Beschränkung

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Hermann von Lingg: Beschränkung (1862)

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Verödet stehen
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Prachtbauten, aufgeführt
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Von stolzer Prahlsucht, sobald das Wehen
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Eines neuen Geistes die Welt berührt;
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Es schauen dann wie stille Klage
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Aus Saal und glänzendem Korridor
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Die Opfer der Mühen verlor'ner Tage
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Und das verschwendete Gold hervor.
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Die alte Pförtnerin Zeit verschließt
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Das Tor und die rostigen Glockenzüge
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Und murmelt: »in Nichts zerfließt
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Eitelkeit und Lüge.«

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Was aber bewegt
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Mit Wehmut das Herz dabei und regt
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Das Mitleid wach trotz allem Fluche,
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Der auf den Denkmälern der Hoffart ruht?
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Verwandter Stolz, der zum Übermut
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Und zu dem kühnen Versuche,
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An Größtes zu reichen, heimlich nickt
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Und sich selbst darin erblickt?
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Oder jenes Mitleid, das für Alles spricht
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Und Allem, was einmal geragt,
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Selbst dem Frevelnden nicht
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Nach seinem Falle die Trauer versagt?

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Wie er sich bändige,
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Sinnt der Verständige;
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Alle Gedanken,
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Die nach dem Glück
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Schweifen und schwanken,
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Bannt er in Schranken
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Weise zurück.

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Kann er sie ordnen,
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Wenn er das Maß
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Der ihm gewordnen
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Kräfte vergaß?
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Was sie vergönnen,
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Hofft er zu können,
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Mehr zu vollbringen
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Strebt er nicht an.
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Will er's erzwingen,
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Büßt er den Wahn,
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Selbst im Gelingen.

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Mächtig zu ragen,
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Einzig und groß,
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Krönet das Wagen
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Weniger bloß.
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Aber in Einem,
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Im Guten groß zu sein,
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Das allein
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Wehrten die Götter noch Keinem!

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Wie unter alten Mauern
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Giftkraut wuchert und Schlangen lauern,
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So droht mit Geistesnacht
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Unter Namen, die zu den Sternen reichen,
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Dem Eifer, ihnen zu gleichen,
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Des Schicksals unheilvolle Macht.

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Nur der Genius schreitet
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Über sie weg; ihn leitet
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Die Gefahr selbst, die er bezwingt.
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Indem er mit ihr streitet,
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Fühlt er sich schon beschwingt.

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Doch nur Adler thronen
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In Regionen
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Solcher Höh'n.
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Was ruhmvoll und schön,
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Blüht nur für Wenige,
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Nur für die Könige
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Unter den Geistern.
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Darum, ihr Strebenden,
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Folget den Meistern,
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Den euch erhebenden,
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Dient den Erkornen!
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Weh den Verlornen! –

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Weh den Unsel'gen, die berauscht
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Von des Ruhmes vergoldeter Blöße,
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Ihren Frieden eingetauscht
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Für die Lockung falscher Größe!
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Nimmer gesättigt wird ihr Herz
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Von verzehrendem Grame,
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Stünd' auch leuchtend vor ihnen in Erz
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Oder in Marmor ihr prangender Name.

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Rühmen will ich bescheidnen Wert
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Und ein Dasein froh ertragen,
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Das nicht allen Schmuckes entbehrt,
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Doch dem Glänzenden kann entsagen;
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Wenn mir gleich das Glück verlieh
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Wenig nur von seinen Gaben,
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Hab' ich doch Andrer Freude nie
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Freventlich untergraben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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