Die Phantasie vor Gericht

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Hermann von Lingg: Die Phantasie vor Gericht (1862)

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Schon lange war sie sehr verdächtig,
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Gekleidet ging sie wunderprächtig
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Und schweifte frei durch Wald und Flur;
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Man kam ihr endlich auf die Spur.
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Sie zogen aus mit Spieß und Stangen,
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Als gält' es einen Wolf zu fangen.
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»halt!« schrien sie, »freche Dirne du!« –
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Sie lachte nur dazu.
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Sie lachte nicht mehr, als ihr Stricke
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Die Hand umschnürt, in Weh zerschmolz
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Ihr trotzig Wort, und nur im Blicke
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Lag noch ein unbesiegter Stolz.

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Gewöhnt, die Menschen zu beschenken,
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Erscheint – unmöglich fast zu denken –
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Die Phantasie nun vor Gericht.
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Zu Tod bleich ist ihr Angesicht. –
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Sie, ganz Empfindung und Gedanke,
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Steht zwischen Schergen vor der Schranke,
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Von allem Volke pöbelhaft
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Beschnüffelt und begafft.
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Was kann der Strenge sie erwidern,
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So grausam innerst bloßgelegt?
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Seht, unter Messern zum Zergliedern,
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Ein arm Geschöpf, das sich noch regt! –

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Und auf der Bank der Übeltäter
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Befragt: Wo sind Sie her? – Vom Äther,
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Entgegnet sie. – Wie alt? – So alt,
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Wie eure Welt. – Ihr Unterhalt? –
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Ich lebe von dem Duft der Blume,
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Vom reinen edlen Menschentume,
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Ach dort, wohin mir nie bis jetzt
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Verfolgung nachgesetzt. –
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Bekennen Sie sich schuldig? – Schuldig?
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Was ist das? Nie hört' ich dies Wort. –
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Die Richter werden ungeduldig
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Und schreiten gleich zur Klage fort.

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Sie haben Aufruhr angestiftet,
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Den ruhigen Verstand vergiftet,
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Verbotnes Feuer angeschürt,
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Verlockt, betrogen und verführt. –
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O mehr noch, ruft sie; aber Richter
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Seid
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Ist sie – wie hoch mit einemmal! –
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Entschwunden aus dem Saal.
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Still wird es in dem dumpfen Pferche,
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Doch vor den Fenstergittern singt
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Im Freien eine Frühlingslerche,
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Die jubelnd sich zum Äther schwingt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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