Zweiflers Nachtgedanken

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann von Lingg: Zweiflers Nachtgedanken (1862)

1
Für Traum in Traum soll ich dies Dasein halten,
2
Für eines Schemens bleichen Widerschein,
3
Und wie mit Herbstlaub wilde Stürme schalten,
4
So soll's verweht vom Hauch der Zukunft sein?
5
Warum sind wir verbannt in Endlichkeit
6
Und in ein Leben, so von Nacht umhüllt,
7
Daß uns entreißen dürfen Tod und Zeit
8
Selbst das, was unser bessres Sein erfüllt?

9
Gott oder Weltgeist, allerschaffend Wesen
10
Und aller Wesen erst' und letzter Grund,
11
Wird unsres Daseins Klagschrift erst gelesen,
12
Wird uns erst Antwort, wenn verstummt der Mund?
13
Warum, wenn unser Geist aus deinem Geist,
14
Warum ein unabänderliches Muß,
15
Das fühllos unser Erdenglück zerreißt
16
Und nur Entsagung führt uns zum Entschluß?

17
Versuch' ich's, diese Rätsel auszuklügeln,
18
Um meine Seele wehn in flücht'ger Spur,
19
In scheuem Flug, wie mit Libellenflügeln,
20
Die Urgedanken, Dämmrungsfalter nur;
21
Und jetzt, da alles rings um mich verstummt,
22
Tönt an mein Herz ein Schauder der Natur,
23
Im Käfer, der noch melancholisch summt,
24
Im Flutgemurmel und im Gang der Uhr.

25
Die Wasser brausen fort ins Bodenlose,
26
Die Sterne fort zum fernsten Ätherreich;
27
Doch Sturz und Sturm ist Ruh' in deinem Schoße,
28
Dein Antlitz sieht in Tag und Nacht zugleich;
29
Aus tiefsten Tiefen des Gebirges schiebt,
30
Jahrtausend' alt, sich Urgestein empor
31
Und strebt zum freien Äther und verstiebt
32
Verwitternd in Atome wie zuvor.

33
Es graben, irrend zwischen Krieg und Frieden,
34
Die Völker ihres Ruhmes Testament
35
In Todesangst auf stolze Pyramiden,
36
Daß eine Nachwelt ihre Namen kennt.
37
Die Früchte reisen ab und werden Staub,
38
Heroen schreiten durch der Zeiten Furt,
39
Doch Blüte, Wachstum, Frucht und fallend Laub
40
Ist Eines dir, Geschichte, Grab, Geburt.

41
Und wir, die all des herrlichen Phantomes
42
Erhabnen Anblick hochentzückt erschau'n,
43
Wir müssen wie in Wogen eines Stromes,
44
All unser Glück, der Enkel Erbe bau'n.
45
Nur so entsteht des Lebens Wichtigkeit,
46
Nur so erblüht des Staubes Unterschied.
47
O, wer durchwandeln jeden Geist der Zeit
48
Und leben könnte, wie ein ewig Lied!

49
Doch du nur quillst lebendig jeder Quelle,
50
Du leitest jede Völkerwanderung
51
Aus Nacht und Kampf zu Freiheit, Sieg und Helle,
52
Lebst jede Hymne der Begeisterung;
53
Und ob verwest die lebende Gestalt,
54
Sie wird von dir zum Lebenskuß verjüngt,
55
Und jedes Einzelklagelied verhallt
56
Im Hallelujah, das dein All dir bringt!

57
So will auch ich das Jubellied erwidern
58
Und ausgesöhnter mit dem Weltgeschick
59
Auf dich vertrau'n, du werdest nicht erniedern
60
Zum Abgrund nicht den freien Menschenblick.
61
O laß die Seele deinem Sonnenschein
62
Wie eine Knospe still entgegenblühn,
63
Vereinigt einst mit aller Wesen Sein,
64
Noch dort, wo deine letzten Sterne glühn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Lingg
(18201905)

* 22.01.1820 in Lindau, † 18.06.1905 in München

männlich, geb. Lingg

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.