Die Ralunken

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Die Ralunken (1798)

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Ralow Ralow, am westlichen Ufer der Insel Rügen. Vor Zeiten ein berufener Wikinger oder Seeräubersitz; hernach eine Fürstenburg; heutiges Tags zum blossen Landsitz herab- gesunken., sey mir gegrüsst im Schimmer der
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scheidenden Sonne!
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Lieblich webet der Schleyer des Abends um deine
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Gefilde.
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Deine weissen Mauern sind sanft geröthet. Die
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Dächer
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Feuern im Golde des sinkenden Tags. Es dämmern
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so schaurig
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Deine säuselnden Hayn'. Es spiegeln die Wangen
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des Himmels
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Sich in den Fluthen so rosig, die deine Ferse be-
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spühlen.

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Burg des hallenden Meers! schön bist du.
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Deine Gefilde
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Lächeln in jedem ländlichen Reiz. Die üppigen
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Wiesen
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Duften von Quendel und Klee. Es wogt in der
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Kühle des Weizens
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Grünliche Fluth. Es glühn in den Gärten die Traub'
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und der Pfirsich.
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Funkenstäubend entgaukelt die Schmerle dem klaren
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Gewässer
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Deiner Weiher. Es flötet im thauenden Busche die
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Drossel
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Zwischen der Nachtigal Schlag. Und horch! vom
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spriessenden Frühroth
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Bis zu den Rosen des sinkenden Abends erschallet
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das Brüllen
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Weidender Heerden, das Jauchzen der Schnitter,
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die gellende Lache
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Fröhlicher Dirnen in dir. — Schön bist du, Tochter
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des lauten
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Ufers, vertraulich und lieb. Doch warst du in
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Tagen der Vorzeit
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Schöner und wilder. Es war dein Nam' in den Ta-
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gen der Vorzeit
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Weitgefeyert. Es pfiffen nicht deine Söhne vor
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Zeiten
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Hinter den Heerden so müssig. Es dampften die
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schauernden Rosse
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Nicht vor dem knechtischen Pflug. Von der Burg
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weitschauender Warte
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Spähte der Thürmer fern in die See, und mahnte den
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Wiking,
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Dass er komme mit Schnelle des Blitzes, mit Don-
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nergeprassel
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Jedem nahenden Kiel die Rippen zermalm', und die
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Beute
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Jauchzend in deinem Schooss, o Tochter des Mee-
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res, verbürge.

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Burg der tosenden See, mir weht mit der Kühle,
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mir rauschet
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Mit dem Sausen des Hayns der Begeisterung Fittig.
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Die Wange
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Flammet mir schon, wie die Scheibe des steigenden
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Vollmonds. Hoch schwillt
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Meine Seele, wie Wogen im Sturm, und gesichte-
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trunken
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Seh' ich dämmernd und bleich die Schatten schlum-
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mernder Vorwelt.

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Fünf Jahrhunderte sind verflossen. Der Urne
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der Zeiten
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Waren sie noch nicht entrollt. Da lauschte der
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freche Ralunke
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Hier im umgürtenden Ring von sieben Gräben und
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Wällen.
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Wild war des Räubers Herz, wie die Ströme
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Golcha Drey Bäche fallen von der Stubbenkammer, dem nord- östlichen Kreidenufer der Halbinsel Jasmund, herab: die Bis- miz, die Golcha, und der Steinbach., sein Anblick
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Finster, wie des nebelverschleierten
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sein Haupthaar
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Buschicht und rauh, wie die Dornen auf
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worths Dubberworth, das gewaltigste aller Rügischen Heldengräber. Es liegt nahe bey Sagard auf Jasmund. zottiger Scheitel.
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Sieben Segel empört' er, dem meerdurchwallenden
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Kaufmann
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Todespaniere. So oft er von weitumschauender
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Warte
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Fern in der friedlichen See ein Segel erspähte, wie
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flammte
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Gierig sein Auge! wie tobte sein Herz! wie
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schwellt' ihm den Busen
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Blut- und Beutebegier! Rasch spannt' er die Segel.
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So spannet
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Seinen Fittig, den Raub zu ereilen, der Adler des
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Dollen. Dollen, ein waldiges Gestade an der Insel östlicher Seite.

