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Der Späteren, der Schwächeren einer!

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Die Heldenzeiten sind vorüber,
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Vertreten die Spuren der Ahnentugend,
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Verstürme der Freyheit Donnerrufe,
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Verbrüllt die Schlachten für das Vater-
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land.

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Knechtschaft umklirrt
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Die Söhne der Freyen
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Striemen der Despotengeissel
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Brandmalen den Rücken der Heldensöhne.

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Wo ist Biedersitte?
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Wo sind Mädchenblöde und Jünglingsscham?
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Begraben unter dem tausendjährigen Stein;
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Begraben, oder Laut eines Mährleins.

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Reiche mir, Braga, die Harfe! Reiche mir, Wodan,
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das Schwert!
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Ich fühle flammen in mir der Ahnen Tugend.
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Bey den Edelgefallnen,
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Bey der Eiche und dem Mahlstein, ich
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schwöre der Ahnentugend.

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Schwöre dir, Treue der Väter!
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Schwöre dir, Keuschheit der Ahnen!
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Schwöre der Thorheit unauslöschlichen Hass,
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Ewige Liebe der Väter Einfalt und
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Wahrheit!

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Wie das Moos duftet! Wie die Eiche rauscht!
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Wie der Rohrspaz läutet, und die Nachtigallen
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flöten!
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Der Mond lächelt aus versilberten Wolken,
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Und die thautrunkene Saat wogt glän-
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zend den Hügel hinan.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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