Der Nachtsturm

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Der Nachtsturm (1798)

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Sturm der geilenden Nacht, fürchterlich tos't
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und schön
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Dein Geläut durch die Nacht. Starker, des Jünglings
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Geist
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Schwellt dein Schmettern und Prasseln,
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Wie den Krieger der Pomp der Schlacht.

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Rabenschwarz ist die Nacht. Durch die Erebische
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Wälzt der Mächtige sich sausenden Schwungs daher,
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Beugt die Grossen der Schöpfung,
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Stäupt die Höhen, und zaus't den Wald.

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Orkan, Orkan, was raufst du mir mein Halmendach,
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Trennst der Sparren Geflecht, schmetterst die Schei-
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ben mir
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In den Fenstern? — Ich komme,
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Wogenthürmer, und Trotz sey dir!

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Dem die Erd' und das Meer zittern, ich biete dir
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Eine freudige Stirn, spotte der feigen Wuth,
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Die die Sterne des Himmels,
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Die die Fackel des Mondes löscht,

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Zittre nicht ob des Walds lautem Gekrach', und
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nicht
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Ob des grollenden Meers dumpfen Gebrüll, und nicht
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Ob den Riesengebilden,
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Die dein Hauch in den Lüften ballt. —

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Doch, ich zürne dir nicht. — Starker, in deiner Kraft
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Sey mir festlich gegrüsst! Kühner, ich liebe dich,
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Wenn Allfadern dein Päan
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Auf der Harfe der Windsbraut singt.

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Schön und fürchterlich ists, wenn du die Weizensaat
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Niedermähst, wenn dein Arm geisselt den stolzen
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Forst,
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Und mit Pappel und Eiche,
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Wie ein Knabe mit Disteln, spielt.

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Schön und fürchterlich ists, wenn du das Meer
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erwühlst,
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Sein Vermögen zerstäupst, Schiffe, wie Kräusel
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drehst,
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Masten knickest, wie Binsen,
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Taue reissest, wie mürben Zwirn.

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Nein, ich zürne dir nicht, Lauter! Ich preise dich,
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Deiner Fittige Schwung fachet zur Flamm' empor
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Jeden glimmenden Funken,
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Straffet jeden erschlafften Nerv.

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Freund, mir hallt dein Gebrüll fei'rlich, wie Chor-
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gesang,
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Hehr, wie Tempelgeläut, prächtig, wie Orgelsturm —
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Wilder toben die Pulse,
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Rascher schlägt das empörte Herz.

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In das Dunkel hinaus stürm' ich, in schwarzer Nacht
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Klimm' ich felsenhinan, schaue vom stickeln Fels
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In das gährende Chaos,
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In die wühlende Nacht hinaus.

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Erd' und Himmel und Meer zittern dir, Trotziger.
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Kühn und freudig, wie du, Starker, frohlockt
55
mein Herz.
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Denn noch bin ich ein Jüngling,
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Unbezwungen und frey, wie du!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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