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Rurich mit röthlichem Haar, und Rawen mit
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struppiger Braue
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Folgten freudig dem älteren Bruder, dem Wilden
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die Wilden.

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Judith blieb daheim, der Räuber gefürchtete
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Mutter.
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Ihr sass düsterer Grimm in jeder Runzel der
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Stirne,
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Laurende Tück' in den zwiefach gefärbten Äpfeln
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des Auges.

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Auch
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ster der Räuber.
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Wenig ähnlich den Brüdern, und wenig der tücki-
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schen Mutter,
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War die sanfte Agathe mitleidigen Herzens. Sie
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schaute
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Jammernd hinweg, wenn Blut in Ralow strömte.
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Sie weinte
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Auf die Perlen der Schnur, das Geschmeid' ermor-
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deter Jungfraun,
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Welche der blutige Bruder — der Blutige liebte die
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Schwester —
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Ihr einst umhing. Es däuchten die Perlen ihr blu-
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tige Thränen.
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Schön war Agathe, ein freundlicher Stern bey
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rothen Kometen:
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Blau ihr Aug'; ihr Haar, wie wehende Fäden zur
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Herbstzeit;
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Schlank ihr Wuchs, wie die Birk' in Boldewiz
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Haynen; ihr Busen
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Wie des hochhalsigen Schwans Gefieder am Busen
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der
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Süsses Bangen beklemmt' ihr den Busen, ein Ahnen
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und Wähnen.
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Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerstrahle des
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Morgens,
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Sahe die Sonne den Fluthen enttauchen. Wie brann-
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ten die Fluthen!
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Sahe die Thürme der
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Wie strahlten die Thürme!
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Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerschimmer
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des Abends,
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Sahe den Mond in den wühlenden Fluthen, und
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lauschte des Ostmeers
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Dumpfem Grollen. Es schwellten ihr Seufzer den
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Busen. Es wölkten
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Süsse Thränen ihr Auge. Doch plötzlich stürmte die
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Mutter
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Freudig herein, und wenig gewünscht: „Sie kom-
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men, sie kommen!
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Träumerin auf, und lass uns die Freudigen freudig
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empfangen!“

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Und der Ralunke war weit gefürchtet. Seit
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dreyzehn Jahren
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Hiess er die Geissel der See. Dem Schiffer gefror
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bey dem Anblick
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Seiner Flaggen das Blut. Oft streift' er in fliegenden
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Zügen
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An den sicheren Küsten umher, und plündert', und
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führte
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Jüngling' und Jungfraun heim. Des sandigen
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dewisch Reddewisch, itzt Mönkguth, eine andere Halb- insel an der südöstlichen Spitze des Landes. Herrscher,
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Ritogar, welchem die Flamme der Jugend das An-
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gesicht bräunte,
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Schlug er in Fesseln, und schenkt' ihn der Mutter.
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Denn schön war der Jüngling
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Und hochherzig und kühn und nur erlegen der
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Menge.

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Aber dess achtete nicht die Freche. Schönheit
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und Adel
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Schnürten nur fester um ihren Gefangnen die Fessel
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der Knechtschaft.
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Seufzend sah es Agathe. Des Jünglings heroischer
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Anstand,
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Feuriger Trotz, unwilliges Dulden weckten ihr
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Mitleid.
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Mit dem Mitleid beschlich ihr die süsse Liebe den
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Busen.

