Ein Geburtstag auf der Reise

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Friedrich Hebbel: Ein Geburtstag auf der Reise (1852)

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Wie wird mir so beklommen,
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Obgleich ich ruhig schlief!
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Wär' heut' der Tag gekommen,
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Der mich in's Leben rief?
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Ja, sagt mir der Kalender,
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Ein Strauß des Freundes auch,
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Den der zu milde Spender
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Mir flocht am Lorbeerstrauch.

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Ach, was sind das für Boten!
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Wo bleiben Weib und Kind,
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Die sonst, zum Liebesknoten
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Verschränkt, die Ersten sind!
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Heran, heran, wie immer,
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Du theures, theures Paar,
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Sonst wage ich mich nimmer
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Hinein in's neue Jahr.

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Daß ich noch Athem hole,
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Verdank' ich euch allein,
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Denn ihr seid meine Pole
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Und werdet's ewig sein!
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Wie sollt' ich wohl noch ringen,
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Wär's nicht des Vaters Pflicht?
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Und könnt' es mir gelingen,
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Stärkte dies Weib mich nicht?

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Drum schnell, ich muß euch schauen!
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Christine, an mein Herz,
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Du innigste der Frauen,
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Eh' es erstarrt vor Schmerz.
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Und daß ich zwiefach nippe,
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Reich' auch dein Kind zum Kuß,
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Das meiner bärt'gen Lippe
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Nur naht, wenn's eben muß.

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Sie zögern noch! Ermannung!
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Sie sind dir heut' zu fern!
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Du lebst in der Verbannung,
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Doch nicht von Stern zu Stern!
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Du ward'st auf eine Weile
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Dem Paradies entrückt,
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Damit es, dir zum Heile,
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Bald doppelt dich beglückt.

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Nun wohl, ich will es tragen,
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Bin ich auch Duldens satt;
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Ich ward zurück verschlagen
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In eine finst're Stadt,
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Wo ich, der Welt verborgen,
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Bestand den ersten Streit,
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Drum werde dieser Morgen
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Der Pilgerschaft geweiht.

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Es ist die rechte Stunde,
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Ein Schlachtfeld zu beschau'n,
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Ich mache flugs die Runde
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Und thu' es ohne Grau'n,
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Als wären's schon Aeonen,
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Wo ich hier, stumm, doch bang,
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Mit jedem der Dämonen
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Auf Tod und Leben rang.

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Drum erst zum kleinen Hause,
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Das mich beherbergt hat!
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In dieser dunklen Klause
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Reift' ich zur Dichterthat,
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Viel litt ich da im Stillen,
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Viel hat's in mir geschafft:
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Von Gott den reinen Willen,
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Vom Teufel jede Kraft.

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Vorüber doch, vorüber!
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Mir wird in meinem Sinn
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Auf einmal trüb und trüber,
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Nun ich zur Stelle bin.
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Mir däucht, durch dieses Fenster
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Grinzt noch der ganze Chor
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Der Larven und Gespenster,
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Die mich gequält, hervor.

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Dafür zum Königsgarten
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Mit raschem Schritt hinab!
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Er war's, der dem Erstarrten
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Stets wieder Leben gab,
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Der, wenn mich eine Mahnung
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Des Todes tief geschreckt,
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Mich gleich durch eine Ahnung
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Der Zukunft neu geweckt.

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O Park, sei mir gesegnet!
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Bleib ewig frisch und grün,
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Und wenn's nur einmal regnet,
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So sollst du zweimal blüh'n!
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In jeden deiner Gänge
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Verlier' ich mich mit Lust,
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Denn jeder hat Gesänge
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Gehaucht in meine Brust.

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Hier zeigte, wie im Traume,
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Sich mir die Judith schon!
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Dort, unter'm Tannenbaume
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Sah ich den Tischlersohn,
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Da drüben winkte leise
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Mir Genovevas Hand,
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Und in des Weihers Kreise
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Fand ich den Diamant.

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Dann wollt' es mich bedünken,
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Ich sei unendlich reich!
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Mein Busen war dem Blinken
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Des Sternenhimmels gleich:
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Schon viel sind aufgegangen
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In wandelloser Pracht,
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Mehr glaubt man noch umfangen
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Vom stillen Schooß der Nacht.

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Zwar blieben's damals Schemen,
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Mir nur zum Trost geschickt,
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Sie mußten Abschied nehmen,
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So wie ich sie erblickt.
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Das fügte tausend Schmerzen
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Den schwersten noch hinzu,
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Doch kam zuletzt dem Herzen
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Durch sie allein die Ruh.

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Denn als sie Blut getrunken,
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Wie des Odysseus Schaar
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Im Hades, deren Funken
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Längst still verglommen war:
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Da wandelten die Schatten
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Sich in Gestalten schnell,
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Und nun sie Leben hatten,
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Ward's rings um mich auch hell.

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So will's ja der Berather
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Der Welt, daß in der Kunst
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Das Kind den eig'nen Vater
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Erlös't vom ird'schen Dunst,
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Und für die heil'ge Schüssel
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Voll Bluts, die er vergießt,
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Ihm dankt mit einem Schlüssel,
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Der ihm das All erschließt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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