Die heilige Drei

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Friedrich Hebbel: Die heilige Drei (1852)

1
In erster Morgenfrühe
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Naht Herzog Heinrich schon,
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Sich für des Tages Mühe
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Zu weihen, Gottes Thron.
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Die alternde Kapelle
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Verschwimmt noch halb im Duft,
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Doch ist er gleich zur Stelle,
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Er sucht nur eine Gruft.

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Und als er sie gefunden,
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Knie't er in Demuth hin;
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Ein Mensch mit tausend Wunden,
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Sein Heil'ger, schläft darin.
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Dem Thor, in Erz getrieben,
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Sind treu durch Bildners Hand
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Die Kämpfe eingeschrieben,
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Die er im Fleisch bestand.

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Der Herzog betet lange,
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Von Gottes Geist umschwebt,
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Doch wird's ihm seltsam bange,
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Als er sich dann erhebt.
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Denn in gespenst'gem Lichte
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Tritt plötzlich auf dem Thor
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Vor seinem Angesichte
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Die heil'ge Drei hervor.

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Da denkt der edle Ringer:
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Vorbei sind Lust und Qual!
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Die hat kein ird'scher Finger
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Gezeichnet, diese Zahl;
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Die sagt mir, wie viel Tage
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Noch mein sind bis zum Tod;
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Doch ziemt mir keine Klage,
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Wie streng auch das Gebot.

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Mit Fasten und mit Beten
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Macht er sich nun bereit,
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Um vor den Herrn zu treten
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Im weißen Feierkleid:
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Er könnte Frist erbitten,
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Weil er noch nicht so viel
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Gestritten, ja gelitten,
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Als er sich wünscht am Ziel.

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Drei Tage flieh'n in Eile,
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Doch ruft der Tod ihn nicht;
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So wandl' ich mir zum Heile
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Drei Monde noch im Licht?
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Die sind mir für die Armen,
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Und nicht für mich geschenkt,
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Damit sie mein Erbarmen
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Noch einmal recht bedenkt.

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Nun läßt er Steine führen,
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Und rasch ersteht ein Bau
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Mit hundert offnen Thüren
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Und winkt durch Thal und Au.
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Er sorgt, daß kein Begehren
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Hier je vergebens klopft,
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Und hat der Armuth Zähren
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Auf ewig so verstopft.

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Drei Monde sind zu Ende,
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Der Tod spricht noch nicht ein;
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Da faltet er die Hände:
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Dann sind drei Jahre mein!
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So darf ich nicht von hinnen,
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Eh' ich das Werk vollbracht,
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Dem galt mein tiefstes Sinnen
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Bei Tage und bei Nacht.

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Nun werden greise Männer
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Um seinen Thron gestellt,
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Die Schöffen sind's, die Kenner
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Des Rechts, aus aller Welt;
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Sie waren sonst die Hüter
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Von Leben, Gut und Blut;
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Jetzt giebt er diese Güter
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In des Gesetzes Hut.

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Es kann ein Mensch vergessen,
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Doch nie vergißt ein Buch
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Und richtig wird gemessen
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Der Krone, wie dem Pflug;
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Sein Recht soll Jedem werden,
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Wie's Gott, der Herr, verhieß,
79
Denn so ersteht auf Erden
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Das zweite Paradies.

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Drei Jahre sind verflossen,
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Der letzte Tag ist da;
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Er hat sein Werk beschlossen,
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Doch auch der Tod ist nah'!
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Und seine Wangen färben
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Nur röther sich dabei,
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Als ob für ihn das Sterben
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Der Lohn des Lebens sei.

89
Er hüllt sich, nicht mehr zaudernd,
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Stumm in sein Leichenhemd,
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Das Volk erblickt es schaudernd,
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Er wird ihm todtenfremd.
93
Der Sarg ist längst gezimmert.
94
In dem er ruhen will,
95
Und eine Kerze schimmert
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Ihm schon zu Häupten still.

97
Man reicht am heil'gen Orte
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Ihm dann den Leib des Herrn;
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Dem Altar ist die Pforte
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Der Ahnengruft nicht fern,
101
Und mit des Priesters Segen
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Tritt er hinein voll Ruh,
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Und geht, sich selbst zu legen,
104
Dem Sarg gemessen zu.

105
Die Treuen knie'n im Kreise
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Herum und trauern sehr,
107
Der Beicht'ger flüstert leise:
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Bald thront ein Heil'ger mehr!
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Sein Odem wird nicht stocken,
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Sein Herz nicht stille steh'n,
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So müssen alle Glocken
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Der Welt von selber geh'n!

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Es schlägt die letzte Stunde!
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Da tönt Trompetenschall,
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Das schmettert in die Runde,
116
Man jubelt überall.
117
Mit Fahnen, schwarz-gold-rothen,
118
Kommt dann ein Zug sogleich,
119
Aus Frankfurt sind's die Boten
120
Vom heil'gen röm'schen Reich.

121
Die Krone Karls des Großen
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Trägt man auf Sammt voran;
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Den Degen auch, den bloßen,
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Der ihm die Welt gewann;
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Den Apfel, der verkündet,
126
Daß sie uns noch gehört;
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Das Kreuz, ihm fromm verbündet,
128
Auf das der Kaiser schwört.

129
Wo weilt der edle Bayer,
130
Ruft Nürnbergs Burggraf aus,
131
Wir bringen seltne Feier
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In sein erlauchtes Haus!
133
Doch, fröhlich um sich schauend,
134
Bricht er auf einmal ab,
135
Und Alle starren grauend
136
Hinein in's offne Grab.

137
Der Herzog, rasch gewendet,
138
Ruft aus dem düstern Schlund:
139
Euch hat das Reich gesendet,
140
Was thut das Reich mir kund?
141
Wir haben dich zum Kaiser
142
Des Deutschen Volks erwählt!
143
Längst trägst du Palmenreiser,
144
Der Lorbeer aber fehlt!

145
Er blickt beschämt nach oben:
146
Verstand ich dich so schlecht?
147
Doch sei mein Wahn erhoben,
148
Er weihte mich erst recht!
149
Ihm dank' ich einen Frieden,
150
Der selbst dem Tod nicht weicht,
151
Und was du mir beschieden,
152
Jetzt nehm' ich's doppelt leicht.

153
So führt mich denn zum Throne,
154
Da Gott ihn mir beschert,
155
Und schmückt mich mit der Krone
156
Und stärkt mich durch das Schwert!
157
Den Streit der Welt zu schlichten,
158
Trag' ich des Purpurs Pracht,
159
Doch um mich selbst zu richten,
160
Das Todtenkleid bei Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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