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Herbstzeit war es und schwarze Nacht. Da
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entriss sich Agathe
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Leise der holden Umarmung des Schlummers, tappte
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noch leiser
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Zu des Jünglings Lager sich hin, und wispert' ins
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Ohr ihm:
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„auf! ich bin Agathe! ich rette dich. Folge mir,
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Jüngling!“
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Freudig erschreckt, sprang Ritogar auf. Sie fasst
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ihm die Rechte,
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Leitet ihn zitternd die Kammer der Mutter und
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Brüder vorüber,
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Führet den Blinden hinab in unterirdische Gänge,
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Wallet die düstern schaudernd hindurch, erschleusst
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ihm der Pforte
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Doppeltes Schloss. Dann spricht sie mit blödem
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geflügeltem Handdruck:
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„flieh und denk' an Agathen!“ Und er, im trau-
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lichen Dunkel,
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Reisset die Retterin wild an den schlagenden Busen,
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und küsst ihr
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Einen gewaltigen markdurchlodernden Kuss, und —
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„agathe,“
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Ruft er, „Agathe, ich flieh. Doch bald mit rü-
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stiger Heerskraft
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Kehr' ich, erstreite dich, theile mit dir mein Bett
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und mein Eyland.“

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Sprachs, und floh durch die Nacht, durch den
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Sturm und den eisigen Regen
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Auf den Flügeln der Freud' und Liebe zum hohen
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Rugard.

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Tief im Schoosse des Eylands bäumet die trotzige
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Scheitel,
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Bäumet den vielfachgefurcheten Rücken der herrliche
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Rugard.
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Seine Stirne graut in ewigen Moose. Die Schlüchte
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Nähren bey höherer Sonne noch Schnee. Gebiete-
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risch schaut er
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Rings um sich her über Länder und Meere. Hier
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hauset' in fester
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Wallumgürteter Burg des stürmischen Rügens Ge-
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bieter,
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Jaromar. Gross war sein Herz und weich und edel.
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Er hatte
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Manche Schlacht geschlagen mit Heeren der
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paner
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Und
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tergefechte.

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„herrscher der Insel,“ so sprach zu ihm der
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entronnene Jüngling,
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Keichend, schütternd von Frost, von Regen träu-
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felnd. Die Locken
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Hingen ihm schlicht um die Schläfe. Doch sass ihm
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Hoheit im Antlitz.
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„herrscher der Insel, erkennest du mich? erkennst
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du des öden
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„reddewisch Herrn? Mich schlug der Ralunk' in
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Fesseln. Die Fesseln
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„trug ich sieben schmähliche Tage. Dann brach sie
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Agathe
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„und die Liebe. Sie harrt. Auf, leihe mir Waf-
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fen und Männer!“

225
Ihm antwortet die heilige Kraft des Inselge-
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bieters:
227
„nimm der Waffen und Männer, so viel du bedarfst,
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mein Geliebter!
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„nimm sie und schlage den frechen Ralunken, ver-
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tilge des Räubers
231
„schändliche Brut, zerstöre sein Nest, und er-
232
rette Agathen.
233
„doch, bevor du dir selber das liebende Mägdlein
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erstreitest,
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„eile, mein Vetter, zur
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und bringe von dannen
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„meine Braut mir, die Tochter des Obotritenher-
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zogs,
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liche Jungfrau;
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„aber sie heimzuholen, verbot mir die Sorge des
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Krieges.
243
„eile, geleite sie her. Dann geh, und kämpf' um
244
Agathen!“

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Freudig vernahm der Jüngling des Fürsten eh-
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renden Antrag.
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Freudig stürmt' er den Rugard hinab, und warf
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sich, wo
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Seine waldige Scheitel den Wogen enthebt, in die
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Schiffe,
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Welche frohlockten, die Braut des geliebten Ge-
252
bieters zu führen.

253
Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie.
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Da grüssten
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Jaromars Segel den Hafen der schönumuferten
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Warne.

