Girgenti

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Hermann von Lingg: Girgenti (1862)

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Fremd ist mir Alles hier, aber auch du
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Bist mir ja fremd geworden; die dich umgeben,
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Wer sind sie? Wem neigst du dich zu?
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Wer schützt dich, wer verschönt dir das Leben?
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Ich weiß es nimmer! Was uns gemeinsam
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Und traut war, zerrann wie der wehende Sand;
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Verlassen durchwandr' ich und einsam
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Das fremde Land,
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Die Stätten, von welchen Alles,
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Was einst so mächtig bestand,
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Bis auf die Zeugen des Verfalles,
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Die stolzen Ruinen, verschwand.
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Fremd ist mir der Berge Gestalt,
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Von der glühenden Mittagsluft umwoben,
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Und fremd erschallt
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Der Hirten Ruf vom Felspfad oben.
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Von den Menschen, die mir begegnen, keinen,
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Der heimkehrt zu den Seinen,
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Geleitet in sein Haus
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Mein flüchtiger Gruß. Sie selbst auch erscheinen
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Sich fremd hier, und wie sie hinaus
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Aufs Meer, aufs wogende, schauen,
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Ob nicht wiederkehre der Stadt
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Uralter Gebieter, um fahrtensatt
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Nun wieder zu herrschen und aufzubauen
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Die Größe der einstigen Zeit,
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Die untergegangene Herrlichkeit,
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Da mögen sie wohl über den Schauern
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Auf den Trümmern der Pracht,
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Wie Fremde sich fühlen und trauern
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Vor der Vorzeit gigantischer Macht.

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Nur wenn vom Meer dort herauf
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Die Sonne steigt und überströmt mit Feuer
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Die geborstene Wölbung, den Säulenknauf
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Und das riesige Stufengemäuer,
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Dann leuchtet's wie seliger Hauch,
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Wie Ahnung jener Tage
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Voll Schönheit und Liebe, dann lebt mir auch
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Dein Angedenken wieder. O sage,
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Ist's wahr, du trugst hier am Feste
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Der Himmlischen den Erntekranz,
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Du führtest, wenn man die Trauben preßte,
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Als Erste den Reigentanz?
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Und hast du nicht schon einmal mit mir
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Von Liebe gesprochen,
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Hat nicht vor diesen Stufen hier
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Einst deine Hand in meiner geruht?
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Fühlt' ich dein Herz nicht an meinem poche?
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Ach, die Zeit, die nagende Flut
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Hat die Steinkolosse zerbrochen,
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Was groß und schön war, ist ausgetan.
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Ja, würden auch wir uns wiedersehen,
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Fremd schauten wir uns an,
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Und könnten uns nicht mehr verstehen,
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So große Verwandlung ist geschehen.
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Aber kein gegenwärtig Glück, und wenn es gleich
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Vollaufgespeichert Erwünschtes brächte,
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Es schafft nicht wunderselige Tag' und Nächte,
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Wie das verlorne, denn das ist reich
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Wie Meeresgrund. Es hat Gewalt,
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Ward uns das herrlichste Gut entrissen,
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Daß es für uns in Schattengestalt
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Herüber wallt,
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Sanft leuchtend aus Finsternissen.
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Und Allem verleiht es, Allem um uns her
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Ein tieferes Leben, es gibt
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Leblosem die Seele, die wir geliebt,
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Nichts fällt dem Herzen noch schwer.
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Das überwundne Leiden
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Hüllt sich in stolzes, herrschendes Licht,
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In strahlende Glut; es lächelt, es spricht
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Aus Urnen und Bildern – und statt zu durchschneiden,
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Läßt der Parze nachlässige Hand
74
Das Ende sinken, das ihr Eros entwand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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