Stubnitz und Stubbenkammer Wald und Kreidenufer auf Jasmund. In jenem finden sich noch unverkennliche Spuren des alten Herthadienstes. Dieses, dessen äusserste und schroffste Zacke den Namen des Königsstuhles führt, kann als eine der nördlichen Gränz- marken Deutschlands betrachtet werden

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Stubnitz und Stubbenkammer Wald und Kreidenufer auf Jasmund. In jenem finden sich noch unverkennliche Spuren des alten Herthadienstes. Dieses, dessen äusserste und schroffste Zacke den Namen des Königsstuhles führt, kann als eine der nördlichen Gränz- marken Deutschlands betrachtet werden (1798)

1
Wer bist du, der des Wandrers Herz
2
Mit unbekanntem Graun durchströmt?
3
Sein Haar ihm leise sträubt? —
4
O Hayn der Hertha, Lieblingssitz
5
Der hehren Göttin, Heiligthum
6
Der Vorwelt, sey gegrüsst!

7
Sey mir gegrüsst, geweihter Hayn!
8
Mit heilger Scheu, mit leisem Graun
9
Beschreit' ich deine Nacht.
10
Wie dunkel ist die Nacht! Es flammt
11
Am Himmel hoch die Mittagssonn'.
12
Im Wald' ist Mitternacht.

13
Und tiefer in den tiefen Wald
14
Verloren irr' ich. Rings umher
15
Ist feyerliches Still.
16
Jtzt wimmert es aus hohler Schlucht;
17
Jtzt lispelt es im Buchenlaub;
18
Jtzt flistert's in dem Schilf. —

19
Es öffnet sich des Walles Ring,
20
Den rings die Väter schütteten
21
Zum Schirm des Heiligthums.
22
Des Tempels Thore thun sich auf.
23
Das Allerheiligste empfängt
24
Den bangen Wanderer.

25
Wie brüllt das Meer! Wie saust der Wald!
26
Wie raucht der blut'ge Opferstein!
27
Der schwarze Pfuhl erdampft.
28
Das Messer blinkt. Der Stein erdampft
29
Von lauem Menschenblut. Das Meer
30
Erbrüllt. Es braust der Wald.

31
Mich schauert schauernder. Mein Fuss
32
Entwankt der grauenvollen Nacht,
33
Dem mordgeweihten Hayn.
34
Daher durch Waldes Dunkel glänzt
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In feyerlicher Majestät
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Das düsterblaue Meer.

37
Anbetend dich zu schaun, den Fuss,
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O erdesäugend Meer, in dir
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Zu nässen, dräng' ich mich
40
Das Dickicht durch. — Des Waldes Nacht
41
Wird Dämmerung — Zurück! zurück
42
Vom Saum der Uferwand!

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Ha Babelufer! Schwindel fasst
44
Den Staunenden, und lös't sein Knie,
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Und wirft ihn betend hin!
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Dich, Obelisk der Ewigkeit,
47
Dich thürmete dem Ewigen
48
Die dankende Natur.

49
Lasst, Freunde, uns den stickeln Pfad
50
Hinunter klimmen! Huldigen
51
Lasst uns dem heiligen Meer! —
52
Wie schwillet seine Kraft! Wie stäupt,
53
Wie geisselt die empörte Fluth
54
Den buntgedämmten Strand!

55
Am hohen Ufer donnernd bricht
56
Die Brandung sich, ermannt sich, kehrt
57
Mit neuem Grimm, und stäupt
58
Die alte Felsenwand. Umsonst!
59
Sie steht und beut der Stürmenden
60
Die schaumbesprützte Brust.

61
So ziemt es dir, o Vaterland!
62
Also des hohen Vaterlands
63
Erhabner Markstein, dir!
64
Steh' ewig, hoher
65
Und ewig ruf' es, Herrlicher,
66
Dem Meerdurchschwärmer zu:

67
„halt still, o Meerdurchschwärmer, halt!
68
„und neige willig Haupt und Knie
69
„vor Deutschlands Herrlichkeit!
70
„denn gross ist Deutschland. Seine Kraft
71
„ist voll, wie Meeresfluth, und wild,
72
„wie diese Uferwand!“

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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