257
Warne, dich grüsst mein Gesang. In deinem
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Wellengeriesel
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Grüss' ich dich, segne dich, in deinen Schatten-
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gestaden.
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Warne, mein Herz ist dir hold. Du durchschlän-
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gelst, ein silberner Faden,
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Meines Vaterlands
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Heerden
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Trinken deines Gewässers. Sein trinkt die durstige
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Hindin;
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Sein das Reh und der Keuler des Waldes. Du näh-
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rest der Wiesen
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Gelbbeblümtes Grün. Du wässerst die Wurzeln von
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tausend
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Rauschenden Forsten. Du säugst die Kraft der
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Ulme. Des Eichbaums
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Wurzeln beströmst du, und tränkst die hundert-
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jährige Tanne —
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Warne, mein Herz ist dir hold. An deinen Schat-
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tengestaden
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Sahst du mich wandeln im Schimmer der Jugend.
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Die Blume des Milchhaars
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Spross um mein jugendlich Kinn. Mein funken-
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stäubendes Auge
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Thränte Sehnsucht. Es lechzte das Herz nach Lor-
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beern des Nachruhms
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Und nach den Myrten der Liebe. Von hohem Stau-
284
nen ergriffen,
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Sank ich nieder an deine Gestade. Die weinende
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Birke
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Säuselte mir um das Haupt. Mich umdufteten Quen-
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del und Orant.
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Schlummer umflügelte mich, und sehnsuchttäuschende
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Träume.
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Warne, ich denke dein, und will dein nimmer
292
vergessen,
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Will dich singen, Gesangeswerthe, in meinen Ge-
294
sängen.

295
Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie.
296
Da grüssten
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Jaromars Flaggen den Hafen der schönumuferten
298
Warne.
299
Bräutlich geschmückt empfing sie der Hafen. Den
300
Masten entwallten
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Farbige Wimpel. Den Thürmen entstürmte Feyer-
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geläute.
303
Paukenwirbel, Drommetengeschmetter, unendlicher
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Jubel
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Brauste den Strand entlang, dem Fürstenboten ent-
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gegen.

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Heinrich, der graue Held, Wandaliens herr-
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licher Herzog,
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Schritt hervor, dem Rugen entgegen, im Krieger-
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geschmeide.
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Prächtig deckte sein silbernes Haar der flatternde
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Helmbusch,
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Prächtig die stählerne Schiene die Schenkel. Der
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schuppige Panzer
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Brannt' in der Sonnengluth, wie Erz in der Esse
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des Schmelzers.
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Heregunde, die schönste der Fräulein, die Perle
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des Norden,
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Schimmert' im bräutlichen Schmuck dem frohen Vater
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am Arme.
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Knieend grüsste der Ruge die Züchtigerröthende.
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Bieder
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Hiess ihn der Herzog willkommen. Es wurden in
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Freuden der Tage
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Drey verlebt, mit Turnieren gefeyert, und fest-
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lichen Schmäusen.

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Jammernd erhob sich am vierten die Klage der
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weinenden Trennung.
329
Heregunde, begabt mit des Landes erlesensten
330
Schätzen,
331
Von zwölf blühenden Mägdlein geleitet, den Töch-
332
tern der Edeln,
333
Bot das bange Lebwohl, das letzte, lange, der Hei-
334
math,
335
Sank verstummend dem Vater in Arm, lautschluch-
336
zend der Mutter,
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Fasste sich schnell, wand eilend sich los, sprang
338
hurtig ins Fahrzeug.
339
Hurtig enteilte der gleitende Kiel dem hallenden
340
Ufer.
341
Heregunde bestieg den hohen Spiegel des Schiffes,
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Stand dort, schaute verlangend zurück nach ihren
343
Verlassnen,
344
Breitete sehnend den Arm, und schwang den sil-
345
bernen Schleier,
346
Ob die geliebten Verlass'nen ihn sähen am weichen-
347
den Ufer.
348
Immer ferner entwich das gewünschte Gestade
349
Kaum sichtbar
350
Dämmert' es noch. Es zerfloss auch das dämmernde
351
Grau in die Wolken.
352
Aber sie wähnte noch immer, die Wolke sey heimi-
353
sches Ufer,
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Bis sich der Himmel verhüllte, und Regen stiebten.
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Da flossen
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Ihre Thränen. Sie weinte sich aus. — Die Regen
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versiegten.
358
Wieder kehrte die Heitre des Himmels. Es kehrte
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die Heitre
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Auch auf ihre Stirne zurück. Sie gedachte mit In-
361
brunst
362
Ihres Verlobten, des bräutlichen Tags, und der
363
süssen Vereinung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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