Heimatpfade

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann von Lingg: Heimatpfade (1862)

1
Wild umher, gleich im Dickicht zerstreuten
2
Waldblumen, sind die Gaben
3
Den Menschen versteckt. Es deuten,
4
Welchen Pfad wir zu wandeln haben,
5
Wo der Himmel ein Glück uns erkor,
6
Lichtelfen mit weißer Hand
7
Stillwinkend im Schatten hervor.

8
Das meiste Gute liegt als Pfand
9
Unsrer Zukunft geborgen;
10
Mehr, als wir nur ahnen, liegt
11
Da, wo mit Sorgen
12
Die Mutter uns gewiegt.
13
Nie auszuschöpfenden Reichtum hegt,
14
An heimlichen Plätzen hinterlegt,
15
Die Heimat, das Vaterhaus;
16
Von ihm durchs ganze Leben
17
Gehen die weitreichenden Fäden aus,
18
Die unsre Lose weben.
19
Doch die Himmelstöchter weilen
20
Nicht gern hienieden und teilen
21
Ihre Gaben uns aus im Flug.
22
Sie eilen heim und küssen mit rosigem Munde
23
Flüchtig nur; selten noch schlug
24
Ein zweites Mal die günstige Stunde.
25
Nur der Emsige findet
26
Die freundlichen mitten in fremder Welt
27
Und erkennt, was hold ihn bindet,
28
Was Wort ihm hält.
29
Selbst der Jugend Irrgänge leiten
30
Zu Höhen empor,
31
Wenn nur rastlos hinanzuschreiten
32
Der Wandrer nicht den Mut verlor.

33
Wer aber betört
34
Nach Glänzendem hascht in eitlem Beginnen
35
Und nicht die Warnenden hört,
36
Die treuen Begleiterinnen,
37
Der sieht sie ärmer und ärmer werden nur
38
Und endlich wie Nebel zerrinnen.
39
Dann steht er allein auf öder Flur,
40
Und sie sind heimgegangen,
41
Die tausend liebenden Blicke,
42
Womit die Eltern ihr Kind umfangen,
43
Ihr Lächeln, ihr Mühn und die dem Geschickte
44
Entrungnen frohen Stunden,
45
Die als schützende Genien so lang
46
Umschwebten den Lebensgang,
47
Sie alle sind unwiederbringlich entschwunden.

48
O rettet ihn, bietet ihm hilfreich die Hand!
49
Daß auch im Elend der Mann empfindet,
50
Wie Tag für Tag erstarke das Band,
51
Das alle Menschenseelen verbindet;
52
Denn gegen die offnen und stillen Gefahren,
53
Die schon dem frühen Morgen drohn,
54
Mag sich bewahren
55
Kaum des Glückes begünstigter Sohn.
56
Jedem gesteckt ist Ziel und Marke,
57
Allen eröffnet ist die Bahn,
58
Aber zu jäh stürmt der Kühne hinan,
59
Zu fest vertraut auf sich der Starke;
60
Die Waffen sinken läßt der Schwache,
61
Eh' noch der halbe Weg erreicht.

62
Und den Stolzen trifft mit sichrer Rache
63
Der Neid, der tückisch ihn umschleicht,
64
Ja selbst der, dem der Sieg beschieden,
65
Der zurückkehrt zur Heimatflur,
66
Ach, er bringt in den endlichen Frieden
67
Waffen, zerstückte, blutgetränkte nur!

68
Was Bestimmung ist,
69
Und warum wir erfüllen müssen,
70
Was ein ewig Schicksal voraus ermißt,
71
Was fest steht über menschlichen Entschlüssen,
72
Wohin wir gehn durch »Lebensflut
73
Und Tatensturm,« das Letzte, Tiefste ruht
74
Für immer verhüllt – alles Gut
75
Es stammt von früh her, am tiefsten ins Blut
76
Sind uns getaucht die ersten Erinnerungen,
77
Mögen sie nun großen Städtegebrauses,
78
Nur flüchtige Bilder dem Sinne sein,
79
Ob ein Giebeldach im schattigen Hain,
80
Ob Nachbar des Hauses
81
Meer war, oder ragendes Felsgestein,
82
Oder ein Hüttendach, wo versteckt
83
Vom blühenden Apfelbaum
84
Ein Rotkehlchen dich aufgeweckt
85
Aus deinem ersten Morgentraum